Steigende IQ-Werte Warum die Menschheit immer schlauer wird

Jahr für Jahr schneiden Menschen in IQ-Tests immer besser ab, seit einem Jahrhundert werden wir immer schlauer. Eine umfangreiche Studie hat nun ergründet, was uns pfiffiger macht - und was eher nicht.

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Gehirn: Anstieg der IQ-Punkte seit hundert Jahren
Corbis

Gehirn: Anstieg der IQ-Punkte seit hundert Jahren


Immer wieder haben Forscher beobachtet, dass der Intelligenzquotient (IQ) der Bevölkerung offenbar steigt. Ein vor 50 Jahren geborenes Kind konnte die Testaufgaben nicht so gut lösen wie Kinder heute. Umstritten sind allerdings die Gründe für diesen sogenannten Flynn-Effekt, benannt nach dem Forscher James Flynn.

Auch unterschiedliche Verläufe in unterschiedlichen Ländern gaben den Wissenschaftlern Rätsel auf. In einer neuen Übersichtsstudie haben Psychologen von der Universität Wien nun IQ-Daten aus Dutzenden Ländern verglichen. Der IQ-Wert habe sich weltweit um drei Punkte pro Jahrzehnt erhöht, berichten Jakob Pietschnig und Martin Voracek im Fachmagazin "Perspectives on Psychological Science".

Für ihre Metastudie arbeiteten sich die Psychologen durch die Ergebnisse von Intelligenztests aus mehr als einem Jahrhundert. 219 Studien mit insgesamt vier Millionen Studienteilnehmern aus 31 Ländern flossen in ihre Arbeit ein.

Der Intelligenzquotient (IQ)
Was ist der IQ?
Der Intelligenzquotient (IQ) gilt als Maß für die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen. Der IQ wird mithilfe eines Intelligenztests bestimmt. Entscheidend ist dabei, wie gut ein Proband die Aufgaben im Vergleich zu einer Referenzgruppe, zum Beispiel der Bevölkerung, löst. Per Definition hat der Durchschnitt der Referenzgruppe einen IQ von 100. Wer besser abschneidet, hat einen höheren IQ, und umgekehrt.
Welchen Arten von Intelligenz gibt es?
Forscher prüfen mit unterschiedlichen Fragen verschiedene Arten von Intelligenz ab. Beim kristallinen IQ wird Wissen abgefragt, beim fluiden IQ logisches Denken und Abstraktionsvermögen. Auch das räumliche Vorstellungsvermögen kann getestet werden. Typische Intelligenztests behandeln mehrere IQ-Arten. Aus den Teilergebnissen wird dann der Gesamt-IQ berechnet.
Was ist der Flynn-Effekt?
Der Flynn-Effekt wurde 1984 von Robert Flynn zuerst beschrieben. Flynn beobachtete, dass die Bevölkerung im Laufe der Zeit in IQ-Tests immer besser abschneidet. Ein Kind im Jahr 1950 hat den Test also schlechter bearbeitet als ein Kind heute. Aufgrund des Flynn-Effekts werden IQ-Tests immer wieder neu geeicht. Dadurch sind Ergebnisse aus unterschiedlichen Jahren aber nur mit größerem Aufwand vergleichbar.

Demnach haben die Teilnehmer in den Tests im Laufe der Zeit immer besser abgeschnitten. Beispiel USA: Von 1932 bis 1972 stieg der Intelligenzquotient bei Kindern um zehn Punkte - Basis war eine Untersuchung mit fast 2400 Teilnehmern. Die Wiener Forscher fassten die Daten der 219 berücksichtigten Studien zusammen, um sich ein Bild von der Entwicklung der Länder und Kontinente machen zu können.

