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Influenza-Bekämpfung: Experten wollen mit Erbgut impfen

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Virus gegen Mensch: Die Herstellung eines Impfstoffs gegen ein Pandemie-Virus dauert sechs Monate. Zeit, die im Katastrophenfall Menschenleben kostet. Experten kritisieren heutige Herstellungsmethoden als veraltet - und setzen ihre Hoffnungen auf Impfstoffe aus DNA und RNA.

Noch ist H1N1 ein Influenza-Virus ohne wirklichen Schrecken. Trotzdem wollen Experten einstweilen keine Entwarnung geben. Denn das Virus könnte sich noch verändern, noch gefährlicher werden - und eine Pandemie auslösen.

Seit den Zeiten von Vogelgrippe ist die Welt für die Gefahr einer Pandemie sensibilisiert. Statistisch gesehen ist sie längst überfällig. Wir sind vorbereitet - aber sind wir auch gerüstet?

Im Fall der Fälle gibt es nur drei Waffen gegen ein Pandemie-Virus: Antivirale Mittel, Ausbreitungskontrolle und einen passenden Impfstoff. Tamiflu- und Relenza-Vorräte wurden angelegt, Pandemie-Pläne sind erstellt. Der Impfstoff ist die stärkste Waffe in diesem Kampf, aber: seine Herstellung dauert bis zu sechs Monate.

Im Fall des Falles ist das zu lange, bis die Vakzine verfügbar ist, wird die erste Welle des Virus schon in aller Welt gewütet und viele Opfer gefordert haben. Wie viele weiß keiner - im Nationalen Pandemieplan Deutschlands schätzen Experten anhand von Modellrechnungen die Opferzahlen allein für Deutschland auf rund 100.000 binnen der ersten acht Wochen, Seucheneindämmungsmaßnahmen, der Einsatz antiviraler Mittel und Impfungen sind dabei allerdings nicht berücksichtigt.

Der Weg bis zum Impfstoff sieht derzeit normalerweise wie folgt aus:

  • Ist das Pandemie-Virus bekannt, versuchen Labore weltweit es zu isolieren, zu identifizieren und zu analysieren.
  • Anschließend wählt die WHO ein sogenanntes Seed-Virus aus, auf dessen Basis ein Impfstoff entwickelt wird, der maximalen Schutz auch gegen möglicherweise zirkulierende Virus-Mutanten verspricht.
  • Die Pharmakonzerne beginnen mit der Impfstoff-Produktion: In bebrüteten Eiern wird das Virus nun im großen Maßstab herangezüchtet.
  • In abgeschwächter oder abgetöteter Form sind die Viren die Grundlage eines schützenden Impfstoffs. Dabei entspricht die in einem Ei gezüchtete Virenmenge nicht ganz einer Dosis. Durch Zugabe immunstimulierender Zusatzstoffe - sogenannter Adjuvantien - lässt sich die Menge benötigten Virenmaterials pro Dosis verringern.

Diese Impfstoff-Produktionsmethode hat zahlreiche Nachteile:

  • Die Zucht und Aufreinigung der Viren ist langwierig.
  • Die Aufbereitung des Impfstoffs ist teuer.
  • Aggressive Viren wie beispielsweise die der Vogelgrippe lassen sich nicht in Eiern züchten, denn sie töten die Hühnerembryonen.
  • Die Impfstoff-Produktionskapazität ist ungleich verteilt: "Etwa 80 Prozent werden in den USA und Europa hergestellt", sagt Michael Pfleiderer, Leiter des Fachgebiets Virusimpfstoffe am Paul-Ehrlich-Institut im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die maximale Menge eines Impfstoffs, die mit der Eier-Methode jährlich hergestellt werden kann, beziffert Pfleiderer auf etwa eine Milliarde Dosen. Dabei ist zu bedenken, dass für eine erfolgreiche Immunisierung zwei Impfungen erforderlich sind. Nach etwa sechs Monaten könnten also maximal 500 Millionen Menschen geimpft werden - weniger als ein Dreizehntel der Weltbevölkerung.

