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Justiz-Studie: Müde Richter entscheiden gegen Angeklagte

Die Chancen vor Gericht steigen nach den Pausen - dies zeigt eine Analyse von Richtersprüchen aus Israel. Je länger die Erholungsphasen zurücklagen, desto unnachgiebiger urteilten die Juristen. Ein ähnliches Phänomen könnte auch bei überarbeiteten Ärzten auftreten, warnen die Wissenschaftler.

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DPA

Richter: Pause beeinflusst Urteile

Washington - Angeklagte müssen hoffen, dass ein Richter ihren Fall am Anfang des Tages oder nach einer Essenspause bearbeitet. Dann entscheiden Richter häufiger zugunsten des Gefangenen, fanden Wissenschaftler aus Israel und den USA in einer Studie heraus. Sie vermuten, dass die Richter nach einer Reihe von Urteilssprüchen entscheidungsmüde werden. Wenn sie über einen Bewährungsantrag entscheiden sollen, dann lehnen sie diesen häufiger ab, der Straftäter muss in Haft bleiben.

Nach der reinen Rechtslehre sollten sich Gerichtsentscheidungen nur an Fakten und Gesetzen orientieren. Doch viele Experten glauben, dass Richtersprüche auch von psychologischen, politischen und sozialen Faktoren beeinflusst werden, selbst wenn sie zum Teil zunächst unerheblich erscheinen. Die neue Studie des Teams um Shai Danziger von der Ben Gurion University of the Negev in Israel legt nun nahe, dass selbst die Tageszeit eine Rolle spielt.

Die Forscher analysierten 1112 richterliche Entscheidungen in Israel, zum größten Teil über Bewährungsanträge von Strafgefangen. Sie prüften dabei, ob Ablehnung oder Gewährung der Anträge mit der Tageszeit, beziehungsweise den zwei Essenspausen der Richter im Zusammenhang stehen. Die Richter hatten an jedem Verhandlungstag jeweils eine gut halbstündige Frühstückspause und eine knapp einstündige Mittagspause, ihr Arbeitstag wurde dadurch in drei Abschnitte unterteilt.

Null positive Urteile

Tatsächlich nahm die Anzahl der positiven Urteile innerhalb jeder der drei Tagesabschnitte kontinuierlich ab, von rund 65 Prozent am Anfang auf fast Null gegen Ende. Nach jeder Pause schnellte die Anzahl positiver Richtersprüche wieder auf rund 65 Prozent.

Vermutlich würden durch die Pause die mentalen Reserven der Richter wieder aufgefüllt, schreiben die Forscher im Wissenschaftsblatt "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften. Ob dies einfach durch die Erholungspause bedingt sei oder durch den Anstieg des Zuckerspiegels im Körper nach dem Essen, könne ihre Untersuchung nicht klären.

Aus früheren Studien ist bereits bekannt, dass Menschen mental ermüden, wenn sie hintereinander viele Entscheidungen treffen müssen. Sie neigen dann dazu, die noch nötigen Entscheidungen zu vereinfachen, indem sie einfach den bestehenden Zustand akzeptieren und belassen.

Nicht nur Richter, auch Angehörige anderer Berufsgruppen müssten ihre Entscheidungen demnach kritisch überdenken, schreiben die Forscher. Ärzte, Finanzexperten oder Mitarbeiter in Zulassungsstellen der Universitäten etwa dürften bei Entscheidungsfindungen ebenfalls von ihrer Müdigkeit beeinflusst werden.

