Käfer vertilgt Wespen retten Cranach

Um die Holzwürmer aus dem Erfurter Cranach-Altar zu vertreiben, vertrauten Thüringer Holzexperten ganz auf den Hunger von Wespen. Vier Wochen lang umschwirrten sie das mittelalterliche Kunstwerk, danach waren praktisch alle Würmer aufgefressen.


Cranach-Altar im Dom Erfurt: Von Holzwürmern befallen
DDP

Cranach-Altar im Dom Erfurt: Von Holzwürmern befallen

Erfurt - Die Wespen haben gewonnen! Und das von Lucas Cranach dem Älteren um 1520 gemalte Tafelbild "Die mystische Verlobung der heiligen Katharina" scheint gerettet. Von einem Erfolg ist zumindest der Leiter des Bischöflichen Bauamtes, Andreas Gold, überzeugt. Er geht davon aus, dass ein Großteil der Holzkäfer in der Einfassung des Bildes, das den Altar des Domes schmückt, vernichtet ist.

Begonnen hatte die ungewöhnliche Rettung im November vergangenen Jahres. Mitarbeiter des Dombauamtes entdeckten am Fuße des Altars mit dem Cranach-Bild verräterisches Holzmehl: Der Gemeine Nagekäfer Anobium punctatum hatte sich in der Einfassung des auf Lindenholz gemalten Bildes eingenistet und verrichtete dort sein schädliches Werk.

Lange wurde gestritten, wie die Schädlinge bekämpft werden können. Schließlich hatte der Apoldaer Holzsachverständige Erhard Heinemann die Idee, statt Gas natürliche Feinde der Holzkäfer einzusetzen und sich das Brutverhalten der Lagererzwespen zu Nutze zu machen. Denn die nur drei Millimeter großen Tierchen lähmen mit einem Stich die Wirtslarve und legen daneben ein Ei ab. So werden die Wirte zum willkommenem Futter für den Wespennachwuchs und können sich selbst nicht mehr vermehren.

In der freien Natur klappt das hervorragend. Auch bei der Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft waren Lagererzwespen bereits erfolgreich. Doch ob das auch unter Kunst-Bedingungen im Erfurter Dom funktioniert, das wusste niemand vorauszusagen. Unsicher war auch, ob die winzigen Wespen den Gemeinen Nagekäfer als Wirt akzeptieren würden, sagte Matthias Schöller von der Biologischen Beratung Berlin, die das Experiment wissenschaftlich begleitete, am Mittwoch in Erfurt. Ein Laborversuch war erfolgreich, deshalb machte man sich daran, nun erstmalig auch ein Kunstwerk mit Hilfe der Natur zu retten.

Gemälde gerettet: Holzexperte Heinemann mit Foto der Lagererzwespe
DDP

Gemälde gerettet: Holzexperte Heinemann mit Foto der Lagererzwespe

Anfang des Jahres wurde ein Folienzelt um den Altar errichtet. Unter seinem Schutz wurden ideale Bedingungen für die ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammenden Wespen geschaffen: 20 Grad Celsius und 55 bis 60 Prozent Luftfeuchtigkeit. Insgesamt 13 mit Nagewürmern infizierte Probekörper wurden an verschiedenen Stellen des Altars platziert. Deren Untersuchung nach vier Wochen Wespeneinsatz ergab jetzt: 48 der 49 Schädlinge wurden vernichtet, der eine vermutlich nur deshalb nicht, weil der Probekörper nicht gedreht wurde und die Wespen nicht an ihn herankamen.

Eine vollständige Vernichtung wäre auch bei einer Begasung nie möglich gewesen, sagte Kirchenbauexperte Gold. Die biologische Methode sei aber sehr kostengünstig und vor allem völlig unschädlich für Menschen. Und die Experten sehen schon neue Einsatzmöglichkeiten: So könnten natürliche Feinde von Schädlingen in Räumen eingesetzt werden, wo nicht mit Gas oder Stickstoff gearbeitet werden darf. Denkbar wäre es auch, Lagererzwespen in Gebäuden wie Kirchen anzusiedeln und damit schon prophylaktisch zu wirken. Anfragen gebe es schon aus ganz Europa. Bis dahin sieht Schöller aber noch eine Menge Forschungsarbeit zu leisten.

Weitere Erfahrungen können schon im Sommer gesammelt werden. Dann werden Lagererzwespen im Dom ein zweites Mal eingesetzt, diesmal aber unter natürlichen Bedingungen. Denn Lagererzwespen brauchen zur Vermehrung nicht nur genügend Wirtstiere, sondern auch bestimmte Temperaturen. Und die könnten im Erfurter Dom im Juli vielleicht für kurze Zeit erreicht werden.

Uwe Frost, ddp



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.