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Israel: Älteste christliche Kirche der Welt entdeckt?

Archäologen haben unter einem israelischen Gefängnis die vielleicht älteste christliche Kirche der Welt ausgegraben. Der Fundort ist Megiddo, wo der Bibel zufolge die Schlacht von Armageddon stattfinden soll.

Jerusalem/Tel Aviv - Seit eineinhalb Jahren fahnden Archäologen mit Unterstützung von 60 Häftlingen im Gefängnis von Megiddo in Nordisrael nach Spuren aus der Vergangenheit. Jetzt wurden die Forscher auf spektakuläre Art fündig: Sie entdeckten einen Mosaikboden mit drei altgriechischen Inschriften, geometrischen Verzierungen, dem Namen von Jesus Christus und einem kreisförmigen Symbol mit Fischen, dem Symbol der Urchristen.

Die Kirche stammt aus dem dritten oder vierten Jahrhundert, wie Grabungsleiter Jotam Tepper erläuterte. Möglicherweise sei sie aber auch schon im ersten Jahrhundert nach Christus genutzt worden - und wäre damit die älteste christliche Weihestätte der Geschichte. Bislang entdeckte frühe Kirchen wie die Grabeskirche in Jerusalem und die Geburtskirche in Bethlehem stammen etwa aus dem Jahre 330. 1998 waren bei Akaba in Jordanien die Überreste einer Kirche gefunden worden, die nach Einschätzung von Archäologen ebenfalls aus dem dritten Jahrhundert stammt. Damals war der archäologische Fund im Wüstensand als vermutlich älteste Kirche der Welt gefeiert worden.

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Kirchen der Urchristen: Beten im Verborgenen

Allerdings fand man schon in den dreißiger Jahren in der im heutigen Syrien gelegenen, ehemals griechischen Stadt Dura Europos ebenfalls Reste eines als Kirche eingestuften Gebäudes. Es soll aus dem Jahr 232 stammen. Fresken von dort lagern heute in der Yale Gallery in New Haven.

Israelische Experten gehen davon aus, dass die nun entdeckten Überreste aus dem Megiddo-Gefängnis noch älter sind. Erst nach tieferen Grabungen werde man jedoch das Alter des Mosaikbodens genau bestimmen können, hieß es. "Christliche religiöse Stätten aus dieser Zeit gelten in Israel als sehr seltene archäologische Funde", sagte Tepper der Zeitung "Jerusalem Post". Der Fund sei "einmalig" und könne viel zum Verständnis des frühen Christentums beitragen.

Das Gefängnis befindet sich nahe Tel Megiddo, das im Neuen Testament als "Armageddon", Schauplatz der apokalyptischen Endzeitschlacht, erwähnt wird. Die israelische Altertumsbehörde hatte kürzlich vor einer geplanten Ausweitung des Gefängnisses mit Hilfe von mehreren Dutzend Häftlingen mit den Ausgrabungen begonnen.

Die Ausgrabungen deuteten darauf hin, dass anstelle eines in anderen Kirchen üblichen Altars im Zentrum der Fundstelle nur ein einfacher Tisch stand. Leah di Segni, eine Expertin von der Hebrew University in Jerusalem, sagte, die Verwendung des Begriffs "Tisch" anstelle von "Altar" in einer der Inschriften könnte dramatische Auswirkungen auf die Studien frühchristlicher Rituale haben. Bislang sei man davon ausgegangen, dass Jesus Christus das Abendmahl an einem Altar gefeiert habe.

Bis zum Jahre 313 war die Ausübung christlicher Rituale im Römischen Reich verboten, die frühen Christen mussten heimlich in Katakomben oder Privathäusern beten. Die Analyse der Funde könnte Aufschluss darüber geben, wie sich das Christentum nach dem Ende der römischen Besatzungszeit entwickelt hat.

Der israelische Anthropologe Joe Zias schränkte allerdings ein, dass es sich vermutlich nicht um ein wesentlich älteres Gotteshaus handele als anderswo. Es gebe in Israel mehrere Überreste von christlichen Kirchen aus dem vierten Jahrhundert, und vorher hätten keine gebaut werden dürfen. Gleichwohl sei die neue Entdeckung von großer Bedeutung für die Altertumsforscher.

Einem Fernsehbericht zufolge gibt es innerhalb der israelischen Behörde für Altertümer nun Überlegungen, das Gefängnis von Megiddo aufzulösen. Dann könnte die antike Kirche zur Touristenattraktion werden.

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