Handysucht Denkvermögen? Nicht ohne mein Smartphone

Muss das Smartphone immer dabei sein? Ja, zeigt ein Experiment, zumindest beim Lösen von Denkaufgaben. Zu großer Abstand vom Handy macht sich demnach sogar körperlich bemerkbar.

Immer erreichbar: Körper und Psyche reagieren auf Smartphone-Entzug
Corbis

Immer erreichbar: Körper und Psyche reagieren auf Smartphone-Entzug


WhatsApp, SMS, Telefon: Ständig ist man erreichbar über das Smartphone. Für konzentriertes Arbeiten ist das Gift, könnte man meinen. Diskussionen über Handyverbote an Schulen sind das Ergebnis. Auch Arbeitgeber fordern: Handy aus, Kopf an. Doch ohne den kleinen Begleiter ist der Smartphone-Nutzer nicht immer besser dran.

Eine Studie von Forschern der Universität von Missouri hat gezeigt, dass die Abwesenheit des Smartphones die Leistungsfähigkeit seiner Besitzer negativ beeinflussen kann - zumindest dann, wenn er das Klingeln in der Ferne hören kann.

In dem Experiment wurden 40 iPhone-Nutzer gebeten, aus einem Feld von Buchstaben Wörter herauszusuchen - einmal mit und einmal ohne Smartphone in der Nähe. Dabei wurden Blutdruck und Herzfrequenz gemessen. Die Versuchsteilnehmer dachten, dass so eine neue kabellose Blutdruckmanschette getestet werden soll. Nach dem Worträtsel sollten die Nutzer einschätzen, wie ängstlich und unwohl sie sich fühlten.

Ängstlichkeit bei klingelndem Handy

Dann sagten die Wissenschaftler den Testpersonen, ihr Smartphone würde die Bluetooth-Verbindung des kabellosen Messgeräts für Herzfrequenz und Blutdruck stören und müsse deshalb weiter entfernt im Raum platziert werden. Nun sollten die Probanden noch einmal einen Buchstabensalat lösen - weit entfernt von ihrem Smartphone. Gleichzeitig riefen die Forscher sie auf ihrem Handy an. Als das Klingeln aufhörte, wurden Herzfrequenz und Blutdruck gemessen. Anschließend befragten die Forscher die Versuchspersonen erneut, wie sich fühlten.

Es stellte sich heraus, dass die Herzfrequenz und der Blutdruck der Probanden im zweiten Teil des Experiments deutlich höher waren als im ersten Test mit Smartphone. Außerdem hatten die Versuchsteilnehmer mehr Angst und fühlten sich unwohler. Wörter fanden sie dagegen deutlich weniger.

iPhone als "Erweiterung des Selbst"

"Unsere Ergebnisse lassen darauf schließen, dass eine Trennung vom iPhone negative Einflüsse auf die Leistung bei mentalen Aufgaben haben kann", fasst Russell Clayton, Doktorand an der MU School of Journalism und Hauptautor der Studie die Ergebnisse zusammen. Die Wissenschaftler empfehlen iPhone-Nutzern sogar, ihr Gerät immer dabei zu haben, wenn sie im Alltag Aufgaben lösen sollen, die viel Aufmerksamkeit erfordern. Ob Geräte von anderen Herstellern eine ähnliche Wirkung haben, ist unklar.

Auch warum sich das fehlende iPhone so negativ auswirkt, konnten die Forscher nicht abschließend klären. Die Ergebnisse würden aber darauf schließen lassen, dass iPhones zur "Erweiterung unseres Selbst" werden könnten, da wir bei ihrer Abwesenheit in einen negativen physiologischen Zustand verfielen. Wer sein iPhone nicht permanent bei sich tragen kann oder will, für den kommt als langfristiger Schutz also wohl doch nur eines in Frage: Insgesamt mehr Abstand - vor allem emotional.

