Influenza-Erreger Viren mutieren im Bio-Reaktor Schwein

Ist die Schweinegrippe so gefährlich wie die Spanische Grippe? Zu der verheerenden Pandemie von 1918 gibt es Parallelen. Beide Erreger sind H1N1-Viren und springen von Mensch zu Mensch über. Doch die gute Nachricht: Noch wirken gängige Grippemittel.

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Es ist schon einmal passiert: Ein Influenza-Virus vom Typ H1N1 schaffte den Sprung vom Tier auf den Menschen und tötete mindestens 25 Millionen Personen. Das war vor rund 90 Jahren - bei der Spanischen Grippe. Auch jetzt könnte ein H1N1-Virus wieder zu einer Bedrohung für den Menschen werden: "Wenn ein Schweine-Virus es schafft, effizient von Mensch zu Mensch übertragen zu werden, kann es eine Influenza-Pandemie auslösen", heißt es in einem aktuellen Statement der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Dabei kennt das menschliche Immunsystem H1N1-Viren schon seit Jahrzehnten: Nach der Spanischen Grippe hielten sich unterschiedliche Varianten des Virus fast 40 Jahre beim Menschen und verschwanden dann nur vorübergehend. Verdrängt wurden sie 1957 plötzlich von H2N2-Viren, die eine weitere Pandemie auslösten - die Asiatische Grippe. Nachdem das H3N2-Virus 1968 die Hongkong-Grippe ausgelöst hatte, kehrte H1N1 1977 jedoch zurück. "Jetzt sind es meist H1N1- und H3N2-Viren, die die jährliche Grippe auslösen", sagt Hans-Dieter Klenk vom Institut für Virologie an der Philipps-Universität Marburg.

Doch ob die Verwandtschaft zwischen den jährlich zirkulierenden Viren und dem aktuellen Erreger der Schweinegrippe ein Vorteil für die Menschen sein könnte, ist noch ungewiss: "Die Viren sind ziemlich weit voneinander entfernt", sagt Klenk im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Zwar sei es möglich, dass die konventionelle Impfung oder eine durchgemachte Grippe einen Teilschutz vor der Schweinegrippe vermitteln könnten. "Man muss allerdings fürchten, dass keine besonders große Kreuzimmunität durch die Impfung besteht", so Klenk. Von Kreuzimmunität sprechen Mediziner immer dann, wenn die überstandene Infektion mit einem von mehreren Erregertypen zugleich vor einer Infektion mit einem der anderen Typen schützt.

Neben dem Erreger gibt es noch eine weitere Parallele zur Spanischen Grippe von 1918: Während bei der saisonalen Grippe meist Kinder und ältere Menschen sowie Immungeschwächte betroffen sind, starben damals vor allem junge und zuvor gesunde Menschen an der Infektion. Im Fachblatt "Nature" berichteten US-Forscher aus Wisconsin 2007, dass vermutlich eine Überreaktion des Immunsystems schuld daran war. Ob die Schweinegrippe ähnliche Mechanismen im menschlichen Körper provoziert, sei jedoch noch nicht feststellbar, meint Klenk und ergänzt vorsichtig: "Allerdings deuten die Zahlen der Todesfälle in Mexiko darauf hin, dass auch bei der Schweinegrippe nicht die ganz Jungen und die ganz Alten betroffen sind."

Das Schwein als "Mischgefäß"

Was Experten vor allem Sorgen bereitet, ist, dass der Erreger der Schweinegrippe offenbar nicht nur vom Tier auf den Menschen überspringt: "Der aktuelle Ausbruch in Mexiko zeigt, dass man inzwischen auch von einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung ausgehen muss", schreibt das Robert-Koch-Institut in Berlin.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.
Bei der Vogelgrippe in Asien hatten sich Experten stets vor diesem Szenario gefürchtet: Bei dem Erreger H5N1 handelt es sich um ein für Vögel hoch pathogenes Virus, das in Asien in den neunziger Jahren zu einem Massensterben von Zuchtgeflügel führte - und eine Massenkeulung von mehr als 1,5 Millionen Hühnern nach sich zog. Zwar breitete sich das Virus in den folgenden Jahren durch Zugvögel in der Welt aus - doch zu der gefürchteten Pandemie unter Menschen kam es bislang nicht: Zwischen 2003 und 2009 registrierte die WHO 421 Erkrankungs- und 257 Todesfälle - in Mexiko sind es seit Ausbruch der Schweinegrippe schon jetzt über hundert Tote.

Der Unterschied: "Der H1N1-Erreger hat sich offenbar schon ziemlich gut an den Menschen angepasst", erklärt Virologe Klenk. Dabei diente ihm das Schwein vermutlich nicht nur als Wirt sondern auch als sogenanntes Mixing-Vessel, als Mischgefäß: "Man weiß, dass das Schwein für alle Influenza-A-Typen Rezeptoren besitzt", sagt Thomas Dobner, Virologe am Heinrich-Pette-Institut in Hamburg. "Es kann sowohl von den Vögeln als auch von den Menschen infiziert werden, so dass das Schwein sozusagen der perfekte Bio-Reaktor ist, der aktiv dazu beiträgt, dass neue Influenza-Varianten entstehen können."

Derzeit keine Resistenzen

Das sei durch die Biologie des Schweins bedingt: "Es hat in den Zellen, die infiziert werden, offenbar mehr Oberflächen-Antigene, die dann auch mehr Viren aufnehmen können", so Dobner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE . "Und so kommt es hauptsächlich im Schwein zum sogenannten Reassortment der Viren." Das heißt, die genetischen Informationen mehrerer Viren mischen sich - ein neues Virus entsteht. Das kann auch Virologe Klenk bestätigen: "Die Sequenzanalyse des aktuellen Schweinegrippen-Virus hat ergeben, dass die Gene von unterschiedlichen Viren stammen, die ursprünglich Schweine, Vögel oder Menschen befallen haben."

Weil das Virus den Sprung vom Tier auf den Mensch geschafft hat, kann es sich wie alle anderen Influenzaviren ausbreiten: Händeschütteln, Niesen, Husten, Sprechen - die Erreger gelangen vor allem durch Tröpfcheninfektion von einem Wirt zum nächsten.

Die Bilder aus Mexiko zeigen Menschen mit Mundschutz - wenn sie sich überhaupt noch aus dem Haus trauen: Viele der 20 Millionen Einwohner Mexiko Citys decken sich mit Vorräten an Nahrungsmitteln und Wasser ein, um sich auf einen längeren Aufenthalt zu Hause vorzubereiten.

Auch in Spanien gibt es nun den ersten offiziellen Fall, in Deutschland haben Ärzte allerdings noch keine Infektion bestätigt. "Das Risiko ist relativ hoch, dass es auch in Deutschland bald Fälle von Schweinegrippe geben wird", sagt Hans-Dieter Klenk. Die gute Nachricht sei jedoch: "Die gängigen Grippemittel wie Tamiflu und Relenza sind derzeit wirksam gegen die Schweinegrippe." Aktuelle Untersuchungen hatten kürzlich jedoch ergeben, dass Grippeviren des Stammes H1N1 zunehmend resistent gegen den Wirkstoff Oseltamivir werden. Und auch Virologe Klenk meint: "Bei längerem und ausgiebigem Gebrauch der Substanzen haben die Viren viele Möglichkeiten, Resistenzen auszubilden. Doch davon sind wir bislang noch weit entfernt."



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