Irak USA haben Phosphor als Brandwaffe benutzt

Die Regierungen der USA und Großbritanniens haben zugegeben, weißen Phosphor bei Kämpfen im Irak eingesetzt zu haben - und zwar nicht wie üblich in Rauchmunition, sondern als Brandwaffe für den direkten Beschuss von Menschen.


London/Washington - Seit Wochen kursieren im Internet Bilder aus dem Irak, die angebliche Opfer amerikanischer Brandwaffen zeigen: Grässlich verstümmelte und verkohlte Leichen mit grotesk verzerrten Gesichtern sollen beweisen, dass die US-Armee bei den Kämpfen um die irakische Stadt Falludscha im November 2004 weißen Phosphor und eine neues, Napalm-ähnliches Brandmittel eingesetzt haben soll.

Kämpfe im Irak: Diese Bilder des italienischen Senders RAI 24 sollen den Einsatz weißen Phosphors zeigen
AP / RAI News24

Kämpfe im Irak: Diese Bilder des italienischen Senders RAI 24 sollen den Einsatz weißen Phosphors zeigen

Nach anfänglichen Dementis haben jetzt sowohl das US-Verteidigungsministerium als auch die britische Regierung eingeräumt, im Irak tatsächlich weißen Phosphor eingesetzt zu haben. "Weißer Phosphor ist eine konventionelle Munition, keine chemische Waffe", sagte Pentagon-Sprecher Oberstleutnant Barry Venable dem britischen Sender BBC. "Wir benutzen es in erster Linie als Verdunkler, für Rauchvorhänge oder zur Markierung von Zielen."

Das ist die übliche Anwendung von weißem Phosphor, den die US-Armee etwa in Mörsergranaten sowie in Artilleriegeschossen der Kaliber 105 und 155 Millimeter verwendet. Allerdings räumte Venable ein, dass die Substanz auch "als Brandwaffe gegen feindliche Kämpfer eingesetzt worden" sei.

Weißer Phosphor sei nützlich, um Aufständische aus Positionen zu vertreiben, die nicht mit normaler Artillerie erreicht werden könnten. In solchen Fällen werde eine Phosphorbombe in die Stellung gefeuert. Die "kombinierte Wirkung von Feuer und Rauch - und in manchen Fällen die Angst, die die Explosion auslöst - treibt sie aus den Löchern heraus, so dass man sie mit Sprengbomben töten kann", erklärte Venable.

Opfer verbrennen bis auf die Knochen

Wer aber intensiven Kontakt mit weißem Phosphor hatte, muss meist nicht mehr mit Sprengsätzen getötet werden. Kommt die Substanz mit Sauerstoff in Kontakt, beginnt sie augenblicklich zu brennen und entwickelt Temperaturen von rund 1300 Grad Celsius. Der Kontakt löst bei Menschen neben Verbrennungen Schäden an Lunge, Leber, Herz, Nieren oder Knochen aus. Zudem ist weißer Phosphor hochgiftig: Schon 50 Milligramm gelten als tödliche Dosis. Allerdings tritt der Tod erst nach 5 bis 10 Tagen ein, da das Gift die Eiweiß- und Kohlenhydratsynthese stört.

Weißer Phosphor wurde bereits im Zweiten Weltkrieg beim Bombardement deutscher Städte eingesetzt. Vermischt mit Kautschuk ergab er eine zähflüssige Masse, die sich, einmal in Brand geraten, nicht mit Wasser löschen ließ, an den Opfern kleben blieb und üble Wunden verursachte.

Auch in Rauchgeschossen ist weißer Phosphor keinesfalls so harmlos, wie er in den Stellungnahmen der britischen und amerikanischen Militärsprecher erscheint. Wer mit der weißen Wolke in Kontakt kommt, kann nach Ansicht von Experten schwere Verletzungen erleiden. Beim Einatmen schädigt der Phosphor die Atemwege, das Fleisch verbrennt bis auf die Knochen. Die Kleidung bleibt oft unversehrt - was den schrecklichen Bildern der angeblichen Phosphor-Opfer aus Falludscha ihre Beweiskraft geben soll, denn sie zeigen verkohlte Menschen mit oft intakter Kleidung.

Dementi des Dementis

In der vergangenen Woche hatte der staatliche italienische Fernsehsender RAI 24 berichtet, die US-Streitkräfte hätten in Falludscha eine Art Napalm und Weißen Phosphor gegen Aufständische und Zivilisten eingesetzt. Das US-Außenministerium hat das bestritten. Noch am Dienstag hat die britische Zeitung "The Independent" einen Brief des US-Botschafters in Großbritannien, Robert Tuttle, veröffentlicht. "US-Streitkräfte", hieß es dort, "setzen Napalm oder weißen Phosphor nicht als Waffen ein."

Dass das Pentagon dies nun doch zugibt, treibt Kritiker auf die Barrikaden. Die Grünen im Europaparlament erklärten, der "absichtliche und gezielte Einsatz von weißem Phosphor gegen Menschen" sei ein "eklatanter Verstoß" gegen das Protokoll der Konvention zum Einsatz konventioneller Waffen. Der Nato-Rat solle sich dafür einsetzen, dass die USA das Protokoll unterzeichnen und sicherstellen, dass innerhalb der Nato generell auf den Einsatz von weißem Phosphor verzichtet werde.

Markus Becker



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