Irischer Teeskandal: Pack das Zeug weg

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Teetrinkende Frauen wurden im Irland des 19. Jahrhunderts als unkontrollierbar und unverantwortlich angesehen. Historiker haben untersucht, warum die Damen als Gefahr für die Wirtschaft des Landes galten: Tee eilte damals ein ähnlicher Ruf voraus wie heute Cannabis.

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Umstrittenes Getränk: "Nancy; gib den Tee auf, ein für alle mal"

Echt irre, die Iren. Anfang des 19. Jahrhunderts verbreitete sich auf der Insel ein absurdes Gerücht: Man machte den Teekonsum verantwortlich für die zunehmend schlechte wirtschaftliche Lage des Landes. Süchtig sollte Tee machen, tüchtige Bauernfrauen in lethargische Stimmung versetzen und verbotene Sehnsüchte wecken. Schnell stand fest: Das teinhaltige Heißgetränk muss aus den Bauernhaushalten verschwinden.

"Reformer, die hauptsächlich aus der Mittel- und Oberschicht stammten, versuchten, die einfache Landbevölkerung dazu zu bewegen, ihren Lebensstil zum Wohl des Landes zu ändern, wenn auch in etwas bevormundender Weise", sagt Helen O'Connell von der Durham University in Großbritannien. Sie wertete von Reformern am Anfang des 19. Jahrhunderts verfasste Pamphlete aus, um die gesellschaftliche Entwicklung dieser Zeit nachzuzeichnen - und stieß auf einige aufschlussreiche und aus heutiger Sicht absurde Geschichten.

1811 etwa veröffentlichte Mary Leadbeater, eine irische Autorin und Reformerin, die "Cottage Dialogues". Darin warnt Protagonistin Rose ihre Freundin Nancy ausdrücklich vor dem gefährlichen Gesöff: "Sollte nicht jede Frau eines armen Mannes hart arbeiten und alles tun, um ihrem Mann zu helfen? Und glaubst Du, Du kannst Dir den Tee von dreizehn Pence am Tag leisten? Schlag Dir das sofort aus dem Kopf, Nancy; gib den Tee auf, ein für alle Mal."

Anfang des 19. Jahrhunderts führte große Ungleichheit zu Spannungen im Land: Wenige reiche Landlords, oft britischer Herkunft, verpachteten ihren Besitz zu schlechten Konditionen an die arme Landbevölkerung. Erst 1801 war Irland über den Act of Union per Gesetz an das Vereinigte Königreich von Großbritannien angeschlossenen worden, das damit Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Irland hieß.

"Die Kritiker aus der Ober- und Mittelschicht waren der Auffassung, dass die Bauernfrauen ihre Füße hochlegen, um gemütlich einen Tee zu schlürfen, statt ein nahrhaftes Abendessen für ihre hart arbeitenden Männer vorzubereiten", schließt O'Connell aus ihren Auswertungen, die in der Fachzeitschrift "Literature and History" veröffentlicht worden sind.

Dieses Verhalten und die mit dem Teekonsum verbundene Lethargie trug aus Sicht der Wohlhabenden maßgeblich zur schlechten wirtschaftlichen Lage auf der Insel bei. "Als wäre das noch nicht genug, wurde zudem angenommen, dass Tee drogenähnliche Wirkung hat - eine exotische Substanz aus China, die mit der Zeit süchtig macht", berichtet die Wissenschaftlerin.

Harte Kritik erleichtert die Rebellion im Stillen

In Leadbeaters Pamphlet "The Landlord's Friend" kommentiert Lady Seraphina, eine Grundbesitzerin, dass in der Küche einer Bäuerin keine Teetassen stehen. Daraufhin antwortet die Herrin des Hauses: "Wir hatten nie Tee hier und würden nicht riskieren, dass unser kleines Mädchen etwas mitbekommt von einer Sache wie dieser. Das Verlangen nach einem Tropfen Tee nimmt vielen Armen ihr ganzes Leben. Ich würde nie Dinge bei mir haben, die uns in Versuchung bringen."

Leadbeater deute hier an, dass Teetrinken zu einer Art Paralyse führe, welche die Leute von ihrer direkten Umgebung entfremde, schreibt O'Connell. Aus Sicht der Grundbesitzer sollte die Unterschicht ihr Glück in harter Arbeit und Ernsthaftigkeit finden, nicht aber, indem sie zeitraubende Luxusgüter wie Tee oder Tabak konsumiert.

Die Diskreditierung der Teetrinker führte soweit, dass ihnen eine mögliche Verbindung zu geheimen aufständischen Gemeinschaften nachgesagt wurde. Diese waren überwiegend auf dem Land entstanden und versuchten, die Landlords zu sabotieren oder mit Gewalt dazu zu bringen, ihre Pächter und sonstige Untergebene besser zu behandeln. "Es ist nicht verwunderlich, dass Teetrinken in dieser Zeit in Irland ernsthafte Sorgen hervorrief", sagt O'Connell.

