News aus Boston Was ein Graupapagei besser als ein Vierjähriger kann

Wenn es um ein leckeres Getränk geht, schlägt die Intelligenz von Graupapageien selbst die von so manchem Kleinkind. Außerdem in den Wissenschaftsnews: gesunkene Lebenserwartung und gefährliche Hirnverletzungen.

Graupapagei
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Graupapagei

Aus Boston berichtet


  • DER SPIEGEL/ Rick Friedman
    Johann Grolle berichtet als Korrespondent für den SPIEGEL aus Boston. "Das ist die Welthauptstadt der Wissenschaft", sagt der langjährige Leiter des SPIEGEL-Ressorts Wissenschaft/Technik. An dieser Stelle schreibt er, was Forscher am MIT, der Harvard University und anderswo in den USA bewegt.

+ + + Drogenproblem schlägt medizinischen Fortschritt + + +

Wer argwöhnt, dass das raue soziale Klima in den USA dem Wohlergehen der Menschen schadet, der darf sich durch neue Zahlen bestätigt sehen: Zum zweiten Mal in Folge sank die Lebenserwartung in Amerika, auf nunmehr nur noch 78,6 Jahre. Zwei Jahre Rückgang nacheinander: So etwas hat es seit mehr als 50 Jahren nicht mehr gegeben.

Robert Anderson, der Chef der Mortalitätsstatistik bei der Seuchenzentrale CDC, zögert zwar, von einem Trend zu sprechen ("dafür sind zwei Datenpunkte noch zu wenig"), doch findet auch er die Zahlen "beunruhigend". Zumal am schlimmsten vom Rückgang ausgerechnet jene Bevölkerungsgruppe betroffen ist, bei der die Todesraten ohnehin am höchsten liegen: bei schwarzen Männern.

Klare Ursachen für die höhere Sterblichkeit werden im CDC-Bericht nicht benannt. Auf Nachfrage jedoch bestätigte Anderson den naheliegenden Verdacht: Zwar sei die häufigste Todesursache, die Herzerkrankung, dank medizinischer Fortschritte nach wie vor rückläufig, doch wurde dieser Rückgang inzwischen vom Anstieg der Zahl der Drogentoten überholt. Die lag im Jahr 2016 bei 63.600.

+ + + Gewalt im Kopf + + +

Es ist nicht seine Tat allein, die Charles Whitman berühmt gemacht hat. An einem Montagmittag vor 51 Jahren bestieg der damals 25-jährige Student den zentralen Turm seiner Universität in Austin, Texas, und feuerte von der Aussichtsplattform wahllos auf Passanten. Bis heute ist der Amokläufer ein interessanter Fall für Neurowissenschaftler. Denn bei der Autopsie fand man in seinem Gehirn einen Tumor. Seither rätseln die Forscher: Ist es möglich, dass es diese Wucherung war, die in Whitman Mordgelüste weckte?

Foto von Charles J. Whitman
AP

Foto von Charles J. Whitman

Eine Studie der Harvard-Universität könnte nun helfen, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Die Forscher haben 17 Probanden aufgespürt, die kurz nach einer Hirnverletzung straffällig wurden. Im Tomografen stellten die Wissenschaftler zunächst fest, dass bei jedem der Probanden eine andere Hirnregion im Frontal- oder Schläfenlappen betroffen war. Auffällige Übereinstimmung fanden die Forscher erst, als sie guckten, wohin die Nervenleitungen von den verletzten Arealen aus führten: Sie mündeten auffallend häufig in ein Netzwerk von Hirnzentren, das am Fällen moralischer Urteile beteiligt ist.

Bei der Deutung ihrer Befunde geben sich die Harvard-Forscher zurückhaltend: Noch sei es zu früh zu sagen, ob sich bei bestimmten Menschen eine Neigung zu kriminellem Verhalten daraus ableiten lasse. Auch juristische Schlussfolgerungen mögen die Studienautoren lieber nicht ziehen: Ob, wer ein Verbrechen als Folge einer Hirnverletzung begeht, deshalb schuldunfähig sei, das müssten Anwälte oder Richter entscheiden.

+ + + Schlaues Papageienhirn + + +

Ja, Irene Pepperberg forscht immer noch an ihren Graupapageien, seit nunmehr rund 40 Jahren. Berühmt wurde sie mit ihrem Zögling Alex, dem sie beibrachte, Farbe, Form, Material und Anzahl von Objekten zu erkennen. Seit ihr gefiederter Star im Jahr 2007 im Alter von 31 Jahren starb - für Papageien ein sehr frühzeitiger Tod -, hat sie ihre Experimente mit dessen Nachfolgern Arthur und Griffin fortgesetzt.

