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Interview mit Wissenschaftshistoriker: Warum es keine Weltformel gibt

Physiker von Albert Einstein bis Stephen Hawking haben sich an der sogenannten Weltformel die Zähne ausgebissen. Der Konstanzer Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer erklärt, warum die Genies scheiterten.

Frage:

Herr Professor Fischer, Physiker und Mathematiker in aller Welt sind seit Jahren auf der Suche nach der Weltformel. Was ist das für eine Formel?

Ernst Peter Fischer: Wir haben im 20. Jahrhundert eine Quantentheorie und eine Feldtheorie entwickelt. Die Quantentheorie beschreibt das Innenleben der Atome, der kleinsten Teilchen. Die Feldtheorie ist eine Gravitationstheorie und formuliert die Kräfte zwischen sichtbaren Objekten. Die gesuchte Weltformel ist der Versuch, diese beiden Theorien zusammenzubringen. Schon Albert Einstein ist an diesem Versuch gescheitert. Ich glaube, dass es eine solche Weltformel gar nicht geben kann.

Frage: Warum nicht?

Fischer: Weil unser Weltverständnis auf Dualität angelegt ist. Seit mindestens 400 Jahren trennt unsere Denktradition Geist und Materie, Leib und Seele. Diese Dualität entdecken wir auch bei der Quanten- und der Feldtheorie. Zur Quantentheorie gehört grundsätzlich ein Element der Unstetigkeit, also der Sprung eines Teilchens von einer zur anderen Energieebene. Die Feldtheorie schließt eine solche Unstetigkeit grundsätzlich aus, sie muss kontinuierlich sein. Die Stringtheorie ist ein Versuch, diesen Gegensatz zu überlisten, indem ein Teilchen endlos lang gestreckt und die notwendige Unstetigkeit durch eine gedehnte Stetigkeit ersetzt wird. Das ist so seltsam, wie es sich anhört. Als ob Sie sagen: Ein Kreis ist doch eigentlich gerade. Denn wenn Sie ihn groß genug ziehen, wirkt er gerade, weil Sie nicht mehr wahrnehmen, dass außen eine Krümmung ist.

Frage: Wenn dieser Gegensatz unüberbrückbar ist, warum versuchen es so viele Wissenschaftler trotzdem?

Fischer: Viele Theoretiker sind der Ansicht, dass sie die Welt mit strenger Mathematik letztgültig erklären können. Daneben gibt es aber die philosophische Beschreibung der Welt. Ein Beispiel: Werner Heisenberg hat die Theorie der Unbestimmtheit in der Quantenphysik formuliert. Sie besagt, dass erst der Beobachter beim Experiment entscheidet, was passiert. Bis dahin ist alles unbestimmt. Sein Kollege Niels Bohr hat hingegen die Idee der Komplementarität, der wechselseitigen Ergänzung, erdacht. Danach müssen Sie immer zwei Sichtweisen auf eine Sache haben, die sich zwar widersprechen mögen, aber dennoch zusammengehören und erst dadurch das Ganze ergeben. Das ist sozusagen die philosophische Verbrämung von Heisenbergs mathematischer Formel. Nun wissen wir heute, dass man im Experiment die Unbestimmtheit hintergehen kann. Bohrs philosophischen Gedanken konnte man noch nicht widerlegen. Man muss sich allmählich an die Idee gewöhnen, dass ein philosophischer Gedanke weiter reichen könnte als die reine Mathematik.

Frage: Das heißt, die Naturwissenschaftler müssten weniger mathematisch denken, sondern mehr philosophisch?

Fischer: Ich denke, wir kommen viel weiter, wenn wir uns klarmachen, dass es kein Sein gibt, sondern nur ein Werden. Platon hat sich auf das Sein konzentriert, insofern sind die heutigen Naturwissenschaftler mehr oder weniger Platoniker. Der eigentliche Entdecker der Wirklichkeit war jedoch Heraklit mit seinem Satz "panta rhei" - alles fließt. Weil wir aber nicht heraklitisch denken, schauen wir in die falsche Richtung.

Frage: Heraklit sah im allgegenwärtigen Fließen den Logos als Gesetz walten. Ist dieses Gesetz nicht mit einer Weltformel zu fassen?

Fischer: Ich meine, dass die eigentliche Einheit die Zweiheit ist. Sie finden diese Zweiheit überall: Männlich/Weiblich, Yin/Yang, Ich/Du. Der Maler Willi Baumeister sagt, dass die Natur keine Darstellung, sondern Gestaltung ist. Also eben kein Sein, sondern ein fortwährendes Werden. Gestaltung setzt bereits Zweiheit voraus, nämlich mich und das Gestaltete. Gestaltung ist ein kommunikativer Prozess. Die ganze Welt ist Kommunikation. Deshalb ist die Weltformel nicht als ein Punkt zu haben, sondern als eine Spannung zwischen Punkten.

Das Gespräch führte Holger Fuß

© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover

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