Steile These Nein, Intelligenz wird nicht ausschließlich von Müttern vererbt

"Von diesem Elternteil erben Kinder ihre Intelligenz", "Sorry Männer, aber Intelligenz wird von Müttern vererbt" - diese Meldung macht gerade die Runde. Da ist nicht viel dran.

Im Bio-Unterricht aufgepasst?
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Im Bio-Unterricht aufgepasst?

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es ist eine dieser Geschichten, die so schön klingt, dass man sie schlecht ignorieren kann: Wie schlau ein Kind wird, bestimmen angeblich die Gene der Mutter - allein oder zumindest zum größten Teil, berichten Medien wie "Focus", "Welt" und "Businessinsider". Sie beziehen sich alle auf einen Blog-Eintrag bei "Psychology Spot". Und natürlich werden solche Nachrichten viel in den sozialen Netzwerken geteilt.

Laut den Artikeln "liegen die Gene, die beeinflussen, wie clever wir sind, auf dem X-Chromosom", es "trägt das Erbgut für Intelligenz". Und weil Frauen nun mal zwei X-Chromosomen hätten, Männer aber nur eines, bestehe die doppelte Chance, die Intelligenz von der Mutter zu erben. Doch was ist dran an den Meldungen:

Trägt das X-Chromosom wirklich das Erbgut für Intelligenz?

Was genau Intelligenz ist und was sie ausmacht, darüber lässt sich streiten. Ein etabliertes Maß ist der Intelligenzquotient (IQ), der Wert, den jemand beim IQ-Test erreicht.

Untersuchungen von eineiigen und zweieiigen Zwillingen sowie Familien mit adoptierten Kindern legen nahe, dass die Genetik rund 50 Prozent des unterschiedlichen Abschneidens beim IQ-Test erklärt. Die andere Hälfte beruht auf den Lebensumständen.

Trotz vieler Bemühungen haben Wissenschaftler bisher keine einzige Genvariante entdeckt, die allein für einen deutlichen IQ-Unterschied verantwortlich ist. Sie nehmen deshalb an, dass sehr viele Gene beteiligt sind, deren Varianten jeweils nur einen sehr kleinen Einfluss auf den IQ haben.

Es gibt Forscher, die berichten, dass sich mit der Intelligenz verbundene Gene auf dem X-Chromosom häufen. Denn bekannt ist, dass dort überdurchschnittlich viele Gene liegen, die in entsprechenden Varianten bei geistiger Behinderung zu finden sind. Chinesische Forscher haben 2014 eine Schätzung gewagt: Obwohl das X-Chromosom nur 3,4 Prozent der menschlichen Gene enthalte, seien rund 16 Prozent der den IQ beeinflussenden Gene dort zu finden. 16 Prozent - weit entfernt von 100 Prozent!

Wie war das nochmal mit der Vererbung?

Frauen haben in aller Regel zwei X-Chromosomen (XX), Männer ein X- und ein Y-Chromosom (XY). Diese beiden - X und Y - werden deshalb Geschlechtschromosomen genannt. Mit wenigen Ausnahmen vererben Mütter ihren Kindern ein X-Chromosom; Väter geben entweder ein X (an Töchter) oder ein Y (an Söhne) weiter.

Dass sich das Weitergeben eines von zwei X-Chromosomen nicht damit gleichsetzen lässt, seine Intelligenz zu vererben, ist aber klar.

Werden Gene vom Vater, die zum IQ beitragen könnten, immer ausgeschaltet?

In den Artikeln geht es nicht allein ums X-Chromosom. Laut "Welt" werden die Gene für die kognitiven Funktionen komplett deaktiviert, wenn sie vom Vater stammen. Für unsere Intelligenz seien sogenannte konditionierte Gene verantwortlich, die grundsätzlich von Vater oder Mutter vererbt werden, heißt es. In diesem Falle stammten sie fast ausschließlich von der Mutter.

Gemeint ist wohl die sogenannte genomische Prägung (englisch: "Imprinting"): Wie aktiv ein Gen ist, hängt in einigen Fällen davon ab, ob es von Mutter oder Vater vererbt wurde. Ein Beispiel für Imprinting sind vermutlich Liger (Nachkommen von Löwen-Männchen und Tiger-Weibchen) und Tigon (Nachkommen von Löwen-Weibchen und Tiger-Männchen). Während Tigons etwa so groß und schwer wie ihre Eltern sind, können Liger gut 400 Kilo auf die Waage bringen und überragen ihre Eltern deutlich, sie sind größer als alle anderen Raubkatzen. Wer Vater ist und wer Mutter, ist also bei dieser Kreuzung nicht egal.

