Soziale Medien Bekenntnisse eines ehemaligen Zettelsüchtigen

Diese Woche erschien mal wieder eine Studie, die Jugendliche, die soziale Medien allzu intensiv nutzen, zu Suchtkranken erklärt. Das ist weder sinnvoll noch zielführend.

Eine Kolumne von


"Die Lesesucht ist ein thörigter, schädlicher Mißbrauch einer sonst guten Sache, ein wirklich großes Übel, das so ansteckend ist, wie das gelbe Fieber in Philadelphia; sie ist die Quelle des sittlichen Verderbens für Kinder und Kindes Kinder."
Johann Gottfried Hoche, Vertraute Briefe über die jetzige abentheuerliche Lesesucht (1794)

Beim Klassentreffen im vergangenen Sommer hat mir die Frau, in die ich vor mehr als dreißig Jahren verliebt war, ein großartiges Geschenk gemacht. Es war ein Briefumschlag voller kleiner Zettel. Mal kariert, mal liniert, dazwischen auch einige Kaugummipapiere, beschriftet mit Füller oder Bleistift.

Darauf stehen spektakuläre Dialoge wie dieser: "Bist Du krank?" - "Warum?" - "Schon wieder! Du schreibst auf dem gleichen Zettel zurück, und das unaufgefordert!" - "Ich weiß, aber ich habe keinen anderen Zettel" - "Pass auf, ich schenk Dir was, Du kannst diesen Zettel hier behalten." Auf manchen steht auch nur "Schluchz!" Es sind Hunderte.

Instant Messaging unter dem Tisch

Diese historischen Dokumente waren damals, in den Achtzigern, das, was man heute soziale Medien nennen würde. Genauer gesagt: Es handelte sich um handschriftliches Instant Messaging. Transportiert wurden die Nachrichten damals noch nicht über Mobilfunkmasten, sondern von Hand zu Hand, unter dem Tisch, damit der Lehrer nichts merkt.

Sogar Gruppenchats hatten wir damals schon, dann ging der Zettel eben zwischen drei oder vier Leuten hin und her. Mit einem wichtigen Unterschied: Die schriftlichen Dialoge endeten immer mit Schulschluss. Nachmittags gab es niemanden, der unsere Zettel für uns hätte weiterreichen können. Dann wurde telefoniert, stundenlang. Es gab deshalb oft Ärger mit den Eltern, man hatte ja damals nur ein einziges Telefon und keine Flatrate.

Der intensive Austausch mit den eigenen Freunden oder, wie in meinem Fall, erfolglos Angebeteten, gehört zu den normalen Grundbedürfnissen eines Teenagers wie das nach Eiscreme.

Wie wäre es mit "Papiersucht" oder "Bildschirmsucht"?

Nun hat die Krankenkasse DAK diese Woche eine Studie vorgestellt, durchgeführt gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ). Sie trägt den Titel "WhatsApp, Instagram und Co. - so süchtig macht Social Media". Das Kernergebnis: "2,6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland" pflegten "einen problematischen Gebrauch sozialer Medien". 3,4 Prozent der Mädchen und 1,9 Prozent der Jungen. Zwei Zeilen später steht dann statt "problematischer Gebrauch" wieder "Suchtrisiko".

Die Debatte über die Frage, ob der Umgang mit digitalen Medien manchmal suchtartig sein kann, läuft seit vielen Jahren. Manchmal geht es um Spezifisches wie Videospiele, manchmal - leider auch im Report zur DAK-Studie - ist pauschal von "Internetsucht" die Rede. Die

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Zettelchen im Unterricht: Handschriftliches Instant Messaging

Weltgesundheitsorganisation WHO will jetzt erstmals ein sehr spezifisch definiertes "Gaming Disorder" in ihren Krankheitenkatalog aufnehmen. Hier ist aber von einer "Störung" die Rede, nicht von einer "Dependence", was Abhängigkeit bedeutet. Den Begriff "Addiction", also "Sucht", verwendet die WHO schon seit den Sechzigern nicht mehr.