So ist der Gesamt-IQ vom Jahr 1909 bis 2013 um 30 Punkte gestiegen. Der Anstieg fand jedoch nicht gleichmäßig statt und war auch nicht in allen Bereichen gleich stark ausgeprägt. Die größten Zuwächse fanden die Forscher bei den Tests für Logik und Abstraktionsvermögen, der sogenannten fluiden Intelligenz. "Da werden Fragen gestellt, die man ohne großes Vorwissen beantworten kann", erklärt Studienautor Pietschnig. Zum Beispiel: "Setzen Sie die Zahlenreihe fort: 2, 4, 6, 8, …".

Kurven flachen ab

"Wir leben in einer Zeit, die sehr spezielle Anforderungen an einen Menschen stellt", sagt Pietschnig. Häufig gehe es dabei um abstrakte Vorgänge, beispielsweise das Einloggen in einem Onlinesystem, welches es vor hundert Jahren noch gar nicht gab. Daher sei es durchaus plausibel, dass Menschen heute in Tests für Abstraktionsvermögen besser abschneiden.

Bei Fragen nach konkretem Wissen sind die Zuwächse geringer. In solchen Tests müssen Probanden beispielsweise die Hauptstadt eines Landes nennen. In diesem Bereich der sogenannten kristallinen Intelligenz schnitten die Teilnehmer 2013 im Schnitt nur um 20 Punkte besser ab als 1910.

Die Kurven sind zudem in den 20 Jahren abgeflacht. "Die Zuwächse verlangsamen sich", sagt Pietschnig. In einzelnen Ländern wie Finnland ist der IQ zuletzt sogar minimal gesunken.

Unterschiede gibt es auch zwischen den Kontinenten. Während in Asien seit den Fünfzigerjahren große Zuwächse beobachtet wurden, war der Anstieg in Europa vergleichsweise moderat. Allerdings seien die Zahlen nur bedingt vergleichbar, weil die IQ-Startwerte auf den Kontinenten nicht identisch waren. Die Analyse liefere aber zumindest einen Trend.

Rasanter Anstieg in Kenia

Die Psychologen haben ihre äußerst lange Zeitreihe auch benutzt, um mögliche Einflussfaktoren auf den IQ zu identifizieren. Das Erbgut spielt demnach keine große Rolle. Das Beispiel Kenia zeige zudem, dass IQ-Zuwächse auch ohne große technische Errungenschaften möglich seien, schreiben die Forscher. Dort war der IQ in ländlichen Regionen teils um 1,8 Punkte pro Jahr gestiegen.

"Starke Kandidaten sind hingegen Umweltfaktoren", sagt Pietschnig. Bildung sowie eine bessere Ernährung und medizinische Versorgung passen gut zur Entwicklung des IQs. Dazu kommen sogenannte soziale Multiplikatoren. Die Idee ist, dass ein Mensch mehr kognitive Fähigkeiten erlangen wird, wenn dies in seinem sozialen Umfeld belohnt wird. Dadurch werden solche Fähigkeiten in der Gesellschaft als Ganzes zunehmen, und der Anreiz für den Einzelnen wird noch größer. So verstärkt der Effekt sich selbst.

Der Einfluss der Umwelt spiegelt sich nach Ansicht der Forscher besonders gut in der Zeit des Zweiten Weltkriegs wider. Während der IQ vor dem Krieg um 0,6 Punkte pro Jahr angestiegen ist, waren es während des Krieges nur noch 0,2 Punkte pro Jahr. Nach Ende des Krieges stieg der IQ wieder schneller. Krieg sei eine Zeit von mangelnder Ernährung, Schulbildung und medizinischer Versorgung, sagt Pietschnig. Ein langsamerer Anstieg des IQs sei demnach durchaus plausibel.

Doch offenbar wird der Umwelteinfluss mit immer besseren Lebensumständen kleiner. "Irgendwann bringt mehr Nahrung nichts mehr", sagt Pietschnig. "Dann werden die Leute nur noch dicker." Das könnte für das Abflachen der Kurven in den vergangenen Jahrzehnten verantwortlich sein.



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