Letzterer hat die Forschung gerade um eine weitere Erkenntnis bereichert: Was das Abschätzen von Flüssigkeitsmengen betrifft, sind Graupapageien fünf- oder gar sechsjährigen Kindern ebenbürtig. Pepperberg wiederholte mit ihrem Papagei einen klassischen Versuch des großen Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget. Der geht so:

Man biete einem Vierjährigen zwei identische Gläser voll Saft und frage ihn, aus welchem er lieber trinken würde. Der wird kichern und dann erklären, das sei doch egal, in beiden sei ja gleich viel drin. Schüttet man nun aber den Inhalt des einen Glases vor seinen Augen in einen hohen, schmalen Becher, den des anderen hingegen in eine flache Schale, wird das Kind nicht lange zögern: Es greift zu dem Gefäß mit dem höheren Pegel. Dass die Flüssigkeit beim Umkippen nicht mehr geworden sein kann, erfasst sein Verstand noch nicht.

Graupapagei Griffin jedoch ließ sich nicht narren. Aufmerksam verfolgte er, was die Forscher da taten, und ließ sich selbst dann nicht austricksen, als diese beim Umgießen die Arme überkreuzten. Einmal mehr zeigt sich damit: Vögel sind erstaunlich clever, "Spatzenhirne" werden zu unrecht diffamiert.



insgesamt 11 Beiträge
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zeichenkette 02.01.2018
1. Hmm
bevorzugt ein Vogel nicht immer flachere Gefäße? Klingt von der Versuchsanordnung her jedenfalls nicht unproblematisch.
rainerwäscher 02.01.2018
2.
Der Papagei trinkt in jedem Fall aus der flchen Schale, weil das viel bequemer für ihn ist. Die Menge ist ihm egal, weil sie sowieso seinen Bedarf übersteigt. Da hilft auch nicht das Kreuzen der Arme. (Was soll das überhaupt bedeuten? )
lobivia 02.01.2018
3. Spatzenhirn?
Vögel haben eine höhere Neuronendichte.
Neviusia 02.01.2018
4. Was ist nun klüger?
Aber was ist daran klüger aus der Schale zu trinken als aus dem Glas? Die Mengen sind doch gleich. Es ist, wie das „hypothetische“ Kind zu Beginn kichernd feststellt, egal. Dass ein Kind aus einem Glas trinkt und nicht aus einer Schale ist doch einfach Gewohnheit und deutlich praktischer fürs Kind. Und der Vogel kann wohl ohne Zweifel besser aus der Schale trinken. Mag sein, dass das Kind fälschlicherweise davon ausgeht, dass im Glas nun mehr ist (das ganze wird vermutlich auch verbal begleitet/ erfragt), aber dass der Vogel klüger ist bzw. die Menge besser einschätzen kann, kann man m.M. nach nicht ableiten (auch wenn ich es für durchaus möglich halte).
Lord Menial 02.01.2018
5. Was würde Polly tun?
Zitat von NeviusiaAber was ist daran klüger aus der Schale zu trinken als aus dem Glas? Die Mengen sind doch gleich. Es ist, wie das „hypothetische“ Kind zu Beginn kichernd feststellt, egal. Dass ein Kind aus einem Glas trinkt und nicht aus einer Schale ist doch einfach Gewohnheit und deutlich praktischer fürs Kind. Und der Vogel kann wohl ohne Zweifel besser aus der Schale trinken. Mag sein, dass das Kind fälschlicherweise davon ausgeht, dass im Glas nun mehr ist (das ganze wird vermutlich auch verbal begleitet/ erfragt), aber dass der Vogel klüger ist bzw. die Menge besser einschätzen kann, kann man m.M. nach nicht ableiten (auch wenn ich es für durchaus möglich halte).
Ein Graupapagei würde vermutlich, wenn er mit seinen Krallen einen "link" anzuklicken imstande wäre, erst einmal den "ver-link-ten" Text https://news.harvard.edu/gazette/story/2017/12/harvard-researchers-test-intelligence-of-african-grey-parrot/ lesen, um in Erfahrung zu bringen, was die Forscher im Einzelnen getan haben (leider nur Text, keine Bilder). Jeder sprechende Papagei würde zustimmen, daß das eine gute Idee wäre.
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