Kampf gegen Vogelgrippe US-Forscher beleben altes Killervirus

US-Forscher haben in einem Militärlabor den extrem gefährlichen Erreger der Spanischen Grippe rekonstruiert. Die Ergebnisse, die jetzt erstmals detailliert veröffentlicht werden, sollen eine drohende Vogelgrippe-Pandemie verhindern helfen. Kritiker warnen jedoch vor der Gefahr eines Ausbruchs.

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H1N1-Virus: Killer soll im Kampf gegen Vogelgrippe helfen

H1N1-Virus: Killer soll im Kampf gegen Vogelgrippe helfen

Was alle Seuchen der Geschichte nicht geschafft hatten, gelang der Spanischen Grippe binnen weniger Monate. 1918 tötete die Pandemie 20 bis 50 Millionen Menschen, mehr als jede andere Krankheit zuvor. Allein in den USA gab es 550.000 Tote. Die Infizierten litten unter hohem Fieber, ihre Lungen entzündeten sich. Innerhalb weniger Tage ertranken die Opfer an ihrer eigenen Flüssigkeit.

Ein US-Forscherteam hat das Virus in jahrelanger Arbeit seit 1995 nachgebaut. Die Ergebnisse des Experiments, das bereits im Oktober 2003 publik wurde, erscheinen jetzt erstmals detