Kampf gegen Aids Vatikan hält päpstliche Kondom-Studie unter Verschluss

Das Gesundheitsministerium des Vatikans hat eine Studie über den Gebrauch von Kondomen im Kampf gegen Aids abgeschlossen. Papst Benedikt XVI. selbst hatte den Auftrag dazu erteilt. Doch die Ergebnisse der Studie bleiben vorerst geheim.


Die immer größere Verbreitung von Aids bereite Papst Benedikt XVI. große Sorgen, sagte Kardinal Javier Lozano Baragàn gestern in Rom. Im Auftrag des Papstes habe das vatikanische Gesundheitsministerium deshalb eine Studie über den Gebrauch von Kondomen im Kampf gegen Aids erstellt. Das 200-seitige Dossier sei an die Glaubensbehörde weitergegeben worden, berichtet Radio Vatikan. Nun müssten der Papst und die Glaubenskongregation entscheiden, wie sie mit der Expertenstudie umgingen, erklärte Baragàn.

Präservative: Vatikan erforschte sie "sowohl aus wissenschaftlicher wie auch aus moralischer Sicht"
DPA

Präservative: Vatikan erforschte sie "sowohl aus wissenschaftlicher wie auch aus moralischer Sicht"

Eine vom Vatikan initiierte Kondom-Studie - das kann durchaus als kleine Sensation gelten. Schließlich hat die katholische Kirche sich bislang strikt gegen die Verwendung von Kondomen ausgesprochen und so nach Meinung vieler Kritiker die Aids-Katastrophe in Afrika und Asien mit verschuldet. Nach Meinung der Vatikan-Theologen gelten eheliche Treue und Enthaltsamkeit als beste Mittel gegen die Immunschwächekrankheit Aids, die durch ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen wird.

Im April war bekannt geworden, dass der Vatikan zumindest HIV-Infizierten den Gebrauch von Präservativen erlauben könnte. Der Kirchenstaat arbeite an einem entsprechenden Dokument, das demnächst veröffentlicht werden soll, hieß es damals. In der Kondom-Studie des Vatikans heißt es nach Angaben der italienischen Zeitung "La Repubblica", die Benutzung von Präservativen sei als "geringeres Übel" anzusehen, wenn es darum gehe, die tödliche Ansteckungsgefahr abzuwenden.

Keine Entscheidung, die sexuelle Freizügigkeit fördert

"Gemäß dem Wunsch von Benedikt haben wir den Gebrauch von Kondomen sorgfältig untersucht, sowohl aus wissenschaftlicher wie auch aus moralischer Sicht", sagte Baragàn in einer Pressekonferenz. Die Studie solle jedoch nicht veröffentlicht werden. Erst müsse geklärt werden, ob über die Verwendung von Kondomen überhaupt neu entschieden werden müsse. Baràgan erklärte vielsagend, das Gesundheitsministerium des Vatikans habe "alle Aspekte" in die Untersuchung einbezogen.

Einige Details verriet Baragàn doch: "Wir haben Daten bis ins Jahr 2005." Die Studie zeige, dass die Verbreitung der Krankheit in den entwickelten Ländern weniger fortschreite. "Dies gilt insbesondere für Nationen, die entsprechende anti-retrovirale Medikamente sowie genügend Nahrung haben."

"Wir hoffen, die Theologen und der Heilige Vater werden sagen, wie man am besten mit diesem Thema umgeht", sagte der Kardinal, "aber keine Entscheidung der Kirche kann so ausfallen, dass sie sexuelle Freizügigkeit fördert". Das Präservativ dürfe immer nur die letzte Lösung sein.

Die Bezeichnung von Aids als "Geißel oder Strafe Gottes" wollte Baràgan sich nicht zu eigen machen, berichtet Radio Vatikan. Eine solche moralische Schuldzuweisung könne nur Gott treffen. Baragàn wies darauf hin, dass die Kirche mit ihren Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen gerade in vielen Entwicklungsländern die Rolle einer "Avantgarde" im Kampf gegen Aids einnehme.

hda/rtr/dpa



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