Interview mit Gen-Pionier "Verhaltensgenetik steckt in einer großen Krise"

Verrät die DNA, ob ein Mensch gewalttätig veranlagt ist? Wissenschaftler melden immer öfter spektakuläre Erkenntnisse über Gene. Doch die meisten sind wissenschaftlicher Unfug, sagt Jon Beckwith, einer der Gründerväter der modernen Gentechnik.

Erbgut im Blick: Nicht jede Entdeckung eines Gens ist ein wissenschaftlicher Durchbruch
DPA

Erbgut im Blick: Nicht jede Entdeckung eines Gens ist ein wissenschaftlicher Durchbruch


SPIEGEL ONLINE: Regelmäßig melden Forscher die Entdeckung immer neuer Gene, die angeblich erklären, warum Menschen depressiv, gewalttätig oder etwa unkonzentriert sind. Was ist davon zu halten?

Jon Beckwith: Diese Studien können Sie getrost vergessen, weil sich wieder und wieder gezeigt hat: Vereinzelte Ergebnisse lassen sich nicht replizieren. Die Verhaltensgenetik des Menschen steckt da in einer großen Krise.

SPIEGEL ONLINE: Aber viele der Studien stehen in angesehenen Fachzeitschriften. Das Magazin "Science" etwa hat sogar geschrieben, man könnte gewalttätige Menschen dereinst an ihren Genen erkennen.

Beckwith: Da ging es um das Gen "MAOA", das für den Stoffwechsel des Botenstoffs Serotonin im Gehirn eine Rolle spielt. Menschen, die in der Kindheit missbraucht wurden und zudem eine auffällige MAOA-Variante trugen, hatten einer Studie zufolge ein erhöhtes Risiko, antisoziales Verhalten zu zeigen. Aber inzwischen gibt es zehn Studien, die versucht haben, die Ergebnisse zu bestätigen. Die meisten konnten den Original-Befund nicht replizieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Wissenschaft korrigiert sich selbst. Was ist daran auszusetzen?

Beckwith: Das Problem ist, dass die Öffentlichkeit das Dementi zumeist gar nicht mitbekommt. Voreilige Behauptungen von Verhaltensgenetikern werden in vielen Fällen sogar Teil der Popkultur und tauchen in Schulbüchern auf. Kaum dass wir es merken, wird die öffentliche Meinung von falschen, längst überholten Ideen beeinflusst. Im Fall des MAOA-Gens ging die Diskussion so weit, dass Richter Genetiker fragten, ob die Genetik uns jetzt verrate, dass viele Kriminelle gar keinen freien Willen haben. Von einer Studie, die nur eine Familie untersuchte, wurden mögliche Einflüsse auf Gerichtsurteile abgeleitet - eine erstaunliche Karriere!

SPIEGEL ONLINE: Was folgt daraus?

Beckwith: Die Sprache der DNA ist zu einer sehr verbreiteten Sprache geworden, der Begriff DNA taucht in der Werbung auf, in TV-Shows. Die Vorstellung, die Gene bestimmten alles vor, der genetische Determinismus breitet sich leider allerorten aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 1969 als erster Biologe ein Gen aus einem Bakterium isoliert und damit die moderne Gentechnik mitbegründet. Warum warnen ausgerechnet Sie davor, die Macht der Gene zu überschätzen?

Beckwith: Nach der Isolierung des Gens haben wir in Boston sofort in einer Pressekonferenz verkündet, wir seien besorgt. Ich wusste damals noch gar nicht genau, warum ich besorgt war. Aber meine Bedenken haben dazu geführt, dass ich mir am meisten Sorgen mache über den genetischen Determinismus.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie dagegen?

Beckwith: Am wichtigsten ist mir, Genetikern klarzumachen, dass ihre Arbeit soziale Aspekte mit sich bringt. Sie sollten sich diesen sozialen Fragen stellen und andere Forscher kritisieren, wenn es sein muss. Unsinnige Wissenschaft zu enttarnen, ist eine ehrenwerte Aufgabe.