Für die Bäuerinnen sei die Diskriminierung aber auch eine Chance gewesen: "Die Inakzeptanz ermöglichte den Frauen eine Art feministische Revolution." Auch andere Importgüter wie Zucker, der stets in den Tee gerührt wurde, waren den Reformern ein Dorn im Auge, weil sie mit Sklaverei und umstrittenen Plantagen auf den Westindischen Inseln zusammenhingen.

Abigail Roberts schrieb 1826 in "The Cottage Fireside": "Du weißt, dass das Kindermädchen es zweimal am Tag zu sich nimmt, wenn es kann; und du musst die Zeit rechnen, die sie damit verbringt. Die Zeit ist die Währung einer armen Frau. Wie viel dabei verlorengeht - wie viel verlorengeht, wenn man es einkaufen geht: Und jetzt wirst du sehen, ob jemand wie Nanny Ward nicht in der Lage ist, ihre Familie in den Ruin zu treiben."

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Ein weiteres Instrument der Repression...
bloodyirishguy 07.12.2012
der Kolonialherren. Die Menschen sollten nicht Tee trinken, sondern arbeiten. Der Ursprung dieses Gerüchts war also die gewünschte Effizienz der Unterdrückten beim arbeiten zu erhöhen und hat nichts mit verrückten Iren sondern perfiden Besatzern zu tun. Da lobe man die heutigen Zeiten in den der Besitz des (nächst-)größeren Fernsehers nicht allzu sehr im Ruf steht vom arbeiten abzuhalten. Vorerst...
2. Als Idee
agua 07.12.2012
Zitat von sysopCorbisTee trinkende Frauen wurden im Irland des 19. Jahrhunderts als unkontrollierbar und unverantwortlich angesehen. Historiker haben untersucht, warum die Damen als Gefahr für die Wirtschaft des Landes galten: Tee eilte damals ein ähnlicher Ruf voraus wie heute Cannabis. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/iren-hielten-teetrinken-im-19-jahrhundert-fuer-unverantwortlich-a-871106.html
Mallorca-Reisen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten (http://www.spiegel.de/thema/mallorca_reisen/). Fuer die Bekaempfung der derzeitigen Europakrise wieder aufgreifbar.Oder ein Fernsehverbot,weil die Menschen zuviel Zeit vor dem Bildschirm verbringen:)
3. naja der Vergleich ist aber auch ein Pamphlet
nixda 07.12.2012
Cannabis mit Tee zu vergleichen und damit zu verharmlosen ist schon etwas mutig. Man bedenke nur schon mal die Schäden an den Zähnen, die Cannabis verursacht. Wer nun laut spricht "stimmt nicht" der soll mal die Zähne zeigen. Würg. Wer jemals, selbst vollkommen nüchtern, in einer Kifferrunde war der weiss, dass es so harmlos nicht ist. Der Hinweis, dass sich die Frauen wegen dem Tee Verbot emanzipierten ist auch sehr schwer nachzuvollziehen. War es nicht eher umgekehrt? Ende 1800, Anfang 1900 haben die Frauen dann auch begonnen den Kampf gegen den Alkohol und Absinth aufzunehmen. Wieso ich das erwähne? Weil man in diesen Zeiten der Industrialisierung wohl gerne mehr aus den Arbeitern heraus holen wollte. Nicht nur aus den armen Hausfrauen. Ich habe das Buch von Auguste-Henri Forel gelesen. Er beschreibt diese Zeit ziemlich ausführlich und ausdrücklich. Erstaunlich auch die damalige Weltanschauung. Interessant fand ich, dass er als überzeugter Linker Aussagen tätigte, welche man heute wohl höchstens noch als Rechter tätigen würde. Denk ich mal. Es war eine andere Zeit. Heute sind wir weiter. Manche wenigstens. Bei denen, die Tee und Cannabis gleich setzen bin ich mir da niht so sicher.
4. Das ist so wie heute:
jetzt:hördochauf 07.12.2012
Heute liegt die Unterschicht rauchend un Bier trinkend vor'm Großbildschirm, statt im 1€ Job etwas für das Land zu tun... Naja - zumindest fragt man die Reformer aus der Ober- und Mittelschicht ;)
5. Guter Witz
skelomat 07.12.2012
Ich habe bereits einige Male beobachtet, wie versucht wird, Cannabis merkwürdige Nebenwirkungen zu unterstellen. Der obenstehende Artikel bezieht sich auch auf die trinklastige Hexenjagd gegen Rauchstoffe. Die Geschichte mit den Zähnen, die "nixda" zum Besten gab, ist echt zum Piepen. Ich verstehe seine Form von Ironie nur bedingt, aber ich kann euch sagen und gehe zu seinen Gunsten von Humor aus. Auf die Zähne schlagen nur Methamphetamin und Heroin. Cannabis ist richtig zugeführt, genauso, wie Tee, harmlos.
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