Interview zu Pergamentfund "Die Namen weisen auf den Nibelungenstoff hin"

Im österreichischen Kloster Zwettl sind die vermutlich ältesten Textfragmente zum Nibelungenlied aufgetaucht. SPIEGEL ONLINE sprach mit der Entdeckerin und Kunsthistorikerin Charlotte Ziegler über die Pergamente aus dem 12. Jahrhundert.


Kunsthistorikerin Ziegler: "Für die Heldenepik des Mittelalters von großer Bedeutung"
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Kunsthistorikerin Ziegler: "Für die Heldenepik des Mittelalters von großer Bedeutung"

SPIEGEL ONLINE:

Frau Ziegler, Sie sind Kunsthistorikerin und arbeiten als Stiftsarchivarin im Kloster Zwettl, wo Sie die Pergamentstücke aus dem Umfeld der mittelhochdeutschen Nibelungensage zufällig entdeckt haben. Wann wurden Sie sich bewusst, dass Sie damit etwas Wichtiges vor sich hatten?

Ziegler: Ich bin sehr schnell aufgrund von Namen und Halbsätzen zu dem Schluss gekommen, dass es sich um Nibelungenstoff handeln musste. Auf den ersten Blick schätzte ich die Entstehungszeit der Fragmente auf etwa 1200, später auf noch älter. Damit wären sie die ältesten bislang gefundenen Schriften zum Nibelungenlied. Auf einer mediävistischen Tagung in den USA haben mir dann Experten bestätigt, dass es sich um Texte zum Nibelungenstoff aus dem 12. Jahrhundert handelt. Die Paläografen waren über meine Entdeckung völlig aus dem Häuschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es zu dem Überraschungsfund?

Ziegler: Ich habe die Fragmente in einer Schachtel mit völlig ungeordneten Texten entdeckt. Schon vor einigen Jahren hatte mir ein Pater des Klosters zwei solcher Schachteln mit Dokumenten hingestellt, von denen ich die meisten im ersten Durchgang nach liturgischen, literarischen und rechtshistorischen Inhalten ordnete. Als ich später im Zuge meiner Forschung zu Walther von der Vogelweide nach weiteren mittelalterlichen Aufzeichnungen suchte, erinnerte ich mich wieder an die Schachteln. Von den letzten zehn ungeordneten Texten habe ich die fünf am besten zu lesenden herausgesucht und versucht, sie zu identifizieren.

Textfragment aus Zwettl: "Zu profan fürs Klosterleben"
Stiftsarchiv Zwettl

Textfragment aus Zwettl: "Zu profan fürs Klosterleben"

SPIEGEL ONLINE: Die fünf Pergamentstücke sind jeweils nur wenige Zentimeter groß. Was haben Sie darauf entziffern können?

Ziegler: Die Texte sind nicht nur sehr klein, sondern zum Teil auch sehr zerstört. Ich habe erst lange nach den richtigen Lichtverhältnissen suchen müssen. Am besten ging es mit einem Apparat, der eigentlich für Briefmarken und die Kontrolle von Geldscheinen gedacht ist. Beim Entziffern las ich dann Worte und Namen, die auf den Nibelungenstoff hinweisen, wie "Siverit" für Siegfried und "Swamerole", den Namen für einen Spielmann. Außerdem tauchte der Passauer Bischof Pilgrim auf, der ja in der Nibelungenklage vorkommt.

SPIEGEL ONLINE: Das Nibelungenlied ist in Versmaß geschrieben, die nun gefundenen Fragmente aber sind Prosatexte. Was macht Sie so sicher, dass es sich tatsächlich um Schriften zum Nibelungenstoff handelt?

Ziegler: Neben den erwähnten Personen wie Siegfried, Kriemhild, Pilgrim oder den Spielmann gibt es in den Fragmenten einige stilistische Formen, die genauso auch im Nibelungenlied verwendet wurden. Sie weisen auf die Zeit und den Stoff der Heldensage hin. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es sich um Nibelungenstoff handelt, aber als Wissenschaftlerin bin ich vorsichtig und stelle diese Annahme durchaus zur Diskussion. Als nächstes werde ich die Fragmente transkribieren und Germanisten vorlegen. Diese Experten werden die Texte noch genauer unter sprachkundlichen Gesichtspunkten beurteilen. Doch eines ist auf jeden Fall sicher: Diese Fragmente sind für die Heldenepik des Mittelalters von großer Bedeutung.

SPIEGEL ONLINE: Sie datieren die Texte auf das 12. Jahrhundert. Wie konnten Sie die Schriftstücke zeitlich einordnen?

Ziegler: Als Stiftsarchivarin katalogisiere ich mittelalterliche Handschriften seit mehr als 20 Jahren und habe mittlerweile einen Blick dafür. Dennoch muss man in der Schriftkunde sehr vorsichtig sein. Ich habe die Aufzeichnungen mit überlieferten Handschriften des Nibelungenlieds nach 1200 verglichen und eindeutig zuordnen können. In diesem Fall war es die St. Gallener Fassung, die als früheste Handschrift gilt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon Vermutungen, woher die Aufzeichnungen stammen?

Ziegler: Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Zum einen kann es sein, dass der Verfasser eine mündliche Überlieferung niedergeschrieben hat. Möglich ist aber auch, dass es Vorarbeiten zum späteren Nibelungentext sind. Es könnte auch ein Mönch niedergeschrieben haben, weil er vom Stoff angetan war. Das lässt sich aber noch nicht mit Sicherheit sagen, weil über die Frühphase des Nibelungenlieds nicht viel bekannt ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie es sich, dass die Fragmente in Zwettl überdauert haben?

Ziegler: Sie könnten über den Passauer Bischof Wolfger ins Kloster gelangt sein, der oft nach Zwettl kam und außerdem mit Hadmar II., einem Mitgründer des Stiftes, verwandt war. Die Anregung zur Aufzeichnung des Heldenstoffes könnte von ihm ausgegangen sein. In späterer Zeit sind die Handschriften übrigens auseinander geschnitten worden, vielleicht weil sie zu profan waren und nicht ins Klosterleben passten. Die Mönche haben sie dann zum Ausbessern von Buchrücken benutzt.

Das Interview führte Mareike Müller.



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