Ausgegraben

Fund in Oxyrhynchos Papyri erzählen von der Kindheit im Alten Ägypten

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Ausbildung im ägyptischen Gymnasion (Mosaik): "Lernen, gute Bürger zu sein"
Reidar Aasgaard/ UC of Oslo

Ausbildung im ägyptischen Gymnasion (Mosaik): "Lernen, gute Bürger zu sein"


Wie lebten Kinder und Jugendliche im Alten Ägypten? Das hing davon ab, wie viel Geld ihre Eltern verdienten. Aus Dokumenten haben Historiker Berichte über die ägyptische Jugend zur Zeit der römischen Herrschaft etwa um die Geburt Christi zusammengesucht.

Das war schon im alten Ägypten so: Verdienten Erwachsene gutes Geld, hatten ihre Kinder mehr Möglichkeiten im Leben. Eltern schrieben ihre Söhne etwa mit 14 Jahren in das so genannte Gymnasion ein. In diesem elitären Klub der wohlhabenden ägyptischen, griechischen und römischen Sprösslinge mussten die Jungs Sport treiben, philosophieren, Reden üben und die Mathematik pauken.

"Es war der Ort, an dem die Kinder der städtischen Eliten lernten, gute Bürger zu sein", erläutert April Pudsey von der Newcastle University. Zusammen mit Ville Vuolanto von der Universität Oslo hat er Berichte über die ägyptische Jugend zur Zeit der römischen Herrschaft etwa um die Geburt Christi zusammengesucht. "Im Gymnasion wurden sie dazu erzogen, die Werte einer ganz bestimmten gesellschaftlichen Schicht der Stadt zu wahren", sagt Pudsey.

Glücksfall Oxyrhynchos: Die Historiker fanden die Informationen zur Kindheit in 7500 erhaltenen Papyri
April Pudsey/ Newcastle University & Great North Museum

Glücksfall Oxyrhynchos: Die Historiker fanden die Informationen zur Kindheit in 7500 erhaltenen Papyri

Ähnlich der heutigen Universitäten der Ivy-League diente das Gymnasion auch dazu, Freundschaften von Kindern und Jugendlichen zu Netzwerken für die Zukunft zu festigen - für die Zeit, in der die Jungs einst selber die Geschicke der Stadt leiten würden.

Nur reiche Söhne, keine Mädchen

Mitmachen durfte allerdings nur, wessen Eltern über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügten: "Sie mussten in der Zwölf-Drachmen-Steuerklasse sein", sagt Vuolanto. Wie viele Kinder diese Vorraussetzungen erfüllten, ist schwer zu sagen: "Wahrscheinlich zwischen zehn und 25 Prozent", schätzt er. Wer es in diese Steuerklasse geschafft hatte, musste nur zwölf Prozent Steuern statt der sonst üblichen 16 Prozent zahlen: "Das war einer der sehr praktischen Gründe, warum die Eltern ihre Kinder bereits früh in dieser Gruppe registriert haben wollten."

Mädchen war der Zutritt zu diesem exklusiven Klub verwehrt. Allerdings tauchen sie in den Papyri von Oxyrhynchus oft als Geschwister ihrer Brüder auf. "Dass sie erwähnt werden, könnte ebenfalls mit dem Status ihrer Familie oder der Zugehörigkeit zu der Zwölf-Drachmen-Steuerklasse in Zusammenhang stehen", vermuten die Forscher.

Und was machten diejenigen Kinder, deren Eltern nicht über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügen? Sie gingen in die Lehre. Zwischen zwei und vier Jahren dauerte die Lehrzeit bei einem spezialisierten Handwerker. Vuolanto und Pudsey konnten rund 20 Lehrverträge in den Dokumenten aus Oxyrhynchos identifizieren. Die meisten davon für die Webereien der Stadt, denn hier lag damals das ägyptische Zentrum der Webindustrie. Einer der Verträge galt für einen ungewöhnlichen Lehrling: ein Mädchen. "Ihre Situation war etwas Besonderes", schreibt Vuolanto. "Sie war eine Waise und musste die Schulden ihres Vaters abbezahlen."

Glücksfall für Historiker

Auch junge Sklaven unterzeichneten ganz ähnliche Verträge wie die Kinder der freien Bürger. Nur lebten sie in der Regel bei ihren Lehrherren, statt zu Hause bei ihrer Familie. Junge Ägypter galten erst als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft, wenn sie heirateten - bis zu dem Zeitpunkt wurden sie noch als Kinder angesehen. Bei den Jungen war es in den frühen Zwanzigern so weit, Mädchen heirateten meist schon etwas eher in den letzten Teenager-Jahren.

"Typischerweise verließen die jungen Mädchen dann ihr Zuhause, die jungen Männer holten ihre Ehefrauen zu sich in ihre Familien", erklärt Pudsey. "Das bedeutet, dass viele Haushalte aus einer Vielzahl von Brüdern und deren Frauen und Kindern bestanden. Diese Lebenssituation fanden wir in Papyri bestätigt, auf denen die Ergebnisse von Haushaltszählungen festgehalten sind."

Die Dokumente zum Thema Kinder fischten Vuolanto und Pudsey aus rund 7500 erhaltenen Papyri heraus. Die oberägyptische Stadt ist ein Glücksfall für Historiker. Denn die Einwohner entsorgten ihren Abfall, zu dem auch die nicht mehr benötigten Dokumente gehörten, in großen Müllkippen außerhalb der Stadt. Nun liegt Oxyrhynchos aber nicht am Nil, der regelmäßig über die Ufer tritt und das gesamte Umland überschwemmt - sondern an einem Kanal. Der Boden um Oxyrhynchos blieb also trocken und die Papyri erhalten.

Zur Zeit der griechischen und römischen Herrschaft über Ägypten war Oxyrhynchos für damalige Verhältnisse eine Großstadt mit über 25.000 Einwohnern. Da hier auch die Verwaltung des Gaus Oxyrhynchites lag, wurde jede Menge aufgeschrieben: Steuerbescheide, Beglaubigungen, Verträge. Aber auch Briefe und Kritzeleien von Privatpersonen landeten auf dem Müll. "Es ist wie ein riesiges Puzzle", schreibt Vuolanto. "Indem wir die Papyri, beschriebene Keramikscherben, Spielzeuge und andere Objekte zusammentragen, versuchen wir, die Kindheit im römischen Ägypten zu rekonstruieren."

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