Neues Museum in Kairo Ein neuer Tempel für Tutanchamun

In Kairo entsteht das größte archäologische Museum der Welt. Für die Eröffnung werden Stücke aus dem legendären Grabschatz des Tutanchamun aufgearbeitet, die nie zuvor gezeigt wurden.

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Aus Kairo berichtet


Wenn man von Kairos Zentrum auf der Ring Road Richtung Südwesten fährt, erscheint irgendwann eine mächtige Baustelle auf der linken Seite. Von hier aus ist es nicht weit bis zu den Resten eines der sieben Weltwunder der Antike, den Pyramiden von Gizeh. Die mächtigste der drei, vor knapp 4500 Jahren errichtet als Grabmal für Pharao Cheops, thront wenige Kilometer entfernt von den Baukränen über dem Horizont. Die knapp 140 Meter hohe Pyramidenkonstruktion aus Kalkstein ist bis heute ein Bau der Superlative.

Das soll bald auch für den Rohbau im Vordergrund gelten. Hier entsteht gerade das größte archäologische Museum der Welt. Es wird mehrere Zehntausend Exponate der ereignisreichen ägyptischen Kultur zeigen - von der pharaonischen Periode bis zur griechisch-römischen Zeit. In dem futuristischen Bauwerk ist so viel Platz, dass man genauso gut ein Museum für Jumbojets einrichten könnte.

Im Atrium etwa soll die Besucher nach der Eröffnung eine elf Meter hohe Statur von Ramses II begrüßen. Zudem ist im hellen Treppenhaus des Grand Egyptian Museums (GEM) Platz für 90 weitere Großskulpturen. Die Stufen leiten den Besucher hinauf in den Ausstellungsbereich, von hier aus hat man einen guten Blick auf die nahen Pyramiden.

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Grand Egyptian Museum: Die neuen Hallen des Pharaos

Künftig werden Touristen, die es zu den mächtigen Bauwerken des Gizeh-Plateaus zieht, auch einen Stopp im GEM einlegen, hofft Tarek Tawfik. Der Ägyptologe hat in Bonn promoviert, er wird das Museum leiten. "Ich glaube, es könnte ein neues Wahrzeichen für Ägypten werden", sagt er. 2014, als er das Megaprojekt übernahm, sei er noch von Kollegen aus aller Welt belächelt worden. Nach den üblichen Verspätungen, die mit solchen Megaprojekten verbunden sind, soll nächstes Jahr der erste Teil eröffnet werden. "Nun lächeln sie nicht mehr", sagt Tawfik. Bis zu 15.000 Besucher erwartet er täglich.

Im alten Archäologiemuseum nahe des Tahrir-Platzes in Kairos Zentrum fehlten nicht nur die Nähe zu den Pyramiden sondern vor allem der Platz. Der über hundert Jahre alte Bau wirkt selbst ein bisschen wie eine Antiquität, die an vielen Ecken eine verstaubte Rumpelkammer ist. Manchmal versperren Kisten den Besuchern den Weg, die aussehen, als hätte sie Tutanchamun-Ausgräber Howard Carter in den Zwanzigerjahren noch persönlich abgestellt.

Blick aus dem neuen Museum
heneghan.peng.architects

Blick aus dem neuen Museum

Zudem laufen die Magazine am Tahrir schon seit Jahren über, Tausende Stücke können gar nicht gezeigt werden. Trotz dieser Probleme und obwohl Terrorgefahr und die politisch unsichere Lage seit der Revolution 2011 die Zahl der Touristen dramatisch hat schrumpfen lassen, quetschen sich immer noch jeden Tag viele Menschen am berühmtesten archäologischen Exponat der Welt vorbei, der Totenmaske des Tutanchamun.

Der üppige Grabschatz des bereits als Teenager verstorbenen Königs soll im neuen Museum deutlich mehr Platz bekommen. Zudem wird der Fund aus dem Tal der Könige mit weiteren Exponaten bereichert. Darunter einige noch nie gezeigte - nur 1500 der insgesamt 5000 Stücke stehen im alten Museum am Tahrir.

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Giseh: Fund in der Cheopspyramide

Einige Exponate müssen allerdings erst noch restauriert werden - deshalb hat Mohamed Yosu gerade ziemlich viel zu tun. Er arbeitet am bereits eröffneten Conservation Center auf dem Gelände des neuen Museums. Hier werden in 17 Laboratorien und Werkstätten alle Altertümer konserviert und aufgearbeitet, die Archäologen irgendwo in Ägypten aus dem Boden holen.

