Frühe Menschheitsgeschichte Archäologen entdecken ältestes Brot

Archäologen haben ein Henne-Ei-Problem der frühen Menschheitsgeschichte gelöst. In Jordanien fanden sie Reste von Broten - gebacken bis zu 4000 Jahre vor Erfindung des Ackerbaus.

Gerste
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Archäologen der Universität Kopenhagen fanden bei Ausgrabungen einer archaischen Lagerstätte im nordwestlichen Jordanien Überreste von Backwerk - die ältesten, die je gefunden wurden. Die verbrannten, dünnen Teig-Überreste wurden auf ein Alter von 14.400 Jahren datiert.

Dabei begann der Ackerbau in Jordanien erst 4000 Jahre später, also vor etwa 10.400 Jahren. Selbst die optimistischsten Schätzungen für den Beginn gezielten Getreideanbaus in anderen Gegenden gehen davon aus, dass dieser höchstens vor 12.000 Jahren begann. Damit wäre das am Ausgrabungsort Shubayqa 1 gefundene Brot 2400 bis 4000 Jahre älter als die "Erfindung" des Ackerbaus.

Doch woher kamen die Körner dann?

Der Fund bestätigt Erwartungen, für die es bisher keine Beweise gab. Klar ist, dass schon Vorfahren des modernen Menschen die Körner von Süßgräsern schätzten. Solche Gräser wuchsen wild, und die Funde sprechen dafür, dass sie zum Essen gesammelt wurden. Für alle Vertreter der Gattung Homo ist zudem belegt, dass sie Früchte, Nüsse und Samen mit Werkzeugen zerkleinerten. Im Jahr 2015 entdeckten italienische Forscher an einem Steinwerkzeug aus der Grotta Paglicci in Apulien Spuren von Stärke: Offenbar hatten die Besitzer des Werkzeugs damit schon vor etwa 32.000 Jahren Haferkörner zermahlen.

Was sie dann mit dem Mehl machten, war hingegen nicht nachzuweisen. Möglich wäre auch, dass es mit Wasser zu einem Pflanzenbrei verarbeitet wurde - eine Art ungekochter Haferschleim.

Der jordanische Fund lässt keinen Zweifel an der Verwendung des wilden Korns: Offensichtlich sammelten die paläolithischen Jäger und Sammler dort die Samen von Süßgräsern ein, um sie zu trocknen, zu Mehl zu verarbeiten und dann mit Wasser zu mischen und zu backen. Verarbeitet wurden Einkorn, Gerste und Hafer sowie Körner von Binsen, einem Sauergras, berichten die Forscher in den "Proceedings of the National Academy of Sciences".

"Die Überreste ähneln sehr den ungesäuerten Fladenbroten, wie wir sie von römischen und spätsteinzeitlichen Fundorten in Europa und der Türkei her kennen", sagt Amaia Arranz Otaegui, Hauptautor der Studie. "Jetzt wissen wir also, dass Brot-artige Gebäcke lange vor der Entwicklung der Landwirtschaft produziert wurden."

Die Erfindung des Ackerbaus

Viele Anthropologen erklären die "Entdeckung" des Ackerbaus so: Möglicherweise kam es zu einem vermehrten Wachstum wilder Süßpflanzen rund um paläolithische Lagerstätten, wenn zum Lager zurückkehrende Sammler Körner verloren. Vielleicht also war die Entwicklung des Ackerbaus ein fließender Prozess, der einsetzte, als die Sammler erkannten, warum um ihr Lager so viel Süßgras wuchs.

Es könnte sie motiviert haben, glaubt auch Studienautor Otaegui, diesen Prozess durch willentliche Aussaat zu verstärken: Die Produktion von Brot fällt leichter, wenn man die Pflanzen für das Mehl nicht erst suchen muss.

Auf der anderen Seite verlangt dies die komplette Umstellung der Lebensweise auf die Bedürfnisse der Pflanze. Es gibt Anthropologen, die deshalb ernsthaft infrage stellen, wer da eigentlich wen domestiziert habe: Der Mensch die Pflanze, oder die Pflanze den Menschen?

Fundplatz Shubayqa 1
REUTERS/ University of Copenhagen

Fundplatz Shubayqa 1

Die "neolithische Revolution": Fluch oder Segen?

Sicher ist, dass vor 10.000 bis 12.000 Jahren im Gebiet des sogenannten Fruchtbaren Halbmondes zwischen Anatolien und dem Irak der Anbau von Einkorn, Emmer und Gerste begann. Getreide sollte innerhalb kürzester Zeit, aber letztlich bis heute, zu einem der wichtigsten menschlichen Nahrungsmittel werden (auch der als Gletscherleiche gefundene Ötzi aß kurz vor seinem Tod vor rund 5000 Jahren noch Hirschfleisch mit Einkorn-Brot).

Mit dem Ackerbau begann die sogenannte Neolithische Revolution: Keine Erfindung veränderte die Lebensweise von Menschen derart weitreichend.

Aus vornehmlich nomadisch lebenden Kleingruppen von Menschen wurden nun rapide wachsende Bevölkerungen: Man konnte mehr Menschen ernähren, weil man selbst bestimmte, wie viel Nahrung zur Verfügung stand. Doch die wachsende Bevölkerung verlangte auch nach immer mehr Nahrung.

Das hatte Folgen. Temporäre Behausungen wichen permanenten Gebäuden. Landschaften rund um Siedlungen veränderten sich massiv. Mit der Lagerhaltung von Nahrung kam das Konzept des Besitzes auf - und damit das von Armut und Reichtum, Macht und Machtgefälle.

"Fatalste Erfindung der Menschheitsgeschichte"

Die Versorgungslage wurde in guten Jahren zwar zuverlässiger, die Ernährung jedoch einseitiger: Krankheiten wurden wahrscheinlich häufiger, Epidemien möglich. Missernten brachten Hungersnöte - und Kriege zwischen Nachbarn, die sich gegenseitig an die Vorräte wollten. Menschen begannen, sich mithilfe von Religionen, Gesetzen und örtlich definierten Identitäten voneinander abzusetzen.

Unter dem Strich, resümierte der Evolutionsbiologe Steven Jay Gould, sei der Ackerbau darum die fatalste Erfindung der Menschheitsgeschichte gewesen - und der Grund für die meisten heutigen Probleme, von der Zerstörung der Umwelt bis zu nationalistisch motivierten Kriegen.

Den Mythos von der Vertreibung aus dem Garten Eden, der auf archaische mesopotamische Sagen zurückgeht, hielt er für eine wehmütige, aus neolithischen Zeiten überlieferte Erinnerung ans glücklichere Nomadenleben: Vorher pflückte und aß man, was man fand, und "erntete" nicht mehr, als man tragen oder konsumieren konnte.

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Die Erkenntnis aber verdammte den Menschen dazu, "im Schweiße seines Angesichtes" auf dem Acker zu arbeiten - ein Sklave der neuen Lebensweise, komplett abhängig von Aussaat, Pflege, Ernte und Verarbeitung des Angebauten.

Den Menschen von Shubayqa 1 wird das nicht so vorgekommen sein. Sie buken ein dünnes, trockenes Fladenbrot und machten so Nahrung halt- und lagerbar: Mehr Brot wäre ihnen sicherlich willkommen gewesen. Aus ihrer Perspektive war es irgendwann mit Sicherheit ein Fortschritt, die Nahrungsquelle nah ans Haus zu bringen.

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