Interview mit Computerforscher Kurzweil "Wir werden uns mit nicht-biologischer Intelligenz vermischen"

Sind die Menschen nur künstliche Wesen in einem Universum, das einer gewaltigen Simulation gleicht? Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zweifelt der amerikanische Computerforscher und Artificial-Intelligence-Experte Ray Kurzweil, ob wir die Wahrheit jemals erfahren werden.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Kurzweil, manche Wissenschaftler glauben an die Möglichkeit, dass wir simulierte Wesen sind. Mathematiker wie Edward Fredkin oder Stephen Wolfram haben sogar Theorien aufgestellt, nach denen das ganze Universum ein großer Computer ist. Glauben Sie, dass wir in einer Simulation leben?

Kurzweil: Wenn das Universum den Regeln von zellulären und/oder digitalen Automaten folgt, wie sie Wolfram und Fredkin entworfen haben, dann gibt es keinen Unterschied zwischen dem Universum und einer Simulation des Universums. Mit anderen Worten: Nach diesen Theorien "läuft" das Universum auf einem Computer.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnten Ihrer Meinung nach wissenschaftliche Beweise dafür gesammelt werden? Oder haben Forscher bereits Fehler im Programm entdeckt?

Kurzweil: Der einzige Hinweis, dass wir in einer Simulation leben, wäre in der Tat eine Störung, die von Softwarefehlern hervorgerufen wird. Dabei gibt es allerdings ein Problem: Wenn wir eine offensichtliche Abweichung finden - wie etwa die jüngst entdeckte mögliche Veränderung der Lichtgeschwindigkeit - könnten wir nicht feststellen, ob dies tatsächlich ein Fehler in der Simulation ist. Wahrscheinlich wäre es eher eine experimentelle Entdeckung, die zu einem besseren und tiefer greifenden Modell der Physik führt. Leichte Abweichungen in Newtons klassischer Mechanik etwa waren auch keine Störungen in einer Simulation, sondern deuteten bereits auf bessere Modelle wie die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie hin.

SPIEGEL ONLINE: Hat es überhaupt einen Sinn, nach Fehlern in der Simulation zu fahnden?

Kurzweil: Was wir heute sagen können, ist: Falls wir in einer Simulation leben, ist sie sehr gut. Sie ist die einzige Realität, die wir kennen und zu der wir Zugang haben. Also können wir sie auch als Realität akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie aufgrund des heutigen Stands der Computertechnik und der Künstlichen Intelligenz glauben, dass Maschinen eines Tages in der Lage sein werden, ganze Universen mit Milliarden intelligenter Wesen zu simulieren?

Kurzweil: Meinen Modellen zufolge wird nicht-biologische Intelligenz gegen Ende dieses Jahrhunderts fähig sein, Billionen von menschlichen Gehirnen und sehr realistische Umgebungen zu simulieren. Ich glaube, dass wir die menschliche Intelligenz erweitern werden, indem wir uns mit der nicht-biologischen Intelligenz vermischen.

SPIEGEL ONLINE: Die Simulationsthese beinhaltet auch einige sehr religiöse Aspekte, wie etwa die Existenz höherer Wesen und die Vorstellung, die diesseitige Existenz sei nur ein kleiner Teil einer größeren Welt. Könnte man sagen, dass Menschen schon immer geglaubt haben, sie lebten in einer Art Simulation, auch wenn sie es nicht so genannt haben?

Kurzweil: Wir müssen nicht die Simulationshypothese bemühen, um "religiöse" oder zumindest philosophische Aspekte zu finden. Nur mit gesundem Menschenverstand können wir fragen, warum die Gesetze und Konstanten des Universums so perfekt ausgearbeitet scheinen, dass sie die Evolution von Wesen wie den Menschen erlauben. Nur leicht veränderte Werte der verschiedenen Konstanten hätten zu einem Weltraum mit viel umherschwirrender Materie, aber ohne wachsende Komplexität geführt.

Das Interview führte Markus Becker



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