"Internetsucht" gibt es als diagnostische Kategorie bis heute nicht, zum Glück: Das wäre nämlich in etwa so trennscharf wie "Bildschirmsucht" oder "Papiersucht". Auch "Social-Media-Sucht" ist keine anerkannte klinische Kategorie. Das wird in der neuen Studie nicht verschwiegen: "Ob die unkontrollierte und exzessive Anwendung sozialer Netzwerke tatsächlich als sogenannte Verhaltenssucht aufgefasst werden kann, ist Gegenstand derzeitiger wissenschaftlicher Erörterungen. Eine einheitliche Lehrmeinung gibt es derzeit nicht." Trotzdem ist der Untertitel der Studie: "So süchtig macht Social Media".

Zettelsüchtig, allesamt

Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen WhatsApp und, sagen wir, "World of Warcraft": Computerspiele sind oft ausgeklügelte Skinner-Boxen für Menschen, die so gebaut sind, dass sie zum Weitermachen verführen sollen. Sie haben eingebaute Belohnungssysteme - Punkte, Level, bessere Ausrüstung, und so weiter. Die ausgefuchsteren Social Networks wie Facebook verwenden ähnliche Tricks. Facebook aber nutzen nur zwei Prozent der befragten Jugendlichen besonders häufig, zwei Drittel aber WhatsApp. Bei solchen Messagern kommen die Belohnungen im Regelfall direkt aus dem eigenen Freundeskreis: Aufmerksamkeit, Beachtung, Feedback, Kontakt. Wenn diese Jugendlichen nach irgendetwas süchtig sind, dann danach, mit ihren Freunden zu reden.

Eine der Fragen in der Studie war: "Hast Du dich im vergangenen Jahr oft unglücklich gefühlt, wenn du keine sozialen Medien nutzen konntest?" Gegenfrage: Wie viel Prozent der 12- bis 17-Jährigen sind zu einem gegebenen Zeitpunkt wohl gerade verliebt?

In Analogie zur "Diagnose" Social-Media-Sucht wären meine Klassenkameraden und ich damals in den Achtzigern samt und sonders zettelsüchtig gewesen. Ich wage zu behaupten, dass Zettelchen mit unbeholfenen Flirtversuchen für keinen einzigen von uns heute noch eine zentrale Rolle spielen. Alkoholiker oder heroinabhängig ist man ein Leben lang. Das Bedürfnis nach Kommunikation mit der Peergroup dagegen wandelt sich im Laufe eines normalen Lebens genauso wie diese Peergroup selbst.

Freunde wohnen zu weit weg = Suchterkrankung?

Tatsächlich enthält die Studie durchaus beunruhigende Zahlen. Zum Beispiel, dass acht Prozent der befragten 12- bis 17-Jährigen angeben, Kontakte zu ihren Freunden ausschließlich über soziale Medien zu pflegen. Das klingt nach tragischen Existenzen - und nach einem sozialen Umfeld, das offenbar nicht den nötigen Aufwand unternimmt, um Kindern und Jugendlichen echte Begegnungen zu ermöglichen. Andere Studien haben immer wieder gezeigt, dass Jugendliche direkten Kontakt im Zweifel bevorzugen. Ihnen jetzt mit dem Stigma "Sucht" die Schuld zu geben, weil sie ihre Freunde nicht persönlich treffen können, erscheint wenig zielführend.

Dazu kommt dieses Ergebnis: "Jeder dritte Betroffene mit einem problematischen Gebrauch sozialer Medien wies eine depressive Symptomatik auf." Dass Jugendliche an Depressionen leiden können, ist keine neue Erkenntnis. In solchen Fällen aber sollte man vielleicht doch lieber die Depression behandeln als das Symptom "exzessiver Handygebrauch".

Kein Zweifel: Wir sind als Gesellschaft mit dem Tempo, in dem digitale Medien unser Zusammenleben verändern, überfordert. Deshalb braucht es klare Regeln, eine sinnvolle Etikette für den Umgang damit. Hier sind ein paar Vorschläge.

Kinder, die gern mit ihren Freunden reden möchten, als "Süchtige" abzuqualifizieren, bringt uns aber nicht weiter.