Vor Yosu stehen ein paar goldene Sandalen mit bunten Applikationen an den Riemen. Sie wirken wie aus einem Secondhand-Laden: Leichte Gebrauchsspuren, doch man könnte sie noch gut am Strand tragen. Tatsächlich sind die Stücke aus dem Tutanchamun-Fund weit über 3000 Jahre alt. Der Restaurator zeigt auf ein Foto, auf dem zu sehen ist, in welch schlechtem Zustand sie waren, bevor er sie bearbeitet hatte. "Ich habe anderthalb Monate gebraucht, damit sie so aussehen wie jetzt", sagt er. Um das Material an einigen Stellen zu stabilisieren, benutzte er ein spezielles Papier aus Japan, das wenig Zusatzstoffe enthält. "Wir wollen die Originalmaterialien so rein wie möglich halten", sagt er.

Grünanlage neben dem neuen Museum (Computergrafik)
heneghan.peng.architects

Grünanlage neben dem neuen Museum (Computergrafik)

Ein paar Tische weiter arbeitet ein Kollege an einem Bogen - insgesamt 25 solcher Waffen wurden beim bekanntesten Grabschatz der Welt gefunden. Er spritzt über eine Kanüle an einigen Stellen vorsichtig eine weiße Flüssigkeit in das Holz. Durch eine Lupe findet er die optimalen Einstichstellen. Anschließend härtet die Lösung auf der Basis eines Glaspulver aus und stabilisiert das Holz. Eine Woche braucht er etwa für das Exponat.

Im Holzlabor wurden bereits einige goldene Schilde restauriert, darauf thront der König als mächtiger Krieger. Die Stücke wurden lediglich als Grabbeigabe angefertigt und haben somit symbolischen Charakter - für den Einsatz im Kampf wären sie völlig nutzlos gewesen.

Wenige Meter entfernt steht ein Holzsarg, der in Kunststofffolie eingeschweißt wurde. Im Inneren des Pakets sollen Chemikalien sämtliche Organismen abtöten, um in Zukunft Zersetzungsprozesse im Holz zu verhindern.

Förderprogramm für Wissenschaftsjournalismus
    Dieser Text ist im Rahmen eines journalistischen Austauschprogramms entstanden und wurde vom Goethe Institut Kairo gefördert. Ein ähnlicher Artikel ist bei der ägyptischen Zeitung "Al Ahram" erschienen.

Viele Arbeitsschritte in den Labors sind inzwischen Routine. Doch es gibt auch immer wieder Überraschungen. Als die Restauratoren die vielen Einzelteile einer Holzkommode zusammenpuzzeln wollten, stellten sie fest: Tatsächlich lassen sich aus den Holzteilen zwei baugleiche Möbelstücke herstellen. Dem umfangreichen Katalog der Tutanchamun-Sammlung musste eine weitere Exponatnummer hinzugefügt werden.

Künftig sollen allein für die Tutanchamun-Sammlung 7000 Quadratmeter im GEM bereitstehen - das gesamte alte Museum verfügt über 10.000 Quadratmeter. Ganz leer geräumt werden wird der Bau am Tahrir aber nicht, es gibt genügend Stücke, die dort gezeigt werden sollen. "Ich glaube, dass sich auch viele Besucher beide Museen ansehen werden", sagt Tawfik. Denn nun hätten einige Exponate endlich den Platz, den sie für eine angemessene Präsentation bräuchten.

Doch so optimistisch sind nicht alle in Ägypten. Einige, darunter auch eine ehemalige Direktorin des Museums, fürchten, dass es der Bau am Tahrir nun schwer haben wird, nachdem die wichtigsten Stücke verlegt worden sind. Denn neben Tutanchamun wird auch die berühmte Mumien-Sammlung in ein anderes Museum verlegt werden, in das Zivilisationsmuseum.

Selbst das an archäologischen Schätzen reiche Ägypten hat nicht genug Exponate, um die Besucher zu überzeugen, gleich drei Museen zu besuchen. Gut möglich also, dass im Kampf um Aufmerksamkeit das alte Museum unterliegen wird.

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