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Kalter Krieg auf Britisch: Kamikaze-Tauben sollten Russland angreifen

Der britische Sinn fürs Skurrile griff im Kalten Krieg auch unter Militärs vehement um sich. Wie aus jetzt veröffentlichten Geheimdienst-Dokumenten hervorgeht, wollten die Briten dressierte Kamikaze-Tauben als fliegende Biowaffen gegen Russland in Stellung bringen.

Tauben: Seltsame Pläne aus Großbritannien
DDP

Tauben: Seltsame Pläne aus Großbritannien

Als die Sowjets 1946 alles daran setzten, eigene Atomwaffen zu entwickeln, dachten sich die Briten eine neue, schreckliche Waffe aus, gegen die es keinen Schutz geben sollte: Brieftauben, umfunktioniert zu gefiederten Bomben, die ihre tödliche Fracht - in diesem Fall Sprengladungen oder Biowaffen - tief ins Reich des Gegners tragen sollten.

Geheimdienst-Dokumente, die jetzt von den britischen National Archives in Kew veröffentlicht wurden, brachten den skurrilen Plan ans Tageslicht. Wie die Zeitung "The Independent" berichtet, fußte der Plan des Luftwaffenoffiziers William Rayner auf der Studie eines Amerikaners. Der hatte behauptet, Tauben könnten zuverlässig auch Ziele finden, die sie nie zuvor gesehen hatten - mit Hilfe ihres Orientierungssinns, der sich nach dem Erdmagnetfeld richtet.

Die vom Radar nicht zu ortenden gefiederten "Bomber" sollten auf diese Weise kleine Ladungen von Explosiv- oder Biokampfstoffen in ihre Zielgebiete tragen. "Tausend Tauben jeweils mit einer 60 Gramm schweren Explosiv-Kapsel, die in Intervallen in einem spezifischen Ziel landen, können für eine ernste und unschöne Überraschung sorgen", zitierte der "Independent" aus den direkt nach Ende des Zweiten Weltkriegs erarbeiteten Dokumenten.

Eine eigens für die Zukunft der britischen Militär-Tauben eingesetzte Kommission schlug noch andere Tricks vor. So sollten die Kampfvögel mit neuartigen Ballons tief in feindliches Gebiet geschmuggelt, von Raketen abgeworfen werden oder sich mit Sprengladungen in gegnerische Suchscheinwerfer stürzen. Der Vorschläge wurde jedoch - kaum verwunderlich - als unrealistisch verworfen.

Hintergrund der Pläne war die Existenz zahlreicher Brieftauben in Diensten des Militärs während des Krieges. Die Vögel hatten Botschaften zwischen London und Geheimagenten im Ausland hin- und hertransportiert. Nach dem Krieg suchte man nach anderweitigen Möglichkeiten für deren Einsatz. "Es ist klar, dass es in der Taubenforschung keinen Stillstand geben wird; wenn wir nicht damit experimentieren, werden es andere Mächte tun", heißt es in den Papieren. Der Ausschuss zum militärischen Einsatz von Tauben wurde letztlich im Jahr 1950 aufgelöst.

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