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Insekten-Archäologie: Leichenschmaus mit Madengraus

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Es war ein Totenkult der besonderen Art - der Stamm der Moche in Peru ließ seine Verstorbenen von Insekten verspeisen. Die Indios glaubten, dass nur so Seelen befreit werden. Forscher fanden jetzt heraus: Erst wenn die Insekten satt waren, wurden die Toten begraben.

Moche-Kultur: Fliegen befreien Seelen Fotos
REUTERS

Ein Kadaver, der vor Maden wimmelt - allein die Vorstellung löst bei den meisten Menschen Fluchtreflexe aus. Schließlich kann uns schon die Anwesenheit einer Schmeißfliege nervös machen. Wo hat sie mit ihren sechs Beinen zuletzt geklebt?

Doch es gab Kulturen, in denen Fliegen willkommene Gäste waren - wie die Moche, die vom ersten bis zum achten Jahrhundert an der Nordküste Perus lebten. Sie pflegten einen bizarren Brauch: Sie boten den Aasfressern ihre Verstorbenen zum Schmaus an.

Deren Seelen werden von den Fliegen befreit und wieder in die Welt hinausgetragen, glaubten die Moche. Erst wenn genügend Insekten den Körper leergefressen hatten, konnte man ihn begraben.

Belege für diese Annahme entdeckt haben der Archäologe Jean-Bernard Huchet von der Université Bordeaux und der forensische Insektenforscher Bernard Greenberg von der University of Illinois in Huacas de Moche. Am Fuß der "Mondpyramide" Huaca de la Luna nahe der Stadt Trujillo fanden sie in einem Grab auffällig viele Insektenreste. "Sie lagen hauptsächlich im Bereich des Skelettes und in den vier Ecken des Grabes", sagt Huchet. Auch die vier Gefäße, die der Tote als Grabbeigaben mitbekommen hatte, waren voll davon.

Fliegen befreien die Seele

Fast 200 leere Insektenhüllen siebte der Ausgräber aus der Erde des Grabes. "Das sind natürlich immer noch wenige, wenn man den Gesamtbefall betrachtet, der stattgefunden haben muss", meint Huchet. "Wahrscheinlich sind dies nur die letzten Reste aller geschlüpften Fliegen, die letztendlich mit dem Körper begraben wurden."

Das Grab wurde offenbar noch einmal geöffnet, als Fleisch und Sehnen schon weitgehend der Verwesung zum Opfer gefallen waren. Dabei gerieten die Knochen etwas durcheinander. Der linke Unterarm sowie die Unterschenkel sind abhandengekommen, den rechten Oberarmknochen legten die Nachfahren des etwa 20- bis 30-jährigen Mannes falsch herum an seinen Platz zurück. Auch der Schädel war zum Zeitpunkt der erneuten Graböffnung schon entfleischt. Den Knochen bemalten die Moche mit Zinnober, in den Mund steckten sie Kupferplättchen.

Die Insektenreste verraten, wie lange der Leichnam den Fliegen als Brutplatz diente, ehe er unter die Erde kam. Die Tiere gehören vornehmlich zu den Schmeißfliegen (Calliphoridae), den echten Fliegen (Muscidae) und den Fleischfliegen (Sarcophagidae). Auch der Flügel eines Erdkäfers (Omorgus suberosus), dessen Larven sich ebenfalls von Aas ernähren, war unter den Insektenresten. Auch Erzwespen bekamen einen Teil des Leichenschmauses ab: Kleine Ausschlupflöcher an den Puppenhüllen der Fliegen weisen auf ihre Gegenwart hin.

Detektivarbeit an Insektenresten

Wie ein Detektiv machte sich Greenberg an die Arbeit, die Tage nach dem Tod des jungen Mannes zu rekonstruieren: "Die Zusammensetzung der Fauna aus einem Begräbnis und die Entwicklungsstadien der gefundenen Spezies können wertvolle Informationen geben." Im warmen, tropischen Klima gehören die Vertreter der Schmeißfliegenart Cochliomyia macellaria zu den ersten, die einen Leichnam besiedeln. Da sie ihre Eier nur in totes Gewebe legen, zieht der Verwesungsgeruch sie unwiderstehlich an. Auch Compsomyiops verena, eine weitere Schmeißfliegenart, gehörte mit zur ersten Welle der neuen Siedler.

Nach den Schmeißfliegen kamen die echten Fliegen. Ophyra aenescens wird erst durch jene Duftstoffe angelockt, die bei der fortgeschritteneren Verwesung freigesetzt werden. Gleiches gilt für Synthesiomyia nudiseta van der Wulp, deren Weibchen erst um den 13. Tag nach Eintritt des Todes mit der Eiablage im Kadaver beginnen.

Am Ende folgten die Fleischfliegen. Die Weibchen legen keine Eier, sondern deponieren die Larven direkt in dem Leichnam. Fast alle Puppen der Fleischfliegen aus dem Grab waren allerdings einem Massaker zum Opfer gefallen: Erzwespen hatten die Puppenhüllen durchbohrt und ihre Eier hineingelegt. Als die Larven schlüpften, fraßen sie zunächst ihre Wirte auf und bohrten sich schließlich ein winziges Loch hinaus an die Freiheit.

