Zum Tode Irenäus Eibl-Eibesfeldts "Ein Titan der Beobachtung"

Einer der letzten großen Naturforscher, der Wissenschaft auch als Abenteuer verstand, ist tot. Irenäus Eibl-Eibesfeldt erforschte erst das Verhalten der Tiere, dann aber vor allem von Menschen verschiedener Kulturen.

Irenäus Eibl-Eibesfeldt
DPA

Irenäus Eibl-Eibesfeldt


Der Zoologe und Ethnologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt ist am Samstag gestorben. Das teilten Familie und Freunde des gebürtigen Wieners am späten Samstagabend mit. Vorangegangen war eine kurze, schwere Krankheit des Verhaltensforschers, der am 15. Juni 90 Jahre alt geworden wäre.

Eibl-Eibesfeldt war Schüler und Protegé des Medizin-Nobelpreisträgers und Verhaltensforschers Konrad Lorenz. Er erforschte über Jahrzehnte Verhalten, zuerst bei Tieren und dann beim Menschen - und begründete die Humanethologie als eigene Disziplin. Demnach ist der Mensch das Ergebnis seiner stammesgeschichtlichen Entwicklung.

In seinem 1970 erschienen Buch "Liebe und Haß" schrieb er: "Ich vertrete die These, dass aggressives und altruistisches Verhalten durch stammesgeschichtliche Anpassung vorprogrammiert sind." Die aggressiven Impulse des Menschen würden "durch ebenso tiefverwurzelte Neigungen zur Geselligkeit und zum gegenseitigen Beistand aufgewogen".

Damit stand Eibl-Eibesfeldt im Widerspruch zur damals vor allem von Sozialphilosophen linker Prägung vertretenen Theorie, dass aggressives und friedfertiges Verhalten fast ausschließlich das Produkt von Erziehung seien.

Urgrammatik menschlichen Verhaltens

Bei seinen monatelangen Forschungsreisen hatte der Wissenschaftler jedoch beobachtet, dass Aggressions- und Friedensgesten, aber auch Statusdenken universell ausgeprägt sind - unabhängig vom Kulturkreis oder der Erziehung: Alle Menschen lächeln und lachen, ziehen die Stirn in Falten oder stampfen mal mit dem Fuß auf. Auch die Liebe, als zwischenmenschliche Bindung, teilen wir.

Eibl-Eibesfeldt eckte aber auch mit seiner These von der angeborenen Fremdenscheu an. Diese gehörte seiner Meinung nach zur biologischen Wesensart des Menschen, weshalb zu viele Einwanderer den sozialen Frieden gefährdeten.

Zugleich war es ihm stets ein zentrales Anliegen, das Gemeinsame der Menschen aufzuzeigen: "Soziales Potential" sei beim Mensch - genauso wie beim Tier - angeboren.

"Nie mit dem Strom geschwommen"

Gerade Eibl-Eibesfeldt habe viel zum Verständnis der Kulturen beigetragen, sagte in einer ersten Reaktion auf die Todesnachricht der Mediziner und Humanethologe Wulf Schiefenhövel, der Eibl-Eibesfeldts Arbeit in Seewiesen am Max-Planck-Institut für Ornithologie - früher für Verhaltensphysiologie - weiterführt. "Er war ein Mann, der nie mit dem Strom geschwommen ist und der sich auch eingemischt hat in die politische Diskussion." Eibl-Eibesfeldt "war ein Titan in seiner Fähigkeit der Beobachtung und in seiner Kraft der wissenschaftlichen Synthese".

Nicht zuletzt habe er der Nachwelt eines der größten und einmaligsten Filmarchive der Welt hinterlassen. Von seinen Exkursionen brachte Eibl-Eibesfeldt rund 350 Kilometer Filmmaterial mit, das inzwischen beim Frankfurter Senckenberg-Museum liegt.

Viele Leben in einem

"Wir verlieren einen großartigen Menschen, Wissenschaftler, Mentor und Freund, der viele Leben in einem gelebt hat, engagiert, unermüdlich und stets neugierig", sagte seine langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin Christa Sütterlin. Eibl-Eibesfeldt sei ein evolutionärer Denker gewesen, der hinter der Vielfalt stets im Auge behalten habe, was alle Menschen verbinde. "Er war einer der letzten großen Naturforscher, der Wissenschaft auch als Abenteuer betrieben hat."

Eibl-Eibesfeldt verbrachte seinen Lebensabend mit seiner Frau Eleonore am Starnberger See, wo er damit beschäftigt war, Material aus seiner jahrzehntelangen Tätigkeit aufzuarbeiten. Zuletzt hatte er sich jedoch zunehmend aus der Arbeit zurückgezogen. Den runden Geburtstag hatte er im Kreise seiner Familie feiern wollen, auch Freunde und Kollegen aus aller Welt wurden erwartet.

löw/dpa



insgesamt 4 Beiträge
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lobivia 03.06.2018
1. Rip
Er hat einige meiner Sichtweisen sehr geprägt und meinen beruflichen Weg beeinflusst. 2005 bin ich ihm persönlich begegnet und bin für das interessante Gespräch noch immer dankbar.
Meine_Meinung_dazu_ist 03.06.2018
2. Rip
IEE war ein ganz Großer. Die Todesnachricht macht mich tief betroffen. Mein Beileid seiner Frau und seinen Angehörigen.
manfred.gebauer 03.06.2018
3. Er hat mich "groß gemacht"...
Irenäus Eibl-Eibesfeldt (Der Mensch, das riskierte Wesen) und Hoimar von Ditfurth (So lasst uns den ein Apfelbäuumchen pfanzen) waren die ersten wirklichen Starter meines Weltbildes, später folgten Konrad Lorenz und Stephen Hawking. Herzliches Beileid der Familie, mein großer Dank an Eibl-Eibesfeldt (Du hast mich geleitet), von Ditfurth und dem ambitionierten Weltbildprotagonisten unseres alten Gymnasiums (Von-Müller, Regensburg) Herrn Chmela für die initale Empfehlungen!
Neandiausdemtal 04.06.2018
4. Es ist eben nicht jeder ersetzbar!
Da ist leider wieder jemand gegangen, für den das auch gilt. Ich hoffe die Familie, die Angehörigen, die Freunde und Mitarbeiter finden auch darin Trost, das bleibendes eben doch bleibt. Für IEE 's Werk gilt das. Er hat es in die Köpfe vieler Menschen geschafft.
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