vwu

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
tobias_dd 12.01.2015
1. Baby
Ich denke, es ist fast so, als ob man einer Mutter ihr Baby weg nimmt. Da wird sie auch unruhig und kann sich schlechter konzentrieren.
bannister81 12.01.2015
2.
"Erweiterung des Selbst" ist dabei nur eine Umschreibung dafür, dass ein großer Teil unsere Gesellschaft immer mehr zu seelenlosen Smartphone-Zombies mutiert, die nicht mitbekommen, was im Umkreis von 10 Metern um sie herum passiert. Ich denke dabei eine Mutter, die ich gestern am Bahnhof gesehen habe. Neben ihr weint ihre Tochter bitterlich. Aber diese Frau ist zu sehr mit ihrer digitalen "Erweiterung des Selbst" beschäftigt als sich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern. Das ist alarmierend und traurig zugleich. Wissenschaftler, die dann behaupten, es sei besser sein Smartphone immer dabei zu haben, sollten sich nicht als solche bezeichnen dürfen. Der ganze dümmliche Social Media-Trend macht uns letztlich nur noch abhängiger vom Netz, unselbstständiger und dümmer. Die Invasion der Zombies. Sie beginnt tatsächlich. Aber anders, als wir es uns vorgestellt haben.
spmc-12417818382850 12.01.2015
3.
Also sowas blödes hab ich ja noch selten gelesen. Natürlich lenkt das ab, wenn mein Handy klingelt! Haben die es auch klingeln lassen, wenn es in der Hosentasche war? Dann hat es nicht abgelenkt? Ob die Versuchsteilnehmer vielleicht die besten Resultate erzielen, wenn sie ihr iPhone abschalten müssen?? Wer diese Studie wohl finanziert hat.
3-plus-1 12.01.2015
4.
Zitat von bannister81"Erweiterung des Selbst" ist dabei nur eine Umschreibung dafür, dass ein großer Teil unsere Gesellschaft immer mehr zu seelenlosen Smartphone-Zombies mutiert, die nicht mitbekommen, was im Umkreis von 10 Metern um sie herum passiert. Ich denke dabei eine Mutter, die ich gestern am Bahnhof gesehen habe. Neben ihr weint ihre Tochter bitterlich. Aber diese Frau ist zu sehr mit ihrer digitalen "Erweiterung des Selbst" beschäftigt als sich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern. Das ist alarmierend und traurig zugleich. Wissenschaftler, die dann behaupten, es sei besser sein Smartphone immer dabei zu haben, sollten sich nicht als solche bezeichnen dürfen. Der ganze dümmliche Social Media-Trend macht uns letztlich nur noch abhängiger vom Netz, unselbstständiger und dümmer. Die Invasion der Zombies. Sie beginnt tatsächlich. Aber anders, als wir es uns vorgestellt haben.
Nun, ich fahre immer allein mit der Bahn zur Arbeit und dafür hatte ich früher einen Walkman und heute halt ein Smartphone. Warum? Na ganz einfach, Stöpsel in die Ohren und es fühlt sich so ähnlich an als würde ich mit dem Auto fahren. Also dieses wunderbare Verkehrsmittel, wo einem keine Mitfahrer aufgenötigt werden, die man nicht einlädt. Also, ich WILL die Berufsverkehrumgebung nicht wahrnehmen und das geht mit Sicherheit auch vielen anderen so, die aus Kosten-, Parkplatz- oder Staugründen ÖPNV fahren. Alles was da beim Abkapseln hilft (Musik, Lesen, Spielen) bietet das Smartphone und es ist höchst willkommen.
amazingworld 12.01.2015
5. Zombies
Das ist nur noch krank (Sucht). Ich habe in unserer Firma die Angestellten beobachtet. Alle paar Minuten waren sie mit ihren smart phones (SP) beschäftigt weil ein neues Bild oder ein unheimlich wichtiger Eintrag über irgendeinen Schwachsinn Alarm geschlagen hat. Das hab ich dann verboten. Wenn sie dann zum Mittagessen gehen sind sie alle in ihre Smarties vertieft und wenn die Tür nicht offen wäre..SP Zombies Ich habe auch ein Restaurant. Dann sitzt da eine 4-köpfige Famile am Tisch und jeder ist in sein Smart Phone, Pad oder sonstwas vertieft..reden tun die nicht mehr. Dank der "soziale Netzwerke" PS: Ich habe ein "Mobile" (so heisst das "Handy" eigentlich) mit dem man tatsächlin auch telefonieren kann. Macht aber keiner mehr. PPS: Da gab es mal eine Umfrage was man auf seinem SP am meisten nutzt. Bei den Fragen wurde "telefonieren" nicht erwähnt.
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