Diese Mengen können jedoch nur erreicht werden, wenn die gesamte weltweite Produktionskapazität auf den Pandemie-Impfstoff verwendet wird. Das bedeutet aber auch: Parallel dazu wird nichts anderes produziert - wie beispielsweise Impfstoffe gegen die alljährliche normale Influenza. An ihr sterben jedes Jahr weltweit geschätzte 500.000 Menschen. Gegen dieses Virus hätte man dann nichts mehr in der Hand - eine schwere ethische Entscheidung, bei der abgewogen werden muss zwischen den zu erwartenden Todesfällen durch ein Pandemie-Virus und denen durch normale Grippe. "Angesichts der Pandemie-Gefahr muss diese Entscheidung derzeit gefällt werden", sagt Pfleiderer. "Glücklicherweise sind die Kontingente an Impfstoff für die saisonale Influenza für das Jahr 2009 schon vorhanden."

Ein neuer Ansatz ist die Zucht von Viren in Zellkulturen. Dieses Verfahren steckt aber noch in den Anfängen. Die Pharmakonzerne Baxter und Novartis setzen es bereits ein. Nach Angaben Baxters spare man mit dieser Methode etwa zehn Wochen Zeit - die Kapazität liege bei 1,5 Millionen Dosen pro Woche. Laut Pfleiderer falle das mengenmäßig bei der Herstellung eines Pandemie-Impfstoff zur Zeit noch kaum ins Gewicht. "Der größte Teil des Impfstoffs wird mit der Eier-Methode hergestellt", so Pfleiderer.

Zu langwierig, zu ineffizient und zu teuer seien heutige Strategien der Impfstoff-Herstellung generell, kritisieren Forscher: "Gegenwärtige Methoden der Impfstoffherstellung basieren auf 50 Jahre alter Technologie", schrieb der Biochemiker Gareth Forde bereits im Jahr 2005 in einem Kommentar in der Fachzeitschrift "Nature Biotechnology" angesichts der Gefahr durch Vogelgrippe.

Aber warum hat sich in dieser langen Zeit so wenig getan? Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagte Forde: "Impfstoffe sind kein besonders lukrativer Markt. Man kann mit Medikamenten, die die Leute möglicherweise täglich brauchen, einfach mehr verdienen als mit Impfstoffen, die mitunter nur einmal alle zehn Jahre verabreicht werden müssen."

Zugleich wurden die Vorschriften für die Impfstoff-Herstellung immer strenger - was die Produktionskosten erhöhte. Kurzum: Die Anreize für Pharmahersteller auf dem Impfstoff-Markt seien laut Forde gering. "Daher ist die universitäre Forschung und die anderer wissenschaftlicher Organisationen für die Weiterentwicklung und Entdeckung neuer Impfstoffe so wichtig", sagt Forde.

Große Hoffnungen setzen Wissenschaftler daher auf ganz neue Impfstrategien. SPIEGEL ONLINE stellt die vielversprechendsten vor.

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Forum - Schweinegrippe – Müssen wir Angst vor dem Virus haben?
insgesamt 6202 Beiträge
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1.
IsArenas, 02.05.2009
Nein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
2.
Crackerjack 02.05.2009
Zitat von IsArenasNein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Hierzu ein von Herzen kommender Applaus.
3.
descartes101, 02.05.2009
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Lächerlich. Das Grippevirus rekombiniert sich jede Saison neu, weshalb die Impfungen auch dann nicht mehr wirksam sind. Mal ist es virulenter, mal weniger. Jedenfalls sterben immer auch Menschen daran. Das ganze ist eine haltlose Hysterie, wahrscheinlich damit unsere tüchtigen Regierungen mal behaupten können, sie hätten eine Situation im Griff. Das ist natürlich besonders leicht bei einer Situation, die so oder so nicht eskaliert. Wenn ein hemorrhagisches Fieber wie Ebola durch die Ballungszentren zieht, dann lohnt es sich zuhause zu bleiben. Aber eine dämliche Papiermaske schützt niemanden vor Ansteckung. Das gleiche Prinzip wurde von den USA im kalten Krieg angewendet, wo man den Leuten erzählte, dass es helfe, sich im Falle eines Nuklearangriffs unter den Tisch zu hocken mit einer Zeitung über dem Kopf. Aua, aua. Seit damals hat sich wirklich nichts verändert.
4.
Hans58 02.05.2009
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Nein, wir müssen keine Angst haben, selbst wenn hier zum x-ten Male eine Diskussion über das Thema eröffnet wird.
5.
firefly 02.05.2009
Sie können sich ja gleich mal mit dem Papst zusammentun. Für den ist HIV auch kein Problem und alles nur Panik mache. Und Medikamente im Falle einer HIV-Infektion würde ich ihnen auch nicht empfehlen. Die wirken nämlich garnicht und dienen nur zum Geldschäffeln der Pharmaindustrie. /Ironie
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