Die Erdkäfer zählen zu den letzten Tieren, die auf einer Leiche erscheinen. Sie fressen, was übrig bleibt: Haut und Sehnen, die gerne schon etwas angetrocknet sein dürfen. Die Weibchen legen ihre Eier dann nicht direkt in ihr Futter hinein, sondern in die Erde darunter. Hier fand Huchet auch das Flügelfragment mit den für Erdkäfer typischen Knubbeln.

Wochenlang über der Erde verwest

"Die Lebenszyklen und Gewohnheiten der gefundenen Insekten lassen darauf schließen, dass der Leichnam mindestens drei bis vier Wochen lang über der Erde oder in einem offenen Grab aufgebahrt war", sagt Greenberg. Innerhalb einer Woche verspeisten die Insekten mindestens 50 Prozent des Leichnams, inklusive des Gehirns und der inneren Organe. Im Nahen Osten gebe es ein Sprichwort, sagt der Insektenforscher: "Drei Fliegen fressen mehr als ein Löwe."

Fliegen spielten in vielen alten Kulturen eine Rolle. Die Ägypter zum Beispiel hatten große Angst vor ihnen. Sie ließen sich mit Amuletten in Form von Fliegen bestatten, die Insekten fernhalten sollten. Die Vorstellung, dass eine Fliege sich von ihrem Fleisch ernähren und dabei ihre Seele - ihr Ka - mit verspeisen und damit davonfliegen könnte, war für sie der blanke Horror. Noch heute herrscht in ländlichen Teilen Ägyptens der Aberglaube, die metallisch glänzenden Schmeißfliegen könnten die Seele eines Vorfahren in sich tragen.

In Nordamerika hatten die Insekten ein wesentlich besseres Image - nicht nur bei den Moche. "Viele nordamerikanische Stämme praktizierten ähnliche Riten, bei denen der Körper vor dem Begräbnis erst einmal lange Zeit offen aufgebahrt wurde", erklärt Huchet. "Zum Beispiel die Hidatsa, die Arikara, die Mandand oder die Sioux." Sie platzierten die Toten auf einem Gerüst und begruben sie erst, als die Verwesung bereits weit fortgeschritten war. "Es gibt Belege, dass in den präkolumbischen Kulturen Südamerikas Leichen einige Zeit nach dem Erstbegräbnis in einem Zweitbegräbnis noch einmal umbestattet wurden."

Die Moche malten sogar Bilder von den Seelen fressenden Fliegen. Auf einem Gefäß im Ethnologischen Museum Berlin sieht man tanzende Skelette, über deren Köpfen eine Fliege kreist. Im chilenischen Colchagua-Museum steht ein weiteres, auf dem Moche-Krieger Gefangene vor sich hertreiben. Offensichtlich sind die Unglücklichen dem Tod geweiht, denn über ihren Köpfen schweben die Fliegen schon in Warteposition, bereit zur Eiablage.

Leider ist das Grab von der Mondpyramide noch die große Ausnahme. "Wenn Ausgräber nicht von vornherein eine entomologische Untersuchung planen, übersehen sie in der Regel die Insektenreste", sagt Huchet, "weil sie einfach so winzig sind."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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1. Wertung
Hikari27 07.10.2010
@Sie pflegten einen bizarren Brauch: Sie boten den Aasfressern ihre Verstorbenen zum Schmaus an. In einem wissenschaftlichen Artikel sind unbedingt wertende Aussagen wie "bizarrer Brauch" zu vermeiden. Es werden keine Weltanschauungen verhandelt, sondern wissenschaftliche Fakten. Demnach wäre der christliche Bestattungsritus ebenso bizarr. Das ist aber nicht der Untersuchungsgegenstand.
2. .
Pnin, 07.10.2010
Zeigt wunderschön, wie grenzenlos kreativ Menschen sein können, wenn es um völlig beknackte Ideen geht.
3. Geschmeiß in toten Leichen
Ylex 07.10.2010
Schön pünktlich zum Mittagessen haben Sie diesen Artikel eingestellt... ekelhaft, das muss man doch gar nicht wissen, das mit diesen alten Indianern und ihrer Vorliebe für Geschmeiß in toten Leichen - mir fällt ja fast die Frikadelle aus dem Hals.
4. Anspruch bei SPON???
El Mozo, 07.10.2010
Zitat von Hikari27@Sie pflegten einen bizarren Brauch: Sie boten den Aasfressern ihre Verstorbenen zum Schmaus an. In einem wissenschaftlichen Artikel sind unbedingt wertende Aussagen wie "bizarrer Brauch" zu vermeiden. Es werden keine Weltanschauungen verhandelt, sondern wissenschaftliche Fakten. Demnach wäre der christliche Bestattungsritus ebenso bizarr. Das ist aber nicht der Untersuchungsgegenstand.
Völlig richtig, das würde man in einem wissenschaftlichen Artikel nicht. Aber Sie sind hier auf der Seite von SPON, das hat mit wissenschaftlichem Anspruch soviel zutun wie Frauentausch auf RTL 2. Ich glaube auch nicht, dass der Autor überhaupt intellektuell in der Lage dazu ist, Ihre Kritik zu verstehen. Bizarr ist halt alles, was er nicht versteht und ihm fremd vorkommt.
5. auch heute noch brauch
flitzfriz 07.10.2010
u.a. die parsen machen das doch heute noch so. warum also die aufregung??? :-) http://de.wikipedia.org/wiki/Dakhmah
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Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.

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