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Kolumne - Der Rationalist


insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 04.03.2018
1. ...
Wieso sind wir als Gesellschaft überfordert? Überfordert sind vielleicht die, die keine Veränderung wollen. Die waren das auch schon immer. Die waren das schon bei der Dampfmaschine und dem Automobil. Man sollte aber diese Leute pathologisieren, und nicht die, die Neues tun. Konservatismus ist die Krankheit...weil Veränderung der Normalfall ist.
aggro_aggro 04.03.2018
2. Nicht verharmlosen!
99% der Jugendlichen nutzen soziale Netzwerke und Messenger um mit ihren Freunden in Kontakt zu sein. Das ist nicht problematisch. Deshalb spricht die Studie auch von 3 Prozent Betroffenen. Es gibt Mädels die unter falscher Altersangabe freizügig mit Fremden flirten - natürlich um ihr Gehirn mit Aufregung und Komplimenten zu belohnen. Und das kann schnell gefährlich werden, Geld kosten und zu heimlichem Konsum führen - wie eine Drogensucht. Da hinkt der Vergleich mit den Zetteln. Und Nacktbilder und Mikrotransaktionen sind noch garnicht erwähnt.
Nania 04.03.2018
3.
Ich kann diesem Text nur zustimmen. Exzessive Nutzung von Dingen kann immer ein Problem sein, dabei ist es aber fast egal, ob das nun das Telefon, der Fernseher, ein Buch oder ein Social-Media-Kanal ist. Problematisch wird es dann, wenn solche Sachen vollständig das Leben bestimmen - und das kann man bei Computerspielen beobachten. Da ist es aber auch so, dass nicht derjenige, der Abends vier Stunden vor dem Computer sitzt, problematisiert werden sollte, sondern der, der sonst nichts mehr macht, der nicht mehr duscht, kaum noch isst und sich nicht mehr - gar nicht mehr - mit Freunden irgendwo anders trifft. Der Wunsch, mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben, auch dann, wenn man sich nicht direkt sehen kann, ist ein ganz normaler und hätte vielleicht in früheren Zeiten dazu beigetragen, dass sich Menschen nicht nach Schulabschluss aus den Augen verlieren. Davon kenne ich genügend Geschichten. Gleichzeitig eröffnen Social-Media-Kanäle auch ganz neue Möglichkeiten. Ich chatte regelmäßig mit einer Freundin aus den USA, die ich ohne das Internet nie kennengelernt hätte und zu der ich den "schnellen" Kontakt nie halten könnte, wenn ich keine Social-Media-Kanäle nutzen würde. Ja, solche Technologien haben immer auch Probleme. Cyber-Mobbing ist kein neues Thema und Cyber-Mobbing via WhatsApp ist auch bekannt. Nur: Da ist das ursächliche Problem nicht die Technologie, sondern der Wunsch einiger Schüler, andere zu mobben. Ob das nun im Sportunterricht, auf dem Gang oder via WhatsApp passiert: Es ist eigentlich alles gleich dramatisch. Das Traurige an solchen Studien wie der, die im obigen Artikel ein bisschen auseinandergenommen wird ist der, dass das eigentlich Problem nicht angegangen wird. Nicht für die Depression der Jugendlichen und nicht das Mobbing werden Lösungen gesucht, sondern für die Technologie - dabei ist den meisten klar, dass diese höchstens ein Mittel zum Zweck sind.
silberwoelfin 04.03.2018
4. Danke
für diesen Beitrag
fabianpaulsen 04.03.2018
5.
Die Aktivitäten auf Social Media beschränken sich aber bei weitem nicht auf das digitale Zettelschreiben, also die Kommunikation mit der peer group. Vielmehr surft man sinnlos umher, lässt sich von Facebook und Instagram mit Memes kurzzeitig stimulieren und setzt sich sozialen Vergleichsprozessen mit vermeintlich perfekten Menschen aus. Der Vergleich der Zettelwirtschaft mit heutigem Social Media wird der Sache daher mMn alles andere als gerecht.
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