boj/dpa

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1. ^^
rîwen 12.04.2011
Zitat von sysopDie Chancen vor Gericht steigen nach den Pausen - dies zeigt eine Analyse von Richtersprüchen aus Israel. Je länger*die Erholungsphasen zurücklagen, desto unnachgiebiger urteilten die Juristen.*Ein ähnliches*Phänomen könnte auch bei überarbeiteten Ärzten auftreten, warnen die Wissenschaftler. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,756452,00.html
Könnte ich denn dann, sofern ich gerichtlich zu meiner vollsten Unzufriedenheit beurteilt werde, diese Argumentation hernehmen, um Revision einzulegen? Bzw zu begründen? ^_^
2. Und Politiker ?
exminer 12.04.2011
Sind anscheinend immer müde,so erklären sich die Einfälle gegen das Staatsvolk.
3. Typischer Fall von Trugschluss
bo73 12.04.2011
Ich habe starke Zweifel an der Aussagekraft der Statistik und vermute aus eigener Praxiserfahrung zwei ganz andere Ursachen: Der normale Strafrichter (gerade am Amtsgericht - und doirt findet die statistisch relevante Masse der Verfahren statt)terminiert an seinem Verhandlungstag mehrere Sachen. Auf den Vormittag kommen logischerweise - schon um der Gefahr eines Zeitverzugs vorzubeugen - die "kleineren" und unproblematischeren Sachen (z.B. geständiger oder Ersttäter, Einspruch gegen Strafbefehl auf Strafmaß oder Dauer des Fahrterlaubnisentzugs beschränkt, Ladendiebstahl, usw.). Diese Verfahren, die oftmals auch eingestellt werden, werden regelmäßig im 30-, teilweise sogar im 15-Minuten-Takt terminiert, weil da härtere Sanktionen oder gar Freiheitsstrafen ohne Bewährung gar nicht in Betracht kommen. Die Verhandlungen über die schwereren Delikte oder die Straftaten der Wiederholungstäter und Bewährungsversager, denen eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung droht, werden regelmäßig auf den Nachmittag terminiert, da dann ohne größeren Zeit- und Termindruck eine umfassende Beweisaufnahme mit Anhörung der Bewährungshilfe etc. erfolgen kann. Der zweite Grund ist ebenfalls simpel: Wer zum richtigen Zeitpunkt im Strafprozess ein Geständnis ablegt und ggf. gar Reue zeigt (oder vorspielt), kann mit ganz erheblichen Strafnachlässen rechnen und eben über einen guten Verteidiger oftmals auch noch bei schweren Straftaten eine Strafaussetzung zur Bewährung "ausdealen" (siehe z.B. Zuminkel u.a.). Der taktisch richtige Zeitpunkt für ein derartiges Geständnis ist aber meist (nicht immer) der Beginn der Verhandlung und nur selten der Abend eines Verhandlungstages, nachdem logischerweise bereits eine Beweisaufnahme stattgefunden hat. Denn entweder sieht es danach gut für den Angeklagten aus (dann wäre ein Geständnis idiotisch) oder schlecht, weil die Tat ohnehin bereits so gut wie bewiesen ist (dann gibt es für ein Last-Minute - Geständnis auch keinen nennenswertenen Nachlass mehr).
4. Auf Theme geantwortet
persona-non-grata 12.04.2011
Zitat von bo73Ich habe starke Zweifel an der Aussagekraft der Statistik und vermute aus eigener Praxiserfahrung zwei ganz andere Ursachen: Der normale Strafrichter (gerade am Amtsgericht - und doirt findet die statistisch relevante Masse der Verfahren statt)terminiert an seinem Verhandlungstag mehrere Sachen. Auf den Vormittag kommen logischerweise - schon um der Gefahr eines Zeitverzugs vorzubeugen - die "kleineren" und unproblematischeren Sachen (z.B. geständiger oder Ersttäter, Einspruch gegen Strafbefehl auf Strafmaß oder Dauer des Fahrterlaubnisentzugs beschränkt, Ladendiebstahl, usw.). Diese Verfahren, die oftmals auch eingestellt werden, werden regelmäßig im 30-, teilweise sogar im 15-Minuten-Takt terminiert, weil da härtere Sanktionen oder gar Freiheitsstrafen ohne Bewährung gar nicht in Betracht kommen. Die Verhandlungen über die schwereren Delikte oder die Straftaten der Wiederholungstäter und Bewährungsversager, denen eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung droht, werden regelmäßig auf den Nachmittag terminiert, da dann ohne größeren Zeit- und Termindruck eine umfassende Beweisaufnahme mit Anhörung der Bewährungshilfe etc. erfolgen kann. Der zweite Grund ist ebenfalls simpel: Wer zum richtigen Zeitpunkt im Strafprozess ein Geständnis ablegt und ggf. gar Reue zeigt (oder vorspielt), kann mit ganz erheblichen Strafnachlässen rechnen und eben über einen guten Verteidiger oftmals auch noch bei schweren Straftaten eine Strafaussetzung zur Bewährung "ausdealen" (siehe z.B. Zuminkel u.a.). Der taktisch richtige Zeitpunkt für ein derartiges Geständnis ist aber meist (nicht immer) der Beginn der Verhandlung und nur selten der Abend eines Verhandlungstages, nachdem logischerweise bereits eine Beweisaufnahme stattgefunden hat. Denn entweder sieht es danach gut für den Angeklagten aus (dann wäre ein Geständnis idiotisch) oder schlecht, weil die Tat ohnehin bereits so gut wie bewiesen ist (dann gibt es für ein Last-Minute - Geständnis auch keinen nennenswertenen Nachlass mehr).
das klingt für mich plausibel. Sind Sie Richter?
5. Das UNBEWUSSTE
Franz Josef Neffe 12.04.2011
Ist doch interessant, was alles aus dem UNBEWUSSTEN hochgeholt wird, wenn man bloß mal ein Problem thematisiert und dem bewussten Verstand einen Anlass gibt, sich mal etwas genauer um das UNBEWUSSTE zu kümmern! Das sollten wir nicht immer schnellstmöglich wieder abbrechen sondern so systematisch und erfolgreich nutzen lernen wie vor hundert Jahren der franz. Apotheker Émile Coué, durch dessen enorme praktische Erfolge mit dem Unbewussten der bewusste Umgang damit, die Autosuggestion, in wenigen Jahren eine weltbekannte Selbsthilfe-Methode wurde. Schon auf der ersten Seite seines in ca. 20 Sprachen übersetzten Buches lesen wir: "Die Kenntnis dieser Kraft kann jedem von uns nutzen, doch geradezu unentbehrlich ist das Wissen um sie für Ärzte, Richter, Anwälte und Erzieher junger Menschen." Ich grüße freundlich. Franz Josef Neffe
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