Jerusalem Das Rätsel um das Jesus-Grab

Die Öffnung des Jesus-Grabs in Jerusalem machte im Oktober weltweit Schlagzeilen. Noch wird die Grabeskirche restauriert - allerdings ist unklar, ob der Gottessohn überhaupt dort beerdigt wurde.


Ende Oktober lag für wenige Stunden eine der heiligsten Stätten entblößt, die das Christentum zu bieten hat: der Boden des vermeintlichen Grabs von Jesus. Archäologen ergriffen im Zuge von Restaurierungsarbeiten in der Jerusalemer Grabeskirche die Gelegenheit, einen tiefen Blick in das Grab zu werfen. Ein Grab, das nach christlichem Glauben leer sein muss. Denn Jesus soll nur wenige Tage nach seiner Kreuzigung wieder auferstanden sein.

Normalerweise bedeckt eine Steinplatte das Loch im Boden, die übereifrige Pilger davon abhalten soll, sich ein Bröckchen Grabwand als Souvenir mit nach Hause zu nehmen. "Ich bin absolut erstaunt", erklärte der National-Geographic-Archäologe Fredrik Hiebert im Angesicht des felsigen Bodens am Grunde der Grube. "Meine Knie zittern ein wenig."

Blickt man aber zurück in die Zeit, als das Jesus-Grab angeblich entdeckt wurde, mehren sich die Zweifel. Lag es tatsächlich dort, wo heute die Grabeskirche steht? Oder ganz woanders?

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Jerusalem: Archäologen untersuchen Jesusgrab

Die von der National Geographic Society beauftragten Archäologen plagten offenbar kaum Zweifel. Unter der Steinplatte stießen sie zunächst auf eine Schicht Füllmaterial aus lockeren Steinen, darunter lag eine weitere Marmorplatte mit einem eingravierten Kreuz.

Gesucht und gefunden

Erst unter jener folgte der felsige Boden, der Hieberts Knie weich werden ließ. "Es scheint, als haben wir hier tatsächlich den sichtbaren Beleg dafür, dass sich die Position des Grabs durch die Zeit hinweg nicht geändert hat", begründet er seinen Gefühlsausbruch.

Mit "durch die Zeit" meint Hiebert in diesem Fall ganz konkret stolze 1690 Jahre. Man schrieb gerade das Jahr 326, als Helena, Mutter des römischen Kaisers Konstantin und selbst Christin erster Generation, nach Jerusalem reiste. Dort, glaubte die 76-Jährige, müssten noch jede Menge Relikte vom Leben und Sterben Jesu Christi zu finden sein.

Insbesondere suchte sie nach dem Grab Jesu. Und das, erklärte sie dem damaligen Jerusalemer Bischof Makarios, läge ausgerechnet genau unter dem Venustempel der Stadt. Den hatte nämlich Kaiser Hadrian 135 just dorthin setzen lassen, um die Christen zu ärgern, deren Kult zur Zeit seiner Regierung zu blühen begann. Mit einem Venustempel über dem von ihnen verehrten Platz, dachte der Kaiser sich, sei dem Spuk bestimmt ein Ende zu setzen.

Helena ließ nun ein Heer von Arbeitern das Kultbild der heidnischen Göttin stürzen und die Tempelterrasse abtragen. Und siehe da, unter dem Erdhügel lag tatsächlich ein Grab. Wie der spätantike Kirchengeschichtsschreiber Sokrates Scholastikos berichtet, war es auch keineswegs leer.

Zwei Kreuze zu viel

Darin fand Helena angeblich drei Kreuze sowie die Holztafel, auf der Pontius Pilatus den Verurteilungsgrund vermerkt hatte, für den einer der drei daran Gekreuzigten sterben musste: Er sei Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum.

Was an dieser Überlieferung stimmt und was Dichtung ist, lässt sich heute nicht mehr klären. Fakt ist: Helena wollte fündig werden - und die Mutter eines Kaisers sollte man besser nicht enttäuschen.

Mit den drei Kreuzen hatte Helena übrigens ein Problem. An welchem war Jesus gestorben - und an welchen die beiden Verbrecher, die mit ihm zum Tode verurteilt worden waren?

