IS enthauptet Forscher Entsetzen über Mord an "Mr. Palmyra"

Warum tötet der "Islamische Staat" einen 82-jährigen Archäologen? Khaled al-Asaad hatte sich für den Erhalt des antiken Palmyra eingesetzt - und sich dabei auch mit den Kunsträubern der Terrormiliz angelegt.

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AP / dpa / Sana

"Natürlich kannte ich ihn", sagt Amr al-Azm. Der Professor für Geschichte und Anthropologie des Nahen Ostens an der Shawnee State University im US-Bundesstaat Ohio hat Khaled al-Asaad oft getroffen, als er selbst noch Leiter der Forschungs- und Konservierungslabore der syrischen Antikenbehörde war. "Jeder, der mit Palmyra zu tun hatte, kannte ihn. Man konnte in Palmyra keinen Schritt tun, ohne ihm zu begegnen. Er war schon immer da - seit über 50 Jahren. Khaled al-Asaad war 'Mr. Palmyra.'"

Nun ist Khaled al-Asaad nicht mehr da. Terroristen des "Islamischen Staats" haben ihn geköpft und seinen Leichnam an eine antike Säule in Palmyra gehängt. Warum ausgerechnet einen 82-jährigen Archäologen? "Ich kann mir vorstellen, dass Khaled al-Asaad als angesehene Respektsperson in seiner Stadt und in Syrien ein Ziel war, dessen Ermordung viel internationales Aufsehen erregen wird", sagt Helga Seeden von der American University of Beirut. "Schließlich sind diese Terroristen daran interessiert, dass die Welt auf ihre Schreckenstaten reagiert. Je bekannter und respektierter die ermordete Persönlichkeit, desto internationaler die Reaktionen", vermutet die deutsche Archäologin.

Mehr noch: al-Asaad riskierte sein Leben, um das Weltkulturerbe Palmyra zu bewahren. Als im Mai dieses Jahres der "Islamische Staat" mit der Eroberung der Stadt begann, versuchte al-Asaad zu retten, was er konnte. Er veranlasste, dass hunderte von antiken Statuen aus der Stadt geschafft und vor der Terrormiliz in Sicherheit gebracht wurden. Ein kluger Schritt, denn schon kurze Zeit später zerstörten Kämpfer des IS medienwirksam zwei antike Gebäude in Palmyra. Die eigentliche Zerstörung der Kulturgüter aber blieb unsichtbar. Kunsträuber begannen, die Stätte systematisch nach weiteren Statuen und Kunstgegenständen zu durchsuchen - um sie zu Geld zu machen.

Die Einnahmen nutzt der "Islamische Staat", um weitere Kämpfer zu rekrutieren und terroristische Angriffe zu planen und auszuführen. Wie viel der illegale Handel mit antiken Gegenständen weltweit einbringt, weiß niemand. Wahrscheinlich geht es um Milliarden.

Steuer auf Raubgrabungen

Die Idee, mit illegal ausgegrabenen Schätzen Geld zu machen, ist nicht neu. "Als der 'Islamische Staat' gegen Ende 2013 und zu Beginn des Jahres 2014 die Gebiete eroberte, die er heute in Syrien besetzt hält, fand er dort bereits einen blühenden Handel mit geplünderten Antiken vor", berichtet Amr al-Azm. Der gebürtige Syrer ist Vorsitzender der Syrian Heritage Task Force, die in Zusammenarbeit mit der Unesco und lokalen Gruppen vor Ort die syrischen Kulturgüter zu schützen versucht - so gut es eben geht.

Neu ist allerdings die Steuer von 20 Prozent auf ihre Erlöse, die Kunsträuber in Syrien und dem Irak nun an den IS abführen müssen. "Seit Sommer 2014 händigt der "Islamische Staat" sogar Grabungslizenzen für die Raubgräber aus oder vergibt sogar gezielt Aufträge für die Plünderung ganzer Areale", sagt al-Azm. Immer öfter kommen nun auch Bulldozer und Bagger zum Einsatz, um noch schneller noch mehr finden zu können.

