Intuition Die Weisheit der Gefühle

2. Teil: Das Bewusstsein ist zu klein für die Welt - wer überleben will, muss sich auf andere Quellen verlassen können


Das Bewusstsein kann nur einen winzigen Ausschnitt des geistigen Geschehens beherrschen. Das folgt schon aus einer ganz schlichten Überlegung: Selbst auf jemanden, der nur dösend im Sessel sitzt, prasseln pro Sekunde elf Millionen Sinneseindrücke ein, die von ebenso vielen Sinneszellen im Körper ans Gehirn gesendet werden. Dazu gehört der Druck des Sessels auf Rücken und Gesäß genauso wie das leise Ticken der Uhr oder der Nachgeschmack des Salamibrötchens, der noch eine halbe Stunde nach Verzehr auf der Zunge liegt.

Viele dieser Wahrnehmungen verlangen nach rascher Entscheidung: aufstehen oder sitzen bleiben, das Fenster schließen oder ein Glas Wasser holen? Das Bewusstsein schafft es gerade einmal, 40 Sinneseindrücke gleichzeitig zu verwalten. Der Rest muss schon aus purem Mangel an Verarbeitungskapazität dem Autopiloten im Kopf überlassen werden.

Unternehmensberater begründen Bauchentscheidungen

Schon aus arbeitsökonomischen Gründen müssen viele anstehende Entscheidungen an den Autopiloten abgetreten werden. Auch Manager und Politiker, meint die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Heidelberg, scheuten sich, ihre Entscheidungen mit dem Bauch zu begründen. "Für so etwas gibt es bei uns keine Kultur." Die Bosse beauftragen lieber noch einmal eine Unternehmensberatung, um Gründe für ihre Bauchentscheidung zu finden.

Wofür Wirtschaftsleute bereit sind, Hunderttausende zu zahlen, das liefert das Hirn eines jeden Menschen unentwegt gratis: Es ersinnt im Nachhinein Gründe, warum er so und nicht anders entschieden hat. Auf diese Weise schaffe sich der Mensch die Illusion, er habe sich willentlich zu einem bestimmten Entschluss durchgerungen, erklärt Betsch: "Das ist gut für die eigene psychische Hygiene." Während das Hirn dem Menschen so ununterbrochen Beweggründe für sein eigenes Handeln vorgaukelt, enthält es ihm die wirklichen Entscheidungsprozesse vor. Erst der Vorstoß in die Welt jenseits des Bewusstseins offenbart, wie sehr der Mensch Sklave seiner Emotionen und Instinkte ist.

So viel Entscheidung war noch nie. Der technische Fortschritt, die komplexe, computerisierte Wirtschaftswelt fordern unerbittlich, an jedem Tag und in jeder Sekunde von neuem schnelle Entschlüsse von denen, die an den Schalthebeln dieser Maschinerie sitzen.

Sekunden entscheiden über Wirtschaftskatastrophen

Per Mausklick kann ein einziger Investmentbanker Milliardensummen durch die digitale Finanzwelt schicken. EBS, hinter diesen drei Buchstaben verbirgt sich eine elektronische Handelsplattform, die aus einem Zusammenschluss führender Geldinstitute entstanden ist. 2000 Broker aus 40 Nationen handeln jeden Tag mit Währungen und Edelmetallen im Wert von 125 Milliarden Dollar über diese Plattform. Mehr als die Hälfte der jeweils 50.000 täglichen Transaktionen gehen in weniger als einer Sekunde über die Bühne. Typischerweise dauert es nur 485 Millisekunden, bis sich einer der Trader zu einem Deal entschlossen hat. Der Verstand hat in diesem Wimpernschlag gar keine Gelegenheit, nennenswert aktiv zu werden. Mitunter aber bringt seine in Sekundenbruchteilen getroffene Entscheidung das ganze Wirtschaftssystem an den Rand des Zusammenbruchs.

Wirtschaftsexperten können ein System ersinnen, in dem Gelder und Waren gefahrlos um den Erdball fließen. Die Neurowissenschaften haben dazu einen faszinierenden Beitrag zu leisten: Sie erforschen die psychologischen, molekularbiologischen, neurologischen Grundlagen des Entscheidens. Wann ist der Verstand am Zuge, welchen Anteil hat das Unbewusste? Wie gut funktioniert die Intuition? Wann kann man ihr trauen, wann scheitert sie? Die drei Ingredienzen der Intuition sind Erfahrung, Wissen und Gefühle.

Nur keinen kühlen Kopf bewahren

Gary Klein, Intuitionsforscher aus den USA, vergleicht diesen Prozess mit dem Immunsystem: "Das Immunsystem entscheidet kontinuierlich, immer dann, wenn seine weißen Blutzellen mit einer neuen Entität in Kontakt kommen. Ist sie ungefährlich oder eine Gefahr? Soll sie passieren dürfen, oder soll eine Immunreaktion ausgelöst werden? Diese Mini-Entscheidungen basieren auf dem Vergleich von Mustern, nicht auf Analyse. Kleinkinder haben diesen Schatz an Krankheitserfahrungen noch nicht. Aber je mehr Erkältungen sie bekommen, desto besser wird die Reaktion ihres Immunsystems sein." Und dann sind da noch die Gefühle. Der Ratschlag "Behalte einen kühlen Kopf!” geht völlig in die Irre, denn keine einzige Entscheidung, die im Kopf vorbereitet wird, würde ohne eine Gefühlsregung zustande kommen.

Das Buch "Intuition – Die Weisheit der Gefühle" beschreibt, wie mit modernen, bildgebenden Verfahren und raffinierten Experimenten die Wissenschaftler den Menschen beim Entscheiden beobachten. Demnach gibt es keine rationalen oder intuitiven Entscheidungen. Alle rationalen Entscheidungen sind auch intuitive Entscheidungen, weil sie auf unbewussten Denkprozessen fußen. Das Wirken der Intuition in den verschiedenen Bereichen des Lebens verrät viel darüber, wie der Geist tickt. Der Arzt in der Notaufnahme, der Feuerwehrmann im brennenden Treppenhaus, der Torhüter auf dem Fußballplatz, der Broker auf dem Börsenparkett – alle diese Menschen nutzen auf eine je etwas andere Weise die Macht der Intuition.

Die Wissenschaft entwickelt aus diesem Studium eine neuartige Synthese von Rationalität und Intuition. Es ist die Symbiose von zwei Strategien, die lange Zeit völlig zu Unrecht als zwei separate Dinge betrachtet wurden. Intuition ist lernbar für die vielen verschiedenen Situationen des Lebens – vom alltäglichen Geschehen bis zum Notfall.

Der siebte Sinn hat nichts mit Metaphysik zu tun, sondern mit der Weisheit unserer Gefühle. Dann kann er Leben retten.



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