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Jugendsprache: "Was guckst du, bin isch Kino?"

Von Fenja Mens

Gruscheln? Digga? Lollig? Viele Eltern und Pädagogen reagieren geradezu allergisch auf den Jargon ihrer Kinder. Wissenschaftler sehen die neuen Sprachschöpfungen gelassener – als kreative Abgrenzung von den Erwachsenen und als Chance für eine Belebung der Umgangssprache.

Heike Wiese ist auf Hilfe angewiesen, wenn sie sich dem Objekt ihres Forschungsinteresses nähern möchte: auf die Hilfe von Jüngeren. "Mit mir spricht keiner mehr in Jugendsprache. Dafür bin ich zu alt", sagt die Potsdamer Linguistin.

Für Feldforschungen schickt die 41-Jährige ihre Studierenden los, lässt sie in Linienbussen Gesprächsfetzen notieren oder Schülergruppen in Jugendtreffs interviewen. Dafür sei Fingerspitzengefühl wichtig: "Wenn die Studenten sagen: 'Hallo, wir kommen von der Uni und jetzt reden wir mal über eure Sprache', machen die Jugendlichen sofort dicht. Die Interviewer müssen interessante Themen finden, zum Beispiel Musik."

Mitunter gibt Wiese den Teenagern auch Aufnahmegeräte mit, damit sie ihre Gespräche aufzeichnen, gegen ein kleines Honorar.

Germanisten wie Heike Wiese sind fasziniert vom Witz und von der Kreativität, mit der Jugendliche Sprache gebrauchen. Ihre Schöpfungen gelten inzwischen als wichtige Quelle der Erneuerung des Standarddeutschen. Das wissenschaftliche Interesse am Jugendjargon ist allerdings recht neu.

Noch in den 1970er Jahren haben Forscher ihn kaum beachtet – und wenn doch, dann nur als Beispiel für beklagenswerten Sprachverfall. Das änderte sich in den 1980er Jahren. Zumindest in Westdeutschland – in der DDR war Forschung zu diesem Thema unerwünscht, weil sie das Bild von der sozialistischen Einheitsgesellschaft infrage stellte.

Jugendliche mit Handys: Sprachmix mit Regeln und Strukturen
DDP

Jugendliche mit Handys: Sprachmix mit Regeln und Strukturen

Gruscheln? Digga? Lollig? Manchmal verstehen Erwachsene nur Bahnhof. Aus gutem Grund, sagt die Wuppertaler Soziolinguistin Eva Neuland: "Jugendliche grenzen sich mit ihrem Sprachstil von Älteren ab, durchaus aber auch von Jüngeren und Gleichaltrigen." Dies ist eines der Ergebnisse einer Studie, die Neuland kürzlich abgeschlossen hat.

Von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, befragten die Wissenschaftlerin und ihr Team 1200 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen zehn und 24 Jahren zu ihrem Sprachgebrauch.

Zehn- bis Zwölfjährige kennen demnach bereits jugendsprachliche Begriffe, setzen sie aber nur gelegentlich ein, etwa um anzugeben. Erst 14- bis 17-Jährige bauen Ausdrücke wie "tight" oder "mörder" (für super) situationsabhängig in ihre Sätze ein. "Typischerweise wenn sie in einer Gruppe mit Gleichaltrigen zusammenstehen und kommentieren, was drumherum passiert", sagt Neuland.

Dass der Anteil von Anglizismen zunimmt, konnte die Forscherin widerlegen. Fachbegriffe wie "Skateboard" nicht mitgerechnet, tauchte nur etwa alle zwölf Minuten ein aus dem Englischen entlehnter Ausdruck in einem Gespräch auf. Außerdem werden diese regelgerecht ins deutsche Wortbildungssystem integriert, etwa bei den Verb-Endungen: "Lass uns shoppen gehen" heißt es dann, oder "Hat er das gecheckt?".

In jeder Region, Stadt, Schule, ja sogar Clique kursieren andere Wörter, denn die Jugendsprache existiert so wenig wie die Jugend. Die meisten Begriffe lassen sich jedoch kategorisieren: Es gibt sogenannte Verstärkungspartikel wie "echt", typologisierende Begriffe für andere Leute wie "Emo" (emotionaler Mensch), Wertungsausdrücke wie "fett" (für großartig) und bildhaft-ironische Neukreationen wie "Friedhofsgemüse" (für Senioren). Und natürlich jede Menge Ausdrücke für Angehörige des anderen Geschlechts und das, was man mit ihnen anstellen möchte.

All dies, so Neuland, diene dazu, sich der Gruppen- und Geschlechtsidentität zu versichern: "Die Jugendlichen gleichen in ihrer Freundesgruppe regelmäßig sprachlich ab, ob die anderen ihre Werte und Einstellungen teilen."

Inhaltlich geht es meist um die unmittelbaren Lebensumstände. Das zeigt bereits die Studentensprache des 18. und 19. Jahrhunderts, in der die Universität, das Fechten auf den Paukböden der Verbindungshäuser, Geldsorgen und Frauen im Mittelpunkt stehen. Sie gilt Linguisten als erste deutsche Jugendsprache überhaupt. "Der Student (...) hat auch eine Anzahl eigentümlicher Ausdrücke und Phrasen. (...) Manche sind so ziemlich sinnlos, manche hingegen sehr naiv und ihrer Bedeutung angemessen. Kürze und Derbheit sind das Gepräge der meisten", schrieb zum Beispiel Ludwig Wallis 1813 in seinem Büchlein "Der Göttinger Student".

Etliche der Begriffe, die Wallis festhielt, wie "mogeln" oder "anschleppen", sind auch heute noch in Gebrauch. Schon damals bediente sich der Nachwuchs gern bei anderen Sprachen und Jargons, um sich abzugrenzen: "Kneipe" und "Moneten" etwa stammten aus der Gaunersprache – die Bildungsbürger grauste es.

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