Irak USA zögern mit Einsatz der Mikrowellen-Kanone

Sie soll das können, wovon manche Militärs träumen: Leute außer Gefecht setzen, ohne sie zu verletzen. Im Irak könnten die US-Soldaten die Strahlenkanone gut gebrauchen, doch ein baldiger Einsatz ist nicht abzusehen. Die Armeeführung fürchtet sich vor Foltervorwürfen.


Washington - Es klingt wie eine Szene aus "Raumschiff Enterprise": Sicherheitskräfte bringen mit einem Energiestrahl Randalierer unter Kontrolle, ohne einen einzigen Schuss abzufeuern. Eine solche Waffe könnte den US-Soldaten im Irak helfen, das Leben von Zivilpersonen zu schützen. Und sie existiert bereits: In den vergangenen zehn Jahren entwickelte das amerikanische Verteidigungsministerium eine Strahlenkanone, die weder tötet noch lähmt.

Active Denial System: Im Irak "dringend gebraucht"
AP

Active Denial System: Im Irak "dringend gebraucht"

Das sogenannte "Active Denial System", das auf einem Geländewagen montiert wird, verschießt unsichtbare Mikrowellenstrahlen. Diese dringen knapp unter die Haut ein und geben den Getroffenen das Gefühl zu brennen. Wenn sie jedoch zur Seite gehen, vergeht der Schmerz, Verletzungen bleiben angeblich keine zurück. Das Pentagon zögert allerdings mit dem Einsatz der Waffe, weil es befürchtet, sie könnte als Folterinstrument betrachtet werden.

Das System hätte möglicherweise eine Tragödie wie wenige Wochen nach dem Sturz von Saddam Hussein in Falludscha verhindern können. Bei einer der ersten großen Demonstrationen gegen die US-Besatzung fielen plötzlich Schüsse. 18 Iraker kamen ums Leben, weitere 78 wurden verletzt. Ähnliche Szenen wiederholten sich in den folgenden Jahren immer wieder: Menschen versammeln sich, Aufständische mischen sich unter die Zivilpersonen. Soldaten schießen, und Unschuldige sterben.

Zwei Tage nach dem Zwischenfall in Falludscha, am 30. April 2003, schrieb der damalige Topwissenschaftler bei der Weltraumbefehlszentrale der Luftwaffe in Colorado, Gene McCall, an den Generalstabschef Richard Myers in einer E-Mail: "Ich bin überzeugt, dass die Tragödie in Falludscha nicht passiert wäre, wenn es dort ein 'Active Denial System' gegeben hätte." Dem System müsse umgehend Priorität eingeräumt werden. McCall ging im November 2003 in Rente, er ist jedoch weiterhin von der Waffe überzeugt. "Wie das gehandhabt wurde, ist ein nationaler Skandal", sagte er der Nachrichtenagentur AP.

Den "CNN-Effekt" minimieren

Wenige Monate nach McCalls E-Mail reichte Brigadegeneral Richard Natonski, der gerade aus dem Irak zurückgekehrt war, eine dringende Bitte um die Waffe in Washington ein. Das System würde den "CNN-Effekt" minimieren, schrieb er: die Verbreitung von Bildern, in denen US-Soldaten als Aggressoren zu sehen sind. Ein Jahr später bat Natonski, inzwischen zum Generalmajor befördert, erneut um die Waffe, die besonders in städtischen Bereichen "dringend gebraucht" werde. Ähnliche Anfragen von anderen ranghohen Offizieren im Irak folgten.

Der Hauptgrund, warum die Strahlenkanone weiterhin nicht zum Einsatz kommt, ist ihr Bild in der Öffentlichkeit. Die Erinnerungen an den Skandal von Abu Ghureib 2004 sind noch frisch, und das Pentagon zögert, den Soldaten eine hochmoderne Waffe zur Verfügung zu stellen, die als Folterinstrument missverstanden werden könnte.

Testanlage der Strahlenwaffe: High-Tech-Folterinstrument?
US Air Force

Testanlage der Strahlenwaffe: High-Tech-Folterinstrument?

"Wir wollen sicherstellen, dass alle Bedingungen richtig sind, damit das System wie erwartet funktioniert, wenn es einsatzbereit ist", betont der Leiter der Abteilung für Nichttödliche Waffen im US-Verteidigungsministerium, Oberst Kirk Hymes. Die Anwälte des Ministeriums haben bereits grünes Licht für die Einsätze im Irak und in Afghanistan gegeben, wie aus einem Dokument vom 15. November hervorgeht.

Menschenrechtsorganisationen zeigen sich dennoch besorgt und verweisen darauf, dass die Angaben des Pentagons nicht zu überprüfen sind, weil die entsprechenden Dokumente als geheim eingestuft wurden. Eine solche neue Waffe müsse eingehend geprüft werden, sagt Stephen Goose von der Organisation Human Rights Watch in Washington. Mediziner warnen zudem vor möglichen Schäden an Augen.

Ein weiteres Thema sind die Kosten. Das Pentagon hat in den vergangenen zehn Jahren 62 Millionen Dollar (45,5 Millionen Euro) in die Entwicklung des Systems investiert - ein geringer Betrag im Vergleich zu anderen Militärprogrammen. Aus Kreisen des Ministeriums verlautete, die Waffe sei zu teuer. Allerdings wollte sich niemand dazu äußern, wie viel die Produktion eigentlich kostet.

Nur zwei Verletzungen bei Tests dokumentiert

Das "Active Denial System" arbeitet mit einem Mikrowellenstrahl, nicht mit Laser. Mit Hilfe einer Antenne können die Strahlen bis zu 500 Meter weit übertragen werden und durchdringen auch Kleidung und Fensterscheiben. Auf diese Weise könnten Soldaten aus sicherer Entfernung von Brandsätzen und Steinwürfen operieren, ohne Unbeteiligte zu gefährden. In zwölf Jahren wurden bei Tests nach Angaben der Streitkräfte nur zwei Mal Menschen verletzt, beide erlitten Verbrennungen zweiten Grades.

Zu den Offizieren, die das System einsetzen wollten, gehörte der Generalmajor Robert Neller. Sein wissenschaftlicher Berater Franz Gayl machte ein risikoscheues Beschaffungsmanagement bei den Streitkräften für die Verzögerungen beim Einsatz verantwortlich. Die Waffe sei neu und unkonventionell und werde daher von den zuständigen Offizieren misstrauisch aufgenommen. Wenn die Energiekanone schon bei der Invasion der US-Truppen im Irak zu Verfügung gestanden hätte, "wären viele unschuldige irakische Leben verschont geblieben", betont Neller.

Richard Lardner, AP



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