IS-Horrorvideos Diese Videos sind in Ihrem Land leider verfügbar

Allgegenwärtige Kameras und Online-Videoplattformen ermöglichen eine neue Art der Propaganda: Horrorclips vom Sterben und Töten, alles ganz echt. Plattformen wie YouTube machen dabei mit. Aber man kann sich wehren.

Szene aus einem IS-Video
AFP/ Islamistische Propagandawebsite

Szene aus einem IS-Video

Eine Kolumne von


Als ich ein Teenager war, wurde unter Schülern eine VHS-Kassette mit der Kopie eines Filmes namens "Gesichter des Todes" herumgereicht. Auch wer ihn nicht gesehen hatte, wusste, dass es ihn gab und konnte womöglich einzelne Szenen nacherzählen. Die mit dem elektrischen Stuhl und den kochenden Augäpfeln zum Beispiel. Den Film wirklich gesehen zu haben galt als eine Art bestandener Mutprobe, denn er besteht fast ausschließlich aus Szenen, in denen Menschen und Tiere auf gewaltsame Weise zu Tode kommen. Raunend wurde auf dem Pausenhof davon erzählt.

Heute kann man in dem interessanten Wikipedia-Eintrag, den es zu dem Film mittlerweile selbstverständlich gibt, nachlesen, dass die meisten der Todesszenen wohl gestellt und nur mit einigen authentischen Dokumentaraufnahmen vermischt worden waren. Der Reiz des Films, der laut der Internet Movie Database bei einem Budget von 450.000 Dollar 35 Millionen einspielte, lag aber in der Illusion, man sähe hier die ganze Zeit echten Menschen beim echten Sterben zu. Snuff als Geldmaschine.

Den sogenannten Mainstreammedien werfen Kritiker heute gern vor, sie appellierten häufig an die niedersten Instinkte, und das zumindest manchmal nicht zu Unrecht. Über Tabubrüche und Geschmacklosigkeiten wird aber in der Regel wenigstens intensiv diskutiert, und womöglich spricht am Ende ein Selbstkontrollorgan eine Rüge aus und macht damit gewissermaßen amtlich, was jetzt aber bitte schön wirklich gar nicht geht. Bis zum nächsten Tabubruch.

Täter nicht zu Helden machen

Bestimmte Dinge zeigen oder tun Medien aber bis heute tatsächlich gar nicht, aus unterschiedlichen Gründen: Weil Persönlichkeitsrechte verletzt werden, Jugendschutzregelungen oder einfach ethische Grundüberzeugungen. Oder weil, auch wenn das noch immer nicht konsequent genug passiert, man jemandem, der etwas Entsetzliches getan hat, nicht auch noch Heldenstatus verleihen möchte.

Diese teils gesetzlich verankerten, teils selbst gewählten, teils branchenweit vereinbarten Grenzen des eigenen Tuns sind nicht perfekt, aber immerhin gibt es sie. Sie sind Ausdruck eines Minimalkonsenses darüber, was man zeigen sollte und was nicht. Auch, wenn dieser Minimalkonsens immer wieder von einzelnen Medien bewusst ignoriert wird.

In den sozialen Medien ist das anders. Hier gibt es, je nach Plattform, auch Regelwerke, aber die stammen von den meist amerikanischen Betreibern dieser Plattformen. Mit den bekannten, für Europäer teils bizarr wirkenden Konsequenzen - von der Debatte über Bilder stillender Frauen bis hin zur vorübergehenden Sperrung eines weltberühmten Fotos aus dem Vietnamkrieg bei Facebook.

Bei anderen Themen sind US-Plattformen weniger skrupulös. Und da sind wir wieder bei "Gesichter des Todes", allerdings in der 2016-er-Version. Und da ist nichts mehr gestellt.

Bei YouTube etwa findet man "Compliations" von Videos mit aneinandergereihten Selbstmordattentaten. Die übelsten bestehen meist aus Clips, die ursprünglich auf anderen, noch weit skrupelloseren Plattformen wie Liveleak veröffentlicht worden sind. Vor den Zusammenschnitten erscheint oft eine Texttafel mit dem Hinweis, dieses Video sei möglicherweise für einige Nutzer unangemessen.

