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Internationaler Drogenbericht: Cannabis-Plantagen boomen in Deutschland

Die Drogen-Kontrolleure der Vereinten Nationen schlagen Alarm: Weil die Grenzkontrollen strenger werden, boomen auch in Deutschland professionelle Cannabis-Plantagen. Experten beklagen "erschreckende Ausmaße".

Wien - Die weltweiten Drogenrouten haben sich in den vergangenen Jahren massiv verändert, so das Fazit des Internationalen Suchtstoff-Kontrollrats (International Narcotics Control Board, kurz INCB) in seinem aktuellen Bericht. Der Grund dafür seien bessere Kontrollen. Früher seien die meisten Drogen über die Karibik nach Europa gekommen, so die Experten. Heute komme die gefährliche Fracht eher aus Westafrika - oder werde gleich hierzulande angebaut.

Zum Beispiel Cannabis: Das Kraut wird nach den Erkenntnissen der Drogen-Fachleute immer seltener nach Europa geschmuggelt, sondern inzwischen in professionellen Plantagen in Ländern wie Deutschland, Belgien und den Niederlanden gezüchtet. Nach Angaben von Pavel Pachta vom INCB-Sekretariat ist Cannabis - die am häufigsten in Deutschland konsumierte illegale Droge - dadurch deutlich wirksamer als früher.

Turbo-Cannabis aus Gewächshäusern

Die Wirkstoff-Konzentration der in Gewächshäusern angebauten Drogen kann bis zu vier Mal höher sein als bei herkömmlich angebautem Marihuana, wie jüngst das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt warnte. Als Gründe gelten die professionelle Bewirtschaftung und das nicht selten genmanipulierte Saatgut.

Deswegen seien in Europa die behandlungsbedürftigen Folgen des Haschisch-Konsums stark angestiegen, obwohl die Zahl der Konsumenten etwas kleiner geworden sei, erklärte Pachta. Für Deutschland weist die Statistik einen Anteil von 4,3 Prozent der 18- bis 19-Jährigen aus, die angeben, regelmäßig Cannabis zu konsumieren. Vor 15 Jahren lag diese Zahl etwa um die Hälfte höher.

Die steigende Zahl von Cannabis-Plantagen hierzulande macht auch der deutschen Vertreterin des INCB Sorgen: "In Deutschland hat der illegale Cannabis-Anbau in professionell eingesetzten Glashäusern seit 2002 in erschreckendem Maße zugenommen", sagte Carola Lander, die frühere Chefin der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Doch auch andere Drogen bereiten den Experten Sorgen: So nimmt der Kokainkonsum in Europa zu, ebenso wie die Kokainsendungen speziell nach Deutschland. Auch bei Heroin ist die Lage nach wie vor wenig hoffnungsfroh: 3,3 Millionen Europäer sind abhängig von der Droge.

Problemfall Afghanistan

Der teuflische Stoff kommt auf drei Routen nach Europa - über die Türkei, die Russische Föderation und aus Pakistan per Flugzeug oder Schiff. Die meisten westeuropäischen Länder berichten zwar von sinkenden Heroinsicherstellungen, doch Spanien und Deutschland weisen höhere Fallzahlen auf als im Vorjahr. Das auf den illegalen Märkten in Europa angebotene Heroin stammt fast vollständig aus Afghanistan.

Das Land am Hindukusch erklimmt beim Drogenanbau immer neue Rekordmarken: Im vergangenen Jahr stieg der illegale Schlafmohnanbau um satte 17 Prozent - trotz aller internationalen Anstrengungen. Das bedeutet, dass in dem Krisenstaat im vergangenen Jahr 8200 Tonnen Opium produziert wurden. Besonders fatal ist, dass immer wieder größere Mengen Essigsäure-Anhydrid auf unbekannten Wegen ins Land kommen. Die Chemikalie wird zur Herstellung von Heroin genutzt. "Afghanistan muss mehr tun, um sein eskalierendes Drogenproblem in den Griff zu bekommen", fordert das INCB. Doch das dürfte ein frommer Wunsch sein, wenn man die Schwäche der afghanischen Sicherheitskräfte bedenkt, die diese Aufgabe bestenfalls mit massiver internationaler Hilfe schultern können.

Hilfe könnte indes auch das INCB selbst gebrauchen, der die Einhaltung der Uno-Abkommen zur Drogenkontrolle überwacht. Wegen Finanzproblemen konnte die Gruppe von 13 unabhängigen Experten im vergangenen Jahr gerade einmal elf Länder inspizieren. Eigentlich sind fast doppelt so viele Reisen geplant. In jedem Fall ist der Rat von der Hilfe der Mitgliedsländer abhängig: Die mehr als 160 Vertragsstaaten sind verpflichtet, regelmäßig Informationen zu liefern. Doch längst nicht alle Länder tun das auch, und so werden unter anderem die USA, Japan, die Niederlande und Irland im INCB-Bericht für ihre schlechte Informationspraxis abgewatscht.

Kritik auch an Deutschland

Auch Deutschland muss sich Kritik der Experten gefallen lassen - jedoch nicht, weil Berichte fehlen, sondern weil das INCB unglücklich mit den bundesweit 24 Drogenkonsumräumen sind. Dort sollen Abhängige ihre illegalen Drogen sauber einnehmen können, um zusätzliche Gesundheitsprobleme zu vermeiden. Auch werden in den Einrichtungen, von denen es allein elf in Nordrhein-Westfalen gibt, Gesundheitstests angeboten.

INCB-Expertin Carola Lander kritisierte jedoch, in den Konsumräumen würden zu oft illegale Drogen genommen. Dies dürfe nur der erste Schritt sein, von illegalen Drogen wegzukommen. Die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) verteidigte das Konzept. "Die Forderung nach Schließung der Drogenkonsumräume ist falsch." Vielfach werde Hilfe geleistet, etwa durch HIV-Tests.

Allein durch die elf Konsumräume in Nordrhein-Westfalen seien einer Studie zufolge binnen vier Jahren 330 Drogen-Todesfälle verhindert worden. "In Drogenkonsumräumen findet nicht nur Konsum statt", sagte Bätzing.

Kritisch äußerten sich die INCB-Experten auch zum Umgang der Justiz mit drogenabhängigen Prominenten. Junge Menschen seien oft anfällig für den Personenkult um Stars und reagierten darauf, wenn prominente Straftäter mit Nachsicht behandelt würden. "Kriminelle Prominente müssen von der Justiz wie ganz normale Menschen behandelt werden", sagte Pachta.

chs/dpa/AP

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