Jungfernzeugung Klon-Betrüger Hwang übersah eigene Pioniertat

Seinen Erfolg beim therapeutischen Klonen hatte Hwang Woo Suk nur vorgetäuscht - und wurde als Betrüger verurteilt. Ironie der Geschichte: Der Südkoreaner hat seine tatsächliche Leistung offenbar übersehen - in seinem Labor entstanden die ersten menschlichen Stammzellen durch Jungfernzeugung.


Er wollte ein Pionier sein, wurde in seinem Heimatland als Held der Forschung gefeiert und bald darauf der Täuschung überführt: Der Südkoreaner Hwang Woo Suk ging als Klon-Betrüger in die Wissenschaftsgeschichte ein. Bis heute ist nicht vollständig aufgearbeitet, wer in den Labors der Nationaluniversität in Seoul wie geschummelt, wen betrogen, was verschwiegen hat. Viele Südkoreaner empfinden die Entzauberung ihres Hoffnungsträgers Hwang nach wie vor als nationale Schmach.

Klon-Fälscher Hwang (2005): Ergebnisse manipuliert, Durchbruch übersehen
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Klon-Fälscher Hwang (2005): Ergebnisse manipuliert, Durchbruch übersehen

Dabei ist dessen Team offenbar ein biotechnologischer Durchbruch gelungen - ganz zufällig, möglicherweise sogar unbemerkt. Die Stammzellen, mit denen Hwang 2004 weltweit für Aufsehen gesorgt hatte, sind zwar nicht durch Klonen entstanden, wie Hwang behauptet hatte - dafür aber durch Jungfernzeugung. Das haben jetzt US-Forscher um George Daley vom Children's Hospital in Boston herausgefunden.

Sie haben in der Fachzeitschrift "Cell Stem Cell" jetzt ein neues Testverfahren vorgestellt, mit dem man Stammzelllinien auf die Art ihrer Herstellung untersuchen kann. Bislang war das nicht möglich. Mit Daleys Verfahren kann man nun im Labor klären, ob embryonale Stammzellen durch therapeutisches Klonen entstanden sind.

Beim therapeutischen Klonen wird der Kern einer Körperzelle des Patienten in eine entkernte Eizelle einer Frau eingepflanzt. Bei diesem Verfahren, das auch somatischer Zellkerntransfer genannt wird, entstehen embryonale Stammzellen, die dem Erbgut des Patienten entsprechen - und als Heilsbringer für die Behandlung schwerer Krankheiten wie Parkinson gelten. Mit tierischen Zellen hat die Methode bereits funktioniert, nicht aber mit menschlichen. Hwang hatte dies im Jahr 2004 für sich in Anspruch genommen. Anfang 2006 musste er zugeben, dass die entsprechende im Fachblatt "Science" erschienene Studie eine Fälschung war.

Auf drei Wegen zu embryonalen Stammzellen

Wie aber war die Stammzelllinie "SCNT-hES-1" entstanden, mit der Hwang die Forschergemeinde verblüfft hatte? Daley untersuchte die Zellen aus dem Labor des Südkoreaners, denn es gibt noch zwei weitere mögliche Quellen für embryonale Stammzellen:

  • Sie können einfach aus überzähligen Embryos gewonnen werden, die bei der Reagenzglasbefruchtung in einer Fruchtbarkeitsklinik auf beinahe natürlichem Weg entstehen. Bei der Gewinnung der Stammzellen werden diese Embryos, die andernfalls einfach im Müll gelandet wären, zerstört.
  • Die exotischste Möglichkeit ist die Parthenogenese, auch Jungfernzeugung genannt. Biologen kennen das Phänomen von einigen Fischen und Echsen: Hat ein Weibchen keine Möglichkeit, sich mit einem Männchen zu paaren, entstehen aus unbefruchteten Eizellen Embryos. Sie tragen nur das Erbgut der Mutter, daher gilt diese Form der Fortpflanzung evolutionär betrachtet auch eher als Notlösung.

Bei Säugern wie dem Menschen ist Parthenogenese noch nie beobachtet worden und gilt im Grunde als ausgeschlossen. Im Labor aber ist die Jungfernzeugung möglich: Wenn man einer Eizelle nur mit den richtigen Botenstoffen eine Befruchtung vorspielt, kann sie sich auch ohne ein Spermium zu einem Embryo entwickeln.

Forscher aus Italien hatten 2006 erstmals von diesem Kunststück berichtet. Erst im Juni dieses Jahres hatte eine russische Gruppe auf diesem Weg embryonale Stammzellen erzeugt und in der Fachzeitschrift "Cloning Stem Cells" darüber berichtet.

Übersehener Durchbruch Jungfernzeugung

Schon vor 2004 waren einige menschliche Embryos durch Parthenogenese entstanden, unter anderem am schottischen Roslin Institute bei Edinburgh, das durch das Klonschaf Dolly internationale Berühmtheit erlangt hatte. Jedoch waren die schottischen Zellhaufen sehr kurzlebig. Daraus Stammzellen zu gewinnen, war den Forschern nicht gelungen.

Anders offenbar bei Hwang Woo Suks Team: "Wir wissen jetzt, dass die angeblich erste Zelllinie aus somatischem Zellkerntransfer nur aus dem Ei der Frau stammte", sagte US-Forscher Daley der britischen Zeitung "The Times". Bei seinem Verfahren wird das gesamte Genom einer embryonalen Stammzelle auf bestimmte Muster untersucht, die das Herstellungsverfahren verraten.

So einen Test gab es bislang nicht. War Hwang also überhaupt bewusst, was ihm gelungen war? Daley glaubt an einen Zufall im Labor des Südkoreaners. Eine Ironie der Forschungsgeschichte: Vor lauter Ehrgeiz beim therapeutischen Klonen könnten Hwang und sein Team ihren tatsächlichen wissenschaftlichen Durchbruch schlicht übersehen haben. Dabei hätte auch die erste Gewinnung parthenogenetischer Stammzellen die Gruppe aus Seoul auf die Titelblätter von "Science" oder "Nature" bringen können. Datenmanipulation im Labor, falsche Angaben in Forschungsaufsätzen und fortgesetzte Falschaussagen brachten sie hingegen auf die Anklagebank.

stx/AFP/Reuters

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