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Intuition: Die Macht des Unbewussten

Der Mensch weiß viel mehr, als er denkt. In seinem Unbewussten lagern riesige Wissensschätze. Wer es versteht, sie freizulegen, kann wahre Wunder vollbringen. Wissenschaftler versuchen, die Kraft des Unbewussten zu enträtseln.

Zuerst war nur Staunen. Peter Lu war gebannt von der Perfektion, mit der die Elemente des mittelalterlichen Mosaiks ineinandergriffen. Doch dann wurde er stutzig. Dieses regelmäßige Muster aus zehnzackigen Sternen, das sich da über den Darb-i-Imam-Schrein in Isfahan ausbreitete, erinnerte den Harvard-Physiker an etwas – richtig! Quasi-Kristalle, komplizierte geometrische Strukturen. Von diesem Moment an wunderte sich Peter Lu, als Tourist in Iran unterwegs, noch mehr: Hatten Forscher die mathematischen Regeln solcher Strukturen nicht erst im späten 20. Jahrhundert entschlüsselt?

Schach-Großmeister Wladimir Kramnik: Ohne Intuition wäre selbst der analytischste Denksportler aufgeschmissen
REUTERS

Schach-Großmeister Wladimir Kramnik: Ohne Intuition wäre selbst der analytischste Denksportler aufgeschmissen

So war es. Wie die Architekten des Mittelalters die regelmäßigen Muster in Moscheen und anderen religiösen Stätten konzipiert haben konnten, ist seither ein Rätsel. Was versetzte sie in die Lage, mathematisch exakte Formen zu entwerfen, ganz ohne Berechnung? Es existiere aus jener Zeit nicht der kleinste Hinweis auf den theoretischen Hintergrund, der zum durchdachten Konzipieren solcher Muster notwendig ist, berichten Archäologen und Islamwissenschaftler.

Zurück in Harvard, begann Lu, nach Antworten zu suchen. Doch das Geheimnis liegt auf einem für Physiker recht unwegsamen Terrain. Er wollte logische Kausalitäten und Beweise finden, aber ihm blieb nur die Erkenntnis, dass die alten Baumeister des Rätsels Lösung offenbar mit in ihre Gräber genommen hatten. In ihren Köpfen, die einst eindrucksvoll jene Fähigkeit demonstrierten, die nicht Physiker und Archäologen, wohl aber Hirnforscher und Psychologen heute langsam zu verstehen beginnen: Intuition nennen sie jene Form unbewussten Wissens um Formen, Funktionen und Zusammenhänge, die ganz ohne Berechnung und Erklärung auskommt. Ein Wissen, das sich meist gar nicht formulieren lässt, weil Formeln fehlen. Das sich aber Ausdruck verschafft in der bildenden Kunst, in der Musik, aber auch täglich in Tausenden kleinen Entscheidungen des Alltagslebens. Jeder Mensch vertraut jeden Tag diesem Gespür, das ihn in Gesprächen wie traumwandlerisch den richtigen Ton treffen und nie da gewesene Situationen einschätzen lässt, ohne dass er seine Reaktion rein rational erklären könnte.

Das Mosaik in Isfahan ist ein seltener Beweis, dass sogar wissenschaftlich komplexe Resultate aus jenem sechsten Sinn entstehen können, den der Volksmund kurz Bauchgefühl nennt. Heute suchen Hirnforscher dafür nach Erklärungen, legen ihren Probandendicke Fragebögen vor, schicken sie ins Kernspingerät, kleben ihnen Elektroden auf die Haut und lassen sie Aktienentwicklungen einschätzen. Dabei ist die Welt außerhalb der Labors voller Beispiele: Ständig beweist der Mensch, dass er mehr weiß, als er denkt und beschreiben kann. Ohne nachzudenken, entscheidet er spontan: Kann er noch schnell über die rote Ampel huschen oder muss er warten? Soll er mit dem Partner zusammenziehen oder doch lieber seine eigene Wohnung behalten? Im Unterbewusstsein jedes Menschen lagern Wissensschätze, aus denen er täglich schöpft, ohne es zu merken.

"Der Verstand, den Menschen einsetzen, um vermeintlich kluge Entscheidungen zu treffen, ist begrenzt und macht nur einen kleinen Teil unseres tatsächlichen Wissens aus", sagt der amerikanische Intuitionsforscher Milton Fisher. "Dennoch handelt es sich, wenn wir eine Intuition haben, um den Abruf von Informationen, die wir irgendwann über unsere fünf Sinne wahrgenommen und gespeichert haben."

Dahinter steckt die Erkenntnis der Kognitionsforscher: Menschen können den permanenten Lernprozess ihres Gehirns nicht unterbrechen. Hat das Auge eines bildenden Künstlers im Vorübergehen einmal eine Form gestreift, wird sie ihm mit ein wenig Glück irgendwann, vielleicht im Augenblick des Mosaikbaus, zu Bewusstsein kommen. Elf Millionen Sinneswahrnehmungen in der Sekunde bombardieren den Menschen, selbst dann, wenn er bloß abends auf dem Sofa herumlümmelt: Das fahl werdende Sonnenlicht, das Brutzeln und der Duft des Abendessens aus der Küche, der Druck des Sofakissens im Rücken und vieles mehr verarbeitet das Gehirn, ohne dass das Bewusstsein davon etwas mitbekäme.

Nicht nur nach einem langen Arbeitstag wäre es mit der Verarbeitung aller Eindrücke völlig überfordert. Nach etwa 40 Sinneseindrücken, die gleichzeitig das Gehirn erreichen, wird der stete Input daher in einen anderen Speicher umgeleitet: ins Unterbewusstsein. "Und manchmal dringt aus diesem Wissensschatz ein kleiner Fetzen ins Bewusstsein, dann haben wir eine Intuition", sagt der Psychologe Fisher: das ungute Gefühl etwa, das uns beschleicht, wenn das Brutzeln verstummt und sich eine leicht beißende Note in den Essensduft mischt. Blitzschnell schaltet das Gehirn dann ohne Nachdenken auf eine völlig andere Situation um. Erkennt Zusammenhänge, Formen, Probleme oder Lösungen.

Doch Intuition erlaubt nicht nur schnellere Entscheidungen, sondern spart auch Energie; schließlich hat das Gehirn schon Schwerstarbeit geleistet und Millionen von Informationsfetzen gesammelt, ehe es zum ersten Mal intuitiv entscheiden kann. "Informationsscheibchen" würde Malcolm Gladwell sagen, dessen Buch "Blink" dem Thema zu neuer Popularität verholfen hat. Darin beschreibt er das intuitive Vorgehen des Gehirns als "Scheibchenschneiden": "Auf Grundlage extrem dünner Scheiben von Erfahrung entdeckt unser Unbewusstes Muster in Situationen und Verhaltensweisen", erklärt Gladwell. Dazu bediene es sich einfacher Faustregeln, die erst dadurch gültig werden, dass das Gehirn die ausgeblendeten Informationen durch Annahmen ergänzt.

Ein riskanter Tausch, könnte man meinen. Doch haben Menschen es während der Evolution hervorragend gelernt, Schlüsse über ihre Umwelt zu ziehen. Wenn Steinzeitmenschen vor der Höhle ein Knacken hörten, war das nicht einfach nur ein Geräusch. Es konnte auch ein wildes Tier sein. Damit der Mensch überleben kann, muss sein Gehirn Muster analysieren statt Einzelheiten und einen Küchenbrand vermuten, wenn sich nur eine Duftnote verändert.

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