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06. Oktober 2017, 10:33 Uhr

Chemie-Nobelpreisträger Joachim Frank

"Davon wird die Menschheit profitieren"

Ein Interview von

Plötzlich steht er im Rampenlicht: Joachim Frank bekommt den Nobelpreis für Chemie. Die Auszeichnung macht ihn freier, sagt er. An seiner Kritik des US-Präsidenten hält er fest: "Trump ist ein Schwachkopf".

Der in Deutschland geborene Joachim Frank ist gerade mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet worden, zusammen mit dem Schweizer Jacques Dubochet und dem Schotten Richard Henderson. Die Auszeichnung erhalten sie für die Entwicklung der Kryo-Elektronenmikroskopie - eine Technologie, die es Wissenschaftlern erlaubt, dem Leben bei der Arbeit zuzusehen.

Das von ihnen entwickelte Verfahren ermöglicht es, die dreidimensionale Struktur von Biomolekülen zu verstehen. Das klingt ziemlich technisch - vor allem ist das Verfahren aber ein spannendes Werkzeug. Es hat Forschern ermöglicht, die Oberfläche von Viren genauso zu untersuchen wie die Struktur von Proteinen, die Antibiotikaresistenzen verursachen.

Beim Anruf in seinem Büro an der Columbia University geht Frank sofort ans Telefon. Seit den Siebzigern lebt er in den USA, längst hat er auch einen amerikanischen Pass. Präsident Trump hält er für einen "Schwachkopf".

Es ist Tag eins nach der Verkündung des Nobel-Komitees in Stockholm. Was wird ab jetzt anders sein? Im Interview spricht Forscher Frank über diese Frage - und darüber, wie er durch einen Streit mit seinem Mentor überhaupt erst auf die Idee seines Lebens kam.

SPIEGEL ONLINE: Das Telefon klingelt zu nachtschlafender Zeit, ein Mann mit schwedischem Akzent ist dran - weiß man da als Top-Wissenschaftler schon, was Sache ist?

Joachim Frank: Es ist der vierte Oktober. Da werden jedes Jahr die Träger des Chemie-Nobelpreises bekannt gegeben. Da hat man das Datum im Hirn eingebrannt, wenn man auch nur die kleinste Erwartung hat, dass man den Preis mal bekommen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie diese Erwartung denn?

Frank: Ehrlich gesagt, hatte ich die Chancen eher als gering eingeschätzt. Dafür tut sich einfach zu viel. Vor allem hatte ich an die Technologie der Genschere CRISPR gedacht. Die hat so abgehoben, dass sie auf jeden Fall einen Nobelpreis verdient hätte.

SPIEGEL ONLINE: Wie, glauben Sie, wird sich Ihr Leben durch die Auszeichnung verändern? Werden Sie je wieder in Ruhe arbeiten können?

Frank: Nein, das werde ich nicht. Aber eine Sache wird meine Arbeit erleichtern: Wenn man als Forscher so viel Energie in eine einzelne Vision steckt, schreibt man auch noch den letzten Übersichtsartikel oder übernimmt sonstige akademische Verpflichtungen. Einfach, um im Geschäft zu bleiben. Das ist jetzt vorbei. Ich werde jetzt erst einmal ein paar Übersichtsartikel absagen. Die sind echt die Pest. Ich kann jetzt freier entscheiden, was ich schreiben möchte.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie Ihren Nachbarn das Verfahren der Kryo-Elektronenmikroskopie, für das Sie jetzt zusammen mit ihren Kollegen Dubochet und Henderson ausgezeichnet wurden?

Frank: Es ist schwer zu beschreiben, ohne die Bedeutung zu übertreiben. Jahrzehntelang hat es die Röntgenkristallografie gegeben. Die heutige Medizin basiert auf den Hunderttausenden Molekülstrukturen, die in den Datenbanken sind. Aber es gab eben eine Lücke. Manche Moleküle ließen sich so nicht darstellen. Die Kryo-Elektronenmikroskopie füllt diese Lücke.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich ausgerechnet dafür entschieden, sich mit Bildverarbeitungsalgorithmen für Elektronenmikroskopie zu beschäftigen?