Die gleiche Texttafel steht auch vor einem Video, in dem man "zu Bildungszwecken" vorgeführt bekommt, wie einer jungen Frau im Waxing-Salon die Schambehaarung entfernt wird. Die Chance, dass der letztere Clip bald nicht mehr auffindbar ist, dürfte aber um einiges größer sein als die, dass Zusammenschnitte wie - echter, übersetzter Titel - "Szenen des Todes" bald verschwinden.

Das Grauen ist ein effektives Propagandawerkzeug

Bei YouTube kann man sich Dschihadisten in nahezu beliebiger Zahl ansehen, die live vor der Kamera sterben. Manche filmen sich selbst, führen noch einmal kurz ihre zerstörten Gliedmaßen vor, bevor sie in die Kamera winken und zu Boden sinken. Manchmal sieht man den Fahrer eines Autos, umgeben von Kanistern mit Sprengstoff, und ein paar Minuten später dann die Explosion an einem Checkpoint.

Das Grauen ist für den IS zu einem effektiven Propagandawerkzeug geworden. Die zum Teil aufwendig produzierten Clips des PR-Arms der Terrororganisation, stets samt Logo und islamistisch-frommem Soundtrack, werden serviert wie Unterhaltungsprodukte. Aus Sicht des IS hat das durchaus Methode. Denn unter der heutigen Version der Zielgruppe, die sich damals für "Gesichter des Todes" interessiert hätte, ist vielleicht doch der eine oder andere Verwirrte, der irgendwann auf die Idee kommt, er könne seinem Leben doch zumindest mit dem Märtyrertod eine Art Sinn verleihen.

Dass es in naher Zukunft gelingen wird, die jederzeit verfügbare Horrorpropaganda zu stoppen, die die Entmachtung journalistischer Gatekeeper erst möglich gemacht hat, ist nicht anzunehmen. Nicht einmal YouTube hat augenscheinlich ein Interesse daran, sie zu unterbinden, von anderen Plattformen ganz abgesehen. Mainstreammedien sollten - und daran halten sich zum Beispiel die Onlineredaktionen britischer Boulevardzeitungen derzeit allzu oft nicht - von solchem Material schlicht die Finger lassen.

Für Medienkonsumenten dagegen gibt es eine sehr einfache Methode, sich nicht zum passiven Komplizen der Terrorpropagandisten zu machen: Keinen weiteren Klick bescheren. Ignorieren. Gar nicht erst ansehen.

So habe ich es übrigens mit "Gesichter des Todes" damals auch gemacht. Gefehlt hat mir dadurch nichts.

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Kolumne - Der Rationalist


insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
hughw 06.11.2016
1. Empörungsheuchelei
Aber Herr Stöcker... selbst SPON nutze erst kürzlich IS Propagandamaterial um seine einseitige Orientberichterstattung zu rechtfertigen. Also bitte, weniger Empörungsheuchelei und viel mehr echten Journalismus, dann nehme ich SPON auch wieder ernst.
locust 06.11.2016
2. @hughw #1
Ganz oben steht über dem Text -Kolumne. Googeln Sie einfach nach der Bedeutung von Meinungsbeitrag, vielleicht geht Ihnen dann ein Licht auf ....
alexanDA 06.11.2016
3. Freiheit vs. Verrohung
Ja, Gesichter des Todes war bahnbrechend. Es ist die alte Frage, ob die "Freiheit" alles veröffentlichen zu dürfen wichtiger ist oder ob es zur Verrohung führt und reglementiert gehört. Ich habe jedenfalls schon Videos gesehen, die ich lieber nie gesehen hätte. Und seitdem vermeide ich diese auch konsequent
Leo von Ritterstern 06.11.2016
4. Ganz richtig: Ignorieren!
Hier kann man durchaus mal einverstanden sein, mit der im Artikel bereits suggerierten, am besten geeigneten Vorgehensweise: Wirklich ignorieren, den ganzen faschistoiden, gewaltverherrlichenden Dreck! Chapeaux! ;-)
Peta26 06.11.2016
5. entäuscht...
da hätte ich jetzt mehr erwartet. Natürlich ist ignorieren schon eine gute Möglichkeit, aber da gibt es doch noch mehr Möglichkeiten. Hier hätte ich mir vom Autor auch ein paar hinweise auf alternative, etwas mehr aktive Möglichkeiten in der digitalen "Arena" gewünscht.
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