Das Interview führte Jörg Blech

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
Tilvur 13.11.2010
1. Link geht nicht!
Serverfehler 404- Dokument nicht gefunden. Zumindest bei mir funktioniert der Link auf den Artikel nicht, nur zur Anmerkung.
heinrichp 13.11.2010
2. Guter Beitrag,
Zitat von sysopVerrät die DNA, ob ein Mensch gewalttätig veranlagt ist? Wissenschaftler melden immer öfter spektakuläre Erkenntnisse über Gene. Doch die meisten sind wissenschaftlicher Unfug, sagt Jon Beckwith, einer der Gründerväter der modernen Gentechnik. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,728173,00.html
Guter Beitrag, als wären wir der Beschaffenheit unserer Gene in allem unterworfen. Der Mensch ist auch Energie, besteht wie alles andere auch aus den kleinsten Teilchen der Physik. Heute ist die Physik an der Schwelle zu einem völlig neuen Gesamtbild der Natur: Die Zusammenhänge zwischen der Welt im allergrößten – dem Universum – und der Welt des allerkleinsten – den Elementarteilchen – werden immer deutlicher. Im Grunde gibt es Materie gar nicht. Jedenfalls nicht im geläufigen Sinne. Es gibt nur ein Beziehungsgefüge, ständigen Wandel, Lebendigkeit. Wir tun uns schwer, uns dies vorzustellen. Primär existiert nur Zusammenhang, das Verbindende ohne materielle Grundlage. Wir könnten es auch Geist nennen. Etwas, was wir nur spontan erleben und nicht greifen können. Materie und Energie treten erst sekundär in Erscheinung – gewissermaßen als geronnener, erstarrter Geist. Nach Albert Einstein ist Materie nur eine verdünnte Form der Energie. Ihr Untergrund jedoch ist nicht eine noch verfeinerte Energie, sondern etwas ganz Andersartiges, eben Lebendigkeit. Wir können sie etwa mit der Software in einem Computer vergleichen. http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/article-die-welt-im-wandel-56524093.html
Arne11 13.11.2010
3. gegen titelzwang
Zitat von sysopVerrät die DNA, ob ein Mensch gewalttätig veranlagt ist? Wissenschaftler melden immer öfter spektakuläre Erkenntnisse über Gene. Doch die meisten sind wissenschaftlicher Unfug, sagt Jon Beckwith, einer der Gründerväter der modernen Gentechnik. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,728173,00.html
Natürlich ist es Unfug zu behaupten Intelligenz oder Gewaltbereitschaft würden nicht auch vererbt. Aber genauso ist es eben auch Unfug zu sagen dass man aus der Gensequenz oder der Menge an RNA ohne weiteres Aussagen treffen kann - dazu ist das System zu kompliziert, es ist so wie bei der Wettervorhersage oder bei Vorhersagen zu Klimaveränderungen. Was unstrittig ist ist dass Hormone Verhalten sehr stark beeinflussen, seien es Anabolika oder die Pille.
random42 13.11.2010
4. epigenetik
Epigenetik ist die Lehre wie wir selbst und unsere Umwelt unsere Genaktivität beeinflussen. Man kann heute also sicher nicht mehr von einem Genetischen Determinismus sprechen.
inyofa 13.11.2010
5. sinnfreier als Schädelvermessung
Um Verhalten abschätzen zu können, sollten wieder die Schädelformen als Referenzwert dienen.. Also mal im ernst, ist doch nur ein weiterer Versuch, sich die Welt mechanistisch zu erklären, auch das wird scheitern. Jeder der sich auch nur ansatzweise mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt hat, weiss wie flexibel der Mensch bezüglich seines Charakters ist. Die meisten Menschen nehmen nur die Gelegenheit nie wahr, an sich selbst zu arbeiten.
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