Irak Bewaffnete Roboter sollen Rebellen jagen

Mit immer neuen Erfindungen versucht die US-Armee, den Blutzoll unter ihren Soldaten im Irak zu senken. Nun sollen Roboter mit Maschinengewehren Rebellen jagen. Schon werden Warnungen vor einem neuen Image-Desaster durch den "Terminator-Einsatz" laut.


Roboter "Talon": Maschinengewehr, Granaten und Raketen statt Greifarm
Foster-Miller

Roboter "Talon": Maschinengewehr, Granaten und Raketen statt Greifarm



Tarnkappenbomber, Lenkwaffen, Satelliten und modernste Panzer helfen wenig, wenn im Labyrinth der irakischen Städte der Häuserkampf ausbricht. Hunderte US-Soldaten haben durch Sprengfallen, Autobomben und Attacken aus dem Hinterhalt bereits ihr Leben verloren. Die Armeeführung versuchte ihrerseits, mit Technik zu kontern. Sensoren sollen versteckte Bomben und feindliche Scharfschützen orten, ferngesteuerte Jeeps mit Gewehren bewachen bedrohte Stützpunkte, für die Eindämmung von Aufständen sind gar Mikrowellenwaffen geplant.

Nun wollen die Amerikaner ihre mechanischen und elektronischen Helfer erstmals auch scharf schießen lassen. Roboter, die bisher feindliches Gebiet erkundet oder Bomben entschärft haben, sollen mit Maschinengewehren ausgerüstet auf die Jagd nach Rebellen geschickt werden. Die US-Armee stellte jetzt die ersten Prototypen des bewaffneten "Unmanned Ground Vehicle" bei einer Pressekonferenz vor. Im März oder April sollen die ersten 18 Exemplare im Irak eingesetzt werden.

Waffen statt Greifarm

Der rund 80 Zentimeter hohe "Talon"-Roboter rollt mit bis zu zehn Kilometern pro Stunde auf Ketten umher. Bisherige Versionen können Bomben oder andere verdächtige Objekte mit einem Greifarm prüfen und aus dem Weg räumen. Mehr als Hundert der mechanischen Helfer sind derzeit im Irak und in Afghanistan im Einsatz, Hundert weitere sollen beim Hersteller Foster-Miller mit Sitz in Waltham (US-Staat Massachusetts) bestellt sein.

Armee-Ingenieur bei der Steuerung des "Talon"-Roboters: Warnung vor dem "Terminator"
DoD

Armee-Ingenieur bei der Steuerung des "Talon"-Roboters: Warnung vor dem "Terminator"

Die tödliche Version des "Talon" trägt an Stelle des Greifarms eine Halterung für verschiedene Waffen. Montiert werden können nicht nur Maschinengewehre wie das mittelschwere M240 oder das leichte M249, sondern auch ein Granatwerfer oder vier 66-Millimeter-Raketen. Die Lafette, ausgerüstet mit vier Kameras und zwei Nachtsichtgeräten, wird bereits vom US-Marinekorps fürs ferngesteuerte Schießen benutzt: Per Kabelverbindung lösen die Soldaten aus sicherer Entfernung die Waffen aus.

Auf dem Roboter wird der Kugelhagel nun per Funksignal gestartet. "Talon" wird sich allerdings weder autonom bewegen noch selbständig feuern, sondern immer von einem Soldaten bedient, betonten die Entwickler.

Umbemannter Rettungswagen geplant

"Mit dem Feldeinsatz eines solchen Geräts beginnen wir etwas völlig Neues", sagte Santiago Tordillos vom Armaments Engineering and Technology Center der US-Armee gegenüber dem Online-Nachrichtendienst "Wired". "Wir waren schon vor Monaten bereit, den Einsatz zu beginnen." Die Armee-Bürokratie habe aber einen schnelleren Start verhindert. Dass das Konzept funktioniert, weiß die US-Armee bereits seit Dezember 2003, als Marines erstmals einen bewaffneten "Talon" in Kuweit testeten.

Ferngesteuerter Jeep mit Sturmgewehr: Unempfindlicher Wächter
AP/ USAF

Ferngesteuerter Jeep mit Sturmgewehr: Unempfindlicher Wächter

Derzeit entwickeln die US-Streitkräfte auch einen unbemannten Rettungswagen: Das "Robotic Extraction Vehicle" (REV) ist etwa drei Meter lang, 1,6 Tonnen schwer und soll eine Trage inklusive eines verwundeten Soldaten unter seinem Metallkleid verstauen können. Zugleich soll das REV in seinen Innereien einen 270 Kilo schweren sechsräderigen Roboter tragen, der mit einem Greifarm einen Verwundeten aus der Schusslinie ziehen kann.

Warnung vor dem "Terminator"-Image

Rüstungskritiker sehen insbesondere dem Einsatz der schießenden Roboter mit gemischten Gefühlen entgegen. "Das gibt eine Ahnung davon, was uns in Zukunft erwartet", sagte John Pike, Direktor des Washingtoner Think Tanks "Globalsecurity.org". "Diese Dinger haben keine Familie. Sie kennen keine Angst. Man kann sie für Aufgaben einsetzen, die man einem Soldaten nur schwer zumuten könnte."

Allerdings eröffneten die Roboter "neben einigen erfreulichen auch alptraumhafte Perspektiven", sagte Pike. So dürften die Maschinen dafür sorgen, dass der traditionelle Kampf Mann gegen Mann schon bald der Vergangenheit angehören könne. "Aber das könnte uns auch unserer Menschlichkeit berauben", warnte der Experte. "Wir könnten in den Augen der Welt wie Terminatoren aussehen."



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