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Irak-Statistik: Forscher errechnen 100.000 zivile Opfer - Kritiker zweifeln

Die Lage im Irak ist verworren, belastbare Statistiken über zivile Kriegsopfer gibt es nicht. US-Forscher haben nun knapp 1000 Haushalte im Irak befragt - und kamen per Hochrechnung auf 100.000 getötete Zivilisten. Experten zweifeln an dem Ergebnis, denn die Methode hat Schwächen.

US-Angriff auf Bagdad (März 2003): Opferzahlen viel zu niedrig?
DPA

US-Angriff auf Bagdad (März 2003): Opferzahlen viel zu niedrig?

Manche Studien sind so brandaktuell, dass Wissenschaftsverlage sie vorab im Internet veröffentlichen, bevor sie gedruckt erscheinen. So wie bei der Untersuchung amerikanischer Forscher über die zivilen Opfer des Irak-Krieges. Das renommierte Fachblatt "The Lancet" stufte die Ergebnisse als "von dringendem öffentlichen Interesse" ein.

Nach den Berechungen der Autoren sind im Irak seit Beginn der Invasion der Alliierten etwa 100.000 Zivilisten umgekommen - eine Zahl, die extrem hoch erscheint. Bisherige Schätzungen waren von 10.000 bis höchstens 30.000 Toten ausgegangen. Die US-Armee musste seit Beginn des Einmarsches 1081 gefallene Soldaten beklagen. Terroristsche Selbstmordattentäter sollen seit Beginn der Anschläge im Irak mehr als 1000 Menschen mit sich in den Tod gerissen haben.

Das Timing der Veröffentlichung wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl ist kein Zufall. Les Roberts, einer der Autoren von der Johns Hopkins University, hatte darauf bestanden, dass die brisanten Ergebnisse noch vor der Wahl am 2. November publik gemacht werden. "Mein Motiv ist nicht, die Wahl zu beeinflussen", betonte Roberts. Er wolle vielmehr erreichen, dass sich beide Kandidaten Gedanken machten, wie die Zivilbevölkerung besser zu schützen ist.

Angriff auf Hochzeitsfeier im Mai 2004: Zivile Opfer überwiegend Frauen und Kinder
AP

Angriff auf Hochzeitsfeier im Mai 2004: Zivile Opfer überwiegend Frauen und Kinder

Die meisten der zivilen Opfer seien Frauen und Kinder, berichtet Roberts. 95 Prozent der geschätzten 100.000 Opfer seien bei Bomben- oder Hubschrauberangriffen der Koalitionstruppen umgekommen - die ständigen Terroranschläge spielen in der Statistik erstaunlicherweise kaum eine Rolle. Das Risiko, infolge von Gewalteinwirkung zu sterben, sei im heutigen Irak 58 Mal höher als vor dem Einmarsch der US-Truppen.

Die 100.000 Opfer seien eine "konservative Schätzung", betont Roberts. Tote in der umkämpften Region Falludscha seien darin nicht berücksichtigt.

Die Opferzahl beruht auf einer Befragung von 988 irakischen Haushalten in 33 verschiedenen Regionen des Landes. Die Forscher wählten in jeder Region zufällig GPS-Koordinaten aus und gingen dann in die 30 diesen ausgewählten Punkten am nächsten liegenden Häuser. Die Interviewerteams bestanden aus Irakern, die meisten von ihnen waren Ärzte.

Die in den Häusern lebenden Familien wurden gefragt, ob es bei ihnen Todesfälle in den 15 Monaten vor dem Einmarsch und in den 18 Monaten danach gegeben habe. Damit keine Falschaussagen in die Studie einfließen konnten, verlangten die Interviewer auch schriftliche Bestätigungen der Todesfälle - allerdings nur in 78 Häusern, um die Befragten nicht generell als Lügner zu verdächtigen. In 63 dieser Häuser waren Totenscheine vorhanden. Die Forscher glauben jedoch, dass falsche Angaben über Tote unwahrscheinlich sind, sie nehmen vielmehr an, dass eher Todesfälle verschwiegen wurden.

Zweifel an der Seriosität der Umfrage

Roberts Team ist sich der Schwächen seiner Methode durchaus bewusst: "Die Umfrage wurde unter den Bedingungen eines Krieges durchgeführt. Deshalb sind gewisse Einschränkungen unvermeidlich."

Bombenanschlag in Bagdad im September: Terroropfer spielen angeblich untergeordnete Rolle
REUTERS

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Ob eine solche Methode tatsächlich realistische Zahlen liefern kann ist fraglich. Schließlich wurde das irakische Volk bislang kaum von Demoskopen erforscht. Auch die im Lande lebenden verschiedenen Volksgruppen, Schiiten, Sunniten, Kurden, mit teilweise gegensätzlichen Interessen, erschweren eine repräsentative Umfrage.

Andere unabhängige Schätzungen kamen zudem auf weit geringere Opferzahlen. Die Washingtoner Brookings Institution etwa errechnete von Kriegsende bis September 2004 zwischen 15.200 und 31.400 tote irakische Zivilisten. Menschenrechtsorganisationen sprechen von rund als 30.000 Toten im ganzen Land, und selbst irakische Quellen geben nur rund 40.000 Opfer an. Die Internetseite "Iraq Body Count", betrieben von Wissenschaftlern und Friedensaktivisten, setzt die Zahl bestätigter ziviler Todesopfer zwischen 14.000 und 16.000 an.

Richard Peto, Oxford-Professor für statistische Medizin und an der Studie nicht beteiligt, bescheinigte Les Roberts und seinen Kollegen dennoch Seriosität. Die eingesetzte Methode zur Berechnung der Opferzahl sei sinnvoll. Allerdings könne die Auswahl der 33 Punkte, an denen Hausbewohner befragt wurden, sich als nicht repräsentativ erweisen.

Interesse an der Untersuchung zeigte auch die Regierung in London. Der britische Außenminister Jack Straw sagte der BBC, man werde die Ergebnisse der Studie "mit sehr großer Sorgfalt" prüfen. Allerdings seien andere unabhängige Schätzungen auf rund 15.000 zivile Opfer im Irak gekommen, so Straw. Jon Alterman, Leiter der Nahostabteilung am Center for Strategic and International Studies in Washington DC, zollte den Interviewern Respekt. "Die haben Bemerkenswertes in einer gefährlichen Umgebung geleistet", sagte er gegenüber dem Onlinedienst von "Nature". Allerdings zweifelt Alterman an der Genauigkeit der Zahlen. "Generell ist mehr Datenmaterial besser, ungenaue Daten helfen wenig."

Richard Hurton, Herausgeber des "Lancet", schrieb in einem Kommentar, die Ergebnisse der Studie würden Fragen an die Verantwortlichen des Präventivkrieges aufwerfen. "Bei der Planung dieses Krieges hätten die Koalitionstruppen die möglichen Auswirkungen ihrer Aktionen auf die Zivilbevölkerung berücksichtigen müssen." Welche Planung auch immer stattgefunden habe, sie sei "schmerzlich falsch" gewesen.

Die Autoren der Studie betonten, es gehe nicht um die Frage, ob der einzelne Soldat Böses getan habe. Es gehe eher um den generellen Umgang mit der Besetzung, sagte Roberts. Er verlangte weitere Untersuchungen zur Bestätigung der Opferschätzungen durch unabhängige Dritte wie das Internationale Rote Kreuz oder die Weltgesundheitsorganisation WHO.

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