Bischof Makarius wusste Rat. Er schaffte die drei Kreuze zu einer Frau, die schon lange an einer schweren Krankheit litt und nun im Sterben lag. Wie diese Geschichte weiterging, ist leicht zu erraten.

Hintereinander musste die Kranke ihre Hände auf die Holzkreuze legen. Bei den beiden ersten passierte gar nichts - "die Frau starb weiter", vermerkt Sokrates Scholastikos. Erst als ihre Finger das dritte Kreuz berührten, war sie angeblich plötzlich vollständig geheilt.

Errichtet auf Hügel an Kreuzung

Teile des Kreuzes sowie die Nägel, mit denen Jesus' Hände daran festgenagelt waren, schickte Helena ihrem Sohn. Der verbaute das Holz in einer Statue seiner selbst für das Forum in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Die Nägel ließ er in ein Mundstück für sein Pferd und in einen Helm für sich einarbeiten. Und er schickte seiner Mutter Baumaterial für die Kirche, die sie über dem Grab errichten wollte.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Helena tatsächlich das Jesus-Grab entdeckt hat? Als Hobbyarchäologin hatte sie es Anno 326 noch vergleichsweise leicht. Die Ereignisse, deren Spuren sie finden wollte, lagen damals noch nicht lange zurück. Noch war organisches Material nicht völlig verrottet, noch verliefen die Straßen und Wege so wie zu Zeiten Christi, noch waren Geschehnisse und Orte fest in der kollektiven Erinnerung der Bewohner Jerusalems verankert.

Ob Hadrian seinen Venustempel allerdings bewusst über das Grab bauen ließ, das die ihm lästig werdenden Christen verehrten, sei dahingestellt. Denn zunächst einmal lag der Venustempel genau dort, wo man jeden ganz normalen Venustempel erwarten würde: genau neben dem Forum an der Kreuzung zweier Hauptverkehrswege.

Felsengräber allerorten

Bei Ausgrabungen in den Siebzigerjahren stellte der Archäologe Virgilio Canio Corbo fest, dass der Tempel das vermeintliche Jesus-Grab nicht etwa bewusst überdeckte, sondern eher zufällig. Es lag dicht an der Westwand des Venustempels, fast hätte diese Wand beim Bau das Grab sogar geschnitten, wie Archäologen sagen.

Tatsache ist, dass der Boden vor seiner Nutzung als Tempelareal ein jüdischer Friedhof gewesen war. Nur: Allein im Inneren der heutigen Grabeskirche liegen mindestens ein halbes Dutzend weitere Felsengräber, alle vom gleichen Design. Und in der gesamten Umgebung von Jerusalem sind es Tausende: aus dem Gestein gehauene Familiengräber mit einem oder mehr Räumen, in deren Wänden Nischen für die verstorbenen Familienmitglieder eingelassen waren.

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Ausgegraben: Bilder und Geschichten aus der Archäologie

Der Bibel nach gehörte das Grab, in das der tote Jesus gelegt wurde, eigentlich Josef von Arimathäa - einem reichen Juden und Anhänger des neuen Glaubens. Ob das fragliche Grab nun tatsächlich das des Josef von Arimathäa war, wird sich wahrscheinlich niemals klären lassen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Kirche, die heute über dem Grab steht, schon lange nicht mehr das von Helena errichtete Gotteshaus ist. Das brannte bereits 614 ab, als die Sassaniden in Jerusalem einfielen. Der Folgebau wurde 746 bei einem Erdbeben schwer beschädigt, 841, 938 und 966 wüteten erneut Feuer in den Mauern.

Was am 18. Oktober 1009 vom Originalbau noch übrig war, wurde auf Befehl des damaligen Kalifen bis auf die Grundmauern geschleift. Als die Kirche 1048 wiederaufgebaut wurde, hatten die Kreuzzüge, in denen Jerusalem jahrhundertelang zum Spielball zwischen den Religionen werden sollte, noch nicht einmal begonnen.

Die Platte, die heute das Grab bedeckt, liegt dort nachweislich seit Renovierungsarbeiten im Jahr 1555. In den vergangenen 461 Jahren hat sich die Position des Grabs also tatsächlich nicht verändert - was auch, da diese Platte nie bewegt wurde, nur schwer zu erklären gewesen wäre. Ob das nun ein Grund ist, weiche Knie zu bekommen, ist allerdings eine andere Frage.

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