Dem stellte sich al-Asaad in den Weg. Bereits vor einem Monat war der Archäologe deshalb nach Angaben seiner Familie entführt und anschließend immer wieder gefoltert worden. Maamoun Abdulkarim, Leiter der syrischen Antikenbehörde, verurteilte die Taten des "Islamischen Staats" scharf. "Die fortdauernde Anwesenheit dieser Kriminellen in der Stadt ist ein Fluch und ein schlechtes Omen für Palmyra und jede Säule und jede Antike darin", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters.

Auch Helga Seeden ist tief betroffen: "Die Nachricht seines Todes tut mir unendlich leid", sagt sie. "Die Terroraktionen und Ermordungen der unter dem Namen Daesh ("Islamischer Staat") verbundenen Verbrecher sind einfach schrecklich, und die Verbrecher gehören vor einen internationalen Gerichtshof wie so viele andere Missachter der Menschenrechte vor ihnen."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
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Datenscheich 19.08.2015
1. Was noch?
Was muß eigentlich noch passieren, bevor die zivilisierte Welt (nicht unbedingt 'der Westen' wohlgemerkt!) versteht, daß dieser mörderischen Entwicklung nur entgegengetreten werden kann, wenn der Syrische Staat und das syrische, multiethnische und multirkonfessionelle Volk (und jawohl, da gehört auch eine gewisse alawitische Familie Assad mit dazu!) die volle Unterstützung verdient, denn als einziger Akteur in der ganzen Gischichte hat die syrische Armee bewiesen, daß sie standhalten und den Terror bekämpfen will und kann.
maremo 19.08.2015
2. ohne Worte
Es gibt eigentlich nichts mehr zu sagen.Es fehlen einem zivilisierten Menschen einfach die Worte.Es kann gegenüber dem IS nur eine Antwort geben.:Keine Kompromisse, keine Regeln, keine Diskussionen, keine Debatten.Wachet endlich auf da draußen.Die paar Luftschläge, die gegen den IS geflogen werden sind wie bedeutungslose Nadelstiche.Darüber lacht sich der IS kaputt.Das wird überhaupt nicht bringen. Hier ist eine ganz andere Sprache leider zwingend erforderlich.
spon-4d7-a7ri 19.08.2015
3. Naiv?
Ich wundere mich immer wieder über die Naivität von manchen Mitmenschen wenn von den geisteskranken IS-Spinner ein unschuldiger grausam getötet wird. Was glauben denn die Menschen wer denn der IS ist? Mittlerweile dürfte hinreichend bekannt sein wie brutal und menschenverachtend der IS ist. Hätte man frühzeitig und energisch in diesem Bürgerkrieg eingegriffen so hätten wir jetzt einige Sorgen weniger (IS, Millionen von Flüchtlingen aus Syrien und Irak) - nichtstun verschlimmert meist eben die Sache!
schorschi45 19.08.2015
4.
Wissenschaft und fundamentalistische Religion (oder auch angebliche Religion) sind zwei verschiedene Dinge und passen nicht zusammen. Vom IS können wir gar nichts anderes erwarten, nur Intoleranz, Gewalt, Brutalität und Ignoranz gegenüber den Nichtfundamentalisten ihrer Spielart.
spon_2999818 19.08.2015
5.
Fast täglich wird in den Medien über neue und immer unfassbarere menschen verachtende Taten berichtet und ich frage mich, wie lange sich der Westen das noch tatenlos ansehen will. Insbesondere die USA, denen wir durch die Außenpolitik diese Bewegung zu verdanken haben. Statt aus der Luft gelegentlich eine Bombe zu werfen wird es Zeit, dass die Staaten endlich handeln und Bodentruppen senden. Wir sind zwischenzeitlich schon eine ziemlich armselige Welt, in der wir zur Steigerung des Profits ohne schlechtes Gewissen Waffen verkaufen und der Masse der Bevölkerung wichtiger ist wenn Facebook ausfällt, als wenn es wieder ein Massaker gibt.
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