Interview mit HIV-Entdecker Gallo "Die Pharmaindustrie hätte eine Strategie einfordern müssen"

23 Jahre nach dem ersten Aids-Fall fordert die Seuche so viele Todesopfer wie nie zuvor. Allein 2004 starben nach Zahlen der Uno mehr als drei Millionen Menschen, vorwiegend in der Dritten Welt. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt HIV-Mitentdecker Robert Gallo, warum schnelle Hilfe für arme Länder utopisch ist.


Aids-Opfer in New York: Kein Impfstoff in Sicht
AP

Aids-Opfer in New York: Kein Impfstoff in Sicht

SPIEGEL ONLINE:

Herr Gallo, 21 Jahre nach der Entdeckung des HI-Virus als Auslöser von Aids gibt es noch immer keine bezahlbare HIV-Therapie, weder in den Vereinigten Staaten noch in der Dritten Welt. Haben die Pharmazeuten versagt?

Gallo: In den letzten drei Jahren ist vieles besser geworden. Die US-Regierung gibt eine Menge Geld für Aids-Programme in der Dritten Welt aus, und die Verwendung preiswerter Medikamente, so genannter Generika, ist auf dem Vormarsch. Die Zusammenarbeit zwischen den Industriestaaten und der Dritten Welt hat sich verbessert.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch wartet die Welt noch immer auf den entscheidenden Durchbruch bei der Entwicklung einer Aids-Therapie oder gar eines HIV-Impfstoffes.

Gallo: Ich bin nicht ganz einverstanden mit dem ersten Teil ihrer Behauptung, zumindest was die Therapie betrifft. Wir erleben gerade bedeutende Fortschritte. Die Protease-Inhibitoren, die derzeit meistbenutzten Aids-Medikamente, werden künftig immer seltener eingesetzt werden, weil sie zu starke Nebenwirkungen und immer neue arzneimittelresistente HIV-Varianten erzeugen. Die Zukunft gehört einer anderen Medikamentenklasse: Molekülen, die den Viren den Zutritt zu den Zellen verwehren. Wir nennen sie Fusions- oder Eintrittshemmer. Sie blockieren die HI-Viren direkt am Eingang, so dass Aids im Körper langsamer voranschreitet. Allerdings können auch die Fusionshemmer eine HIV-Infektion nicht verhindern, sondern nur deren Folgen dämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wann werden die Fusionshemmer auf den Markt kommen?

Gallo: Innerhalb der nächsten Jahre. Tatsächlich werden einige bereits angewandt. Eine neue Substanzklasse, die CCR5-Antagonisten, befinden sich in vielen Teilen der Welt in Pilotstudien - zum Beispiel in Montpellier, hier in Baltimore und an der University of Pennsylvania.

SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zu Forschungseinrichtungen an Universitäten hätten große Pharmakonzerne die Mittel, sich in der Dritten Welt stärker zu engagieren. Allerdings scheint das Interesse nicht sehr ausgeprägt zu sein...

Gallo: Wenn man sich die vergangenen 20 Jahre ansieht, könnte man sagen: Natürlich haben die Konzerne es nicht geschafft, ihre Medikamente in die Dritte Welt zu bekommen. Aber das alles ist extrem kompliziert. Man kann nicht einfach Medikamente liefern und dann verschwinden, sondern muss zugleich eine Infrastruktur aufbauen.

SPIEGEL ONLINE: Und warum geschieht das nicht?

Gallo: Die Konzerne stehen unter dem Druck ihrer Anteilseigner, solide Renditen zu erwirtschaften. Wie soll man Hunderte Millionen Dollar verschenken, ohne gegen die Interessen seiner Aktionäre zu verstoßen?

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Chef eines Konzerns wären und den lang gesuchten HIV-Impfstoff endlich entwickelt hätten: Würden Sie auf Patenteinnahmen verzichten, um Menschenleben zu retten?

