Ausgegraben

Peru Inka betrieben Küstenschutz mit Muschelmüll

Inka: Küstenschutz mit Muschelmüll Fotos
Dan Belknap

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An der peruanischen Küste haben die Einwohner jahrtausendelang unbewusst Küstenschutz betrieben - mit Abfällen von Meerestieren. Doch als die Spanier einfielen, war der Strand wieder den Elementen ausgeliefert.

Wir haben keine Skrupel, gravierende Spuren in unserer Umwelt zu hinterlassen. Wir holzen Wälder ab und schaffen Wüsten. Wir kehren in weiten Landstrichen auf der Suche nach Rohstoffen und Bodenschätzen das Unterste zu oberst. Doch das Phänomen ist nicht neu. Wo der Mensch lebt, sich bewegt und Abfall produziert, veränderte er schon immer die Umwelt - zum Teil in erheblichem Maße.

Dazu bedarf es auch gar nicht immer riesiger Baumaschinen: An der Mündung des Flusses Chira in den Pazifik an der Norküste Perus reichten dazu riesige Wälle von Küchenabfall: Muschelschalen, hauptsächlich der Arten Donax und Tivela. Die häuften die Küstenbewohner am Strand auf und prägten so maßgeblich den Küstenverlauf - sie schützten ihn vor Erosion. Weit über viertausend Jahre lang ging das so. Von den insgesamt neun Wällen, die längs des Strandes verlaufen, ist der älteste, landeinwärts gelegene rund 5000 Jahre alt, der jüngste, der dem Pazifik am nächsten liegt, gerade einmal 400 Jahre.

Was formt den Wall?

Diese Wälle, berichten der Klimatologe Daniel Belknap und der Anthropologe Daniel Sandweiss in den Proceedings of the National Academy of Sciences, entstanden zunächst allerdings nicht durch Menschenhand, sondern durch einZusammenspiel von El Niño und Erdbeben - und entstehen noch heute. Die Beben sorgen dafür, dass sich durch die tektonischen Bewegungen landeinwärts das Erdreich lockert. Folgen dann, bedingt durch El Niño, heftige Regenfälle, so spülen die Flüsse das Sediment gen Pazifik, wo es erst vor der Flussmündung zur Ruhe kommt.

Nicht jedes Erdbeben formt einen Wall - ebensowenig, wie ein El Niño alleine die Bauarbeiten bewerkstelligen kann. Nur wenn beide Phänomene zeitlich aufeinandertreffen, entsteht eine neue Sedimentformation an der Küste.

Doch die ist nicht von Dauer - es sei denn, sie wird von Menschenhand befestigt. Nur diejenigen Wälle, die in der Vergangenheit mit Muschelabfällen verstärkt wurden, haben die Jahrhunderte überdauert. "Sonst bläst der Wind, der aus Südwest auf die Küste trifft, den losen Sand landeinwärts," schreiben die Forscher in ihrem Aufsatz. Die Muschelschalen halten den Sand regelrecht fest. "Kein Sandwall bleibt lange stabil ohne diese Schutzrüstung aus Muschelabfall."

Kurzer Auftritt der Spanier

Wer waren diese Muschelfischer, die so viel Abfall an der Küste hinterließen, dass sie die Landschaft dauerhaft veränderten? "Es waren verschiedene Gruppen, die durch die Zeiten hinweg die Wälle benutzten und die Abfallhaufen hinterließen", erläutert Anthropologe Sandweiss. "Oder es könnte natürlich auch nur eine einzige Gruppe gewesen sein, deren Kultur sich aber über den Zeitraum von viereinhalb Jahrtausenden änderte."

Die ältesten Artefakte zwischen den Muscheln sind Steinwerkzeuge. Der Archäologe James Richardson konnte sie der Honda Kultur zuordnen: Sie stammen aus einer Zeit, als die Menschen noch keine Keramik herstellten. In den späteren Wällen liegen dann auch Keramikscherben. "Die ältesten gehören zum so genannten Paita-Stil, dann kam der Sechura-Stil und zuletzt der Piura-Stil."

Die Scherben der Piura-Keramik sind die letzten Zeugen menschlicher Aktivitäten am Strand. Diese Töpfe wurden in jenen Tagen hergestellt, als der Spanische Eroberer Francisco Pizarro in der Gegend auftauchte. Am 15. Juli 1532 gründete er am Rand des Chira-Tals die Siedlung San Miguel de Tangarara - die erste spanische Stadt in diesem Teil Amerikas. Das spanische Gastspiel währte nicht lange, bereits im September machte er sich mit seinem Heer ins Landesinnere auf, wo er einen Monat später in der Schlacht von Cajamarca den Inkaherrscher Atahualpa besiegen sollte.

Korrespondenz mit Küstenbevölkerung

So kurz der Auftritt der Spanier auch war, er reichte aus, um die Landschaft für immer zu verändern. Denn mit der Ankunft der Spanier endete die Muschelfischerei an der Küste. Die Inka verschwanden aus der Region. Für die kommenden Jahrhunderte sind sowohl der Strand als auch das Chira-Tal bar jeglicher archäologischen Spuren. Lediglich in den spanischen Städtgründungen geht das Leben weiter - doch das ist in eine andere Richtung gewandt: landeinwärts, nicht mehr hinaus auf die See.

Archäologisch ist der Bruch ganz deutlich zu fassen. Keine Muschelschalen schützen mehr die neuen Ablagerungen. Jeder neu geformte Wall wird nun vom Wind landeinwärts getragen. "Der letzte gut erhaltene Wall korrespondiert zeitlich mit der spanischen Eroberung. Wir können die Ausrottung der Küstenbevölkerung nach dem Kontakt mit den Europäern in direkten Zusammenhang mit einer deutlich andersartigen Geomorphologie westlich des neunten Walls in Verbindung bringen," schließen die Forscher.

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welthungerkrise 02.06.2014
joachim_m. 02.06.2014
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joachim_m. 02.06.2014
welthungerkrise 03.06.2014
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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