Frank: Mein Mentor Walter Hoppe war eigentlich Röntgenkristallograf, aber er entwickelte ein Interesse an Elektronenmikroskopie. Allerdings ist er die Sache komplett falsch angegangen. Wir haben viel darüber gestritten. Sein Verfahren hat dafür gesorgt, dass die beobachteten Moleküle immer verbrannt sind. Die Ergebnisse waren bedeutungslos. Ich wollte es ganz anders machen. Mein Ansatz war, dass es in einer Probe ja Millionen Kopien des Moleküls gibt. Wenn man die alle gleichzeitig darstellt, kann man mit schon einem Bild viel herausbekommen, um das Molekül zu rekonstruieren.

SPIEGEL ONLINE: Wissenschaftspreise gibt es viele, warum bringt nach wie vor der Nobelpreis eine so große öffentliche Wahrnehmung?

Frank: Fragen Sie sich doch mal selbst, wie viele andere Wissenschaftspreise Sie kennen. Nur diesen einen. Jeder denkt daran, er ist das ultimative Ziel.

SPIEGEL ONLINE: Für einen Moment stehen Sie im Licht der Weltöffentlichkeit. Welche Botschaft möchten Sie da loswerden?

Frank: Die Technologie öffnet den Horizont für weitere spannende Entdeckungen. Wir werden bessere Chancen im Kampf gegen Krankheiten haben. Der wissenschaftliche Fortschritt wird beschleunigt. Davon wird die Menschheit profitieren.

SPIEGEL ONLINE: Neben Ihrer wissenschaftlichen Arbeit schreiben Sie Prosa und Gedichte und fotografieren gern. Warum?

Frank: Wenn ich mich nur auf die Wissenschaft beschränken würde, würde ich von großen Teilen der Welt nichts mitbekommen. Ich brauche diese Balance in meinem Leben. ich würde sonst als Mensch nicht funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich in mehreren Texten direkt gegen US-Präsident Trump gewandt. Kommen solche politischen Äußerungen in den USA nicht schlecht an?

Frank: Absolut nicht. Angst würde ich bekommen, wenn es mal anders wäre. Dann wäre ich alarmiert und würde mich fragen, ob wir in eine Situation wie im "Dritten Reich" kommen. Aber im Moment fühle ich mich als Teil eines Schwalls der Wut über diese Regierung. Das ist eine Karikatur von einer Regierung. Es gibt genau eine Sache, in der ich mit Außenminister Rex Tillerson übereinstimme: Trump ist ein Schwachkopf.

SPIEGEL ONLINE: Seit Längerem schon arbeiten viele mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Forscher in den USA. Sorgen Trump in den USA und der Brexit in Großbritannien nun dafür, dass Deutschland zum Traumziel für Forscher wird?

Frank: Könnte schon sein. Aber einzelne Länder…... So funktioniert die globalisierte Wissenschaft nicht mehr. Es gibt negative Anreize durch Trump. Das heißt aber nicht, dass nun jeder nach Deutschland geht. Es gibt auch andere europäische Länder, Singapur oder China.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie persönlich, vermissen Sie Deutschland?

Frank: Ich vermisse dieses europäische Gefühl. Deswegen fühle ich mich in New York so wohl, der europäischsten Stadt hier. Und mir fällt auf, dass ich die deutsche Sprache vermisse. Ich entdecke faszinierende Subtilitäten in der Sprache, die mir vorher nicht aufgefallen sind. So etwas fällt einem auf, wenn man sie lange nicht selbst spricht.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Gespräch führen wir gerade auf Englisch...

Frank: Das liegt daran, dass ich zu stottern anfange, sobald ein technischer Begriff fällt. Das ist das Problem.

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