Aidskrankes Kind in Südafrika: Wenig Hilfe für die Armen
AP

Aidskrankes Kind in Südafrika: Wenig Hilfe für die Armen

Gallo: Es wäre leicht, die moralisch und ethisch korrekte Antwort auf diese Frage zu geben: Ja, natürlich würde ich das tun. Aber könnten wir das, und würden wir das? Ich befürchte, dass sich die Pharmaindustrie eines Tages komplett aus der Aidsforschung zurückzieht, wenn wir sie zu sehr unter Druck setzen. Wir brauchen eine neue Aktionärskultur, die es Konzernen erlaubt, richtig zu handeln, ohne bedrängt zu werden. Bis das aber geschieht, wird jeder fragen: Wer zahlt die Zeche? Und selbst wenn das Management finanzielle Einbußen hinnehmen würde - es wäre medizinisch ein enormes Risiko, Drittweltstaaten einfach so Aidsmedikamente zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Warum das?

Gallo: Weil man HIV-Mutanten erzeugen würde, die gegen nahezu alle bekannten Medikamente resistent sind. Davor warnen wir bereits seit Jahren. Was längst nicht jeder weiß: Selbst in Washington und Baltimore haben wir schon viele resistente HIV-Varianten beobachtet. Aber dank einer funktionierenden epidemiologischen Infrastruktur können wir sofort reagieren. Die Weitergabe von HIV-Medikamenten an arme Länder ohne eine solche Infrastruktur könnte eine Katastrophe auslösen. Außerdem würden Pharmakonzerne niemals eine kostspielige Infrastruktur aufbauen, um dann mit deren Hilfe ihre Produkte zu verschenken.

SPIEGEL ONLINE: Wer trägt die Schuld an dieser Situation?

Gallo: Wenn es überhaupt Schuldige gibt, dann in den unterschiedlichen Führungsebenen. Ohne Zweifel hätte die Pharmaindustrie bei den Regierungen nachdrücklicher eine gemeinsame Strategie gegen Aids einfordern müssen. Aber welche anderen Institutionen kann man für die Situation verantwortlich machen? Die Vereinten Nationen? Die Regierungen einzelner Staaten? Falls ja, welche Staaten? Alle miteinander, oder nur Deutschland und die USA? Was ist mit Japan, China oder Russland? Sie sehen, das Problem ist kompliziert.

HI-Virus: Neue Hoffnung ruht auf Eintrittshemmern
DPA

HI-Virus: Neue Hoffnung ruht auf Eintrittshemmern

SPIEGEL ONLINE: ... weshalb sich wohl auch niemand verantwortlich fühlt.

Gallo: In dieser Hinsicht hat sich in den vergangenen 20 Jahren in der Tat wenig getan. Wir haben noch immer keine globale Organisation zur Verfolgung neuer Viren. Die Welt braucht zehn oder zwölf virologische Institute, die sich auf zwei oder drei Virentypen spezialisieren. Sobald eine neue Epidemie ausbricht, wäre das verantwortliche Institut für Ursachenforschung und Gegenmaßnahmen verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach großen Investitionen.

Gallo: Überhaupt nicht. Ein Institut dieser Art müsste eine Basis-Finanzierung von zehn bis zwölf Millionen Dollar pro Jahr erhalten, direkt und ohne Wettbewerb. Wenn eine Epidemie auftaucht, müsste die Forschung ruhen und der Kampf gegen die Seuche im Vordergrund stehen.

SPIEGEL ONLINE: Vor wenigen Wochen schien ein solches Problem in New York aufzutauchen - in Gestalt eines angeblichen "Super-HIV".

Gallo: Die New Yorker Gesundheitsbehörde hatte gute Gründe, vor dieser verrückten Droge namens "Crystal Met" zu warnen, weil sie die Zahl der ungeschützten sexuellen Kontakte steigert. Die Einführung des Begriffs "Super-HIV" aber war unvorsichtig und unangemessen. Es gibt keinen Hinweis, dass es sich hier um ein Supervirus handelt.

Das Interview führte Vlad Georgescu



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.