Liger im Zoo
AP

Liger im Zoo

Aber zurück zur Intelligenz. Den Zusammenhang von Imprinting und Hirnentwicklung untersuchen Forscher unter anderem an Frauen, die das Turner-Syndrom haben: Sie tragen in ihren Zellen nur ein X-Chromosom und weder ein zweites X noch ein Y. Frauen mit Turner-Syndrom sind in der Regel normal intelligent.

Weil dieses X von Vater oder Mutter stammen kann, deuten Unterschiede zwischen Turner-Frauen auf Imprinting-Effekte. Laut Studien existieren Unterschiede.

Aber was man schon daran erkennen kann, dass Frauen mit einem vom Vater geerbten X-Chromosom leben: Es werden offensichtlich nicht sämtliche vom Vater stammende Gene abgeschaltet, die mit dem Denken zusammenhängen.

Zusammengefasst: Es gibt keine plausiblen Hinweise darauf, dass die Intelligenz größtenteils oder gar ausschließlich von Müttern vererbt wird. Es stimmt weder, dass alle Gene, die mutmaßlich den IQ beeinflussen, auf dem X-Chromosom sitzen, noch dass alle von Vätern stammenden Gene mit IQ-Einfluss abgeschaltet werden.

insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
ambulans 13.10.2016
1. solche
"studien-ergebnisse" nennt man doch gewöhnlich >vulgär-biologistisch - oder?
steinbock8 13.10.2016
2. Eine frage der Sichtweise
Ist denn Intelligenz allein überlebensfähig nein also zum Leben gehören so viele Aspekte das man sich nicht allein auf die sogenannte Intelligenz kaprizieren kann außerdem sind die Gene zweier Partner für die verschiedenen Aspekte des Mensch sein verantwortlich und was ist mit der epigenetik was ist mit dem zweiten Gehirn des Magens usw usw diese Nachricht ist ein schlecht gemachter Fake wer das für sich in Anspruch nimmt kann für sich kein hohen itelligenzgrad in Anspruch nehmen
geando 13.10.2016
3. Chromosomenzahl
Man möge mich berichtigen, aber hat der Mensch nicht 46 Chromosomen auf denen der "Code" für das Erbgut liegt? Davon sind, meines Wissens nach, nur zwei "Geschlechtschromosomen". Wenn jedes Elternteil also 23 Chromosomen inklusive 1 Geschlechtschromosom als "Code" vererbt, wieso wird dann die ganze Vererbungsfrage stets auf die zwei Geschlechtschromosomen reduziert? Kommt nicht ein viel grösserer Teil des Codes sowieso von den vielen anderen Chromosomen? Oder liege ich hier falsch?
supergrobi123 13.10.2016
4. Purer Sexismus?
Was genau an dieser (Falsch-)Meldung klingt denn "zu schön", dass man es schlecht ignorieren könne? Na klar. Die (Falsch-)Meldung klingt erstmal, als sei Intelligenz "frau gemacht". Frauen sind schlau. Männer von sich aus nicht. Sondern nur, weil Frau ihnen die Intelligenz veerbt. Man stelle sich vor, die (Falsch-)Meldung wäre andersrum gewesen und ein männlicher Autor hätte einen Artikel mit dem Worten begonnen: "Es klingt zu schön um wahr zu sein!". Wieviele Frauen wären wohl mit der Sexismuskeule um die Ecke gekommen? Oder wenn ich nun schreiben würde: "Es klingt fast zu super, um es glauben zu können, aber niedrige IQs und geistige Behinderungen werden ausschließlich von Frauen vererbt!" Na? Wie super klänge das dann aus dieser Warte? Nicht mehr so super? Sondern wie ein ekliger Machospruch? Hm.
vo2 13.10.2016
5. Ja genau
deshalb achten wir Männer bei der Partnerwahl auch nur darauf, dass wir eine Nobelpreisträgerin abkriegen. Aussehen ist da völlig nebensächlich.
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