Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Infektion mit Schweinevirus: Mexiko meldet mehr als hundert Grippetote

Mehr als hundert Tote in Mexiko, fast 30 Erkrankte in den USA und in Kanada, Verdachtsfälle nun auch in Europa: Die Schweinegrippe breitet sich rasch aus und schürt die Angst vor einer internationalen Bedrohung. Viele Staaten rüsten sich für den Kampf gegen eine mögliche Pandemie - auch Deutschland.

Mexiko-Stadt/Washington/Genf - Trotz strenger Vorsichtsmaßnahmen breitet sich die auf den Menschen übertragbare Schweinegrippe weltweit aus. Die USA haben den nationalen Gesundheitsalarm ausgelöst, in den am stärksten betroffenen Gebieten Mexikos sind die Straßen und öffentlichen Plätze zeitweise wie leergefegt.

Die Zahl der Grippetoten in Mexiko stieg nach Angaben des Gesundheitsministeriums inzwischen auf 103. Wie viele Menschen tatsächlich dem Schweinegrippe-Virus H1N1 erlegen sind, ist aber noch unklar. Bei mindestens 20 Toten wiesen die Behörden den gefährlichen Erreger A/H1N1 nach, Laborergebnisse der anderen Todesopfer liegen noch nicht vor. Die Weltbank sagte dem Land Hilfskredite in Höhe von 205 Millionen Dollar zu.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigte sich besorgt und erklärte, die Grippe habe das "Potential für eine Pandemie", also eine die Kontinente übergreifende Ausbreitung. Noch könne aber nicht gesagt werden, ob es dazu komme.

Weltweit verschärften Staaten jedoch bereits ihre Maßnahmen gegen die gefährliche Grippe, die nach der Mutation des Erregers auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Die USA kündigten an, im Rahmen eines Notfallplans alle aus infizierten Gebieten kommenden Reisenden zu überprüfen. Präsident Barack Obama habe ein "aggressives und koordiniertes Vorgehen" angeordnet, sagte der Berater des Weißen Hauses in Fragen des Heimatschutzes, John Brennen. In den USA wurden bislang 20 Erkrankungen in fünf Bundesstaaten gemeldet. Die Gesundheitsbehörden rechnen mit weiteren Fällen.

Zahlreiche Länder vor allem in Lateinamerika treffen Vorbereitungen, um ein Einschleppen des Virus aus Mexiko und den USA zu verhindern. Mexikanische Behörden spürten mögliche Grippekranke in Wohnungen, auf Flughäfen und Bahnhöfen auf. Erste Länder, darunter Polen, Italien, Russland und Venezuela, sprachen Reisewarnungen für Mexiko aus. Immer mehr Staaten verbieten den Import von Fleisch aus Mexiko sowie den USA und Kanada. Unter anderem China, Russland und Taiwan wollten jeden Menschen, der Symptome des tödlichen Virus aufweist, unter Quarantäne stellen. In Singapur wurden am internationalen Changi-Flughafen Passagiere aus den USA mit Wärmescannern auf mögliche Symptome untersucht.

Der Erreger breitet sich in immer mehr Ländern aus: Kanada meldete sechs bestätigte Fälle, in Neuseeland bestand bei zehn Schülern Verdacht auf eine Erkrankung. Die Behörden begannen mit der Suche nach den Reisenden, die im selben Flugzeug wie die Schüler aus Mexiko gekommen waren. Weitere Verdachtsfälle wurden aus Israel, Brasilien, Frankreich und Spanien gemeldet.

Übertragung von Mensch zu Mensch

Auch wenn in der EU bislang keine Erkrankungen bestätigt wurden, schloss der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Jörg Hacker, nicht aus, dass der Schweinegrippe-Erreger bis nach Deutschland kommt. Das Virus A/H1N1 scheine über alle Eigenschaften für eine weltweite Verbreitung zu verfügen, sagte Hacker der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". Er warnte allerdings vor Panik. Derzeit könne man noch nicht sagen, ob sich die Krankheit überhaupt zu einer weltweiten Epidemie ausweiten werde. Deutschland sei aber für den Fall der Fälle gut vorbereitet.

Durch den neuartigen Erreger kann die Schweinegrippe von Mensch zu Mensch übertragen werden. Die WHO befürchtet deshalb eine weltweite Ausbreitung der Erkrankung, zeigte sich aber davon überzeugt, dass die Welt dieses Mal besser auf die drohende Epidemie vorbereitet sei als etwa bei der Vogelgrippe in Asien.

Nach Angaben des mexikanischen Gesundheitsministeriums werden im ganzen Land derzeit 1614 Grippekranke in Hospitälern behandelt. Mehr als 60 Prozent der Patienten seien auf dem Weg der Besserung. Präsident Felipe Calderón hatte am Sonntag vor dem nationalen Gesundheitsrat noch von 1386 grippekranken Patienten in Krankenhäusern berichtet, davon sei bei 926 Entwarnung gegeben worden. 386 Menschen seien weiter unter Beobachtung in den Hospitälern. Er rief die Bundesstaaten auf, alle Fälle von Grippe zu melden. Speziallabore, die den mutierten Schweinevirus aufspüren können, seien ab Mitte der Woche in Mexiko verfügbar. Bisher müssen die Proben in den USA und in Kanada analysiert werden.

In Mexiko droht nun eine Panik vor der Epidemie, an der allein in Mexiko-Stadt innerhalb von 24 Stunden mindestens fünf Menschen starben. In der Hauptstadt mit 20 Millionen Einwohnern liegt das öffentliche Leben brach. Viele Menschen decken sich mit Vorräten an Nahrungsmitteln und Wasser ein, um sich auf einen längeren Aufenthalt zu Hause vorzubereiten.

Schulen, Museen und andere öffentliche Orte bleiben bis auf weiteres geschlossen, im Azteken-Stadion mit mehr als 100.000 Sitzen fand am Sonntag ein Fußballspiel vor leeren Rängen statt. Die katholische Kirche hat die Pforten ihrer Kirchen für Sonntagsmessen schließen müssen. Die Regelungen gelten zunächst bis zum nächsten Wochenende.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

ffr/dpa/AFP/AP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Schweinegrippe: Kampf gegen die drohende Pandemie
Fotostrecke
Rechenwerk: Modelle zur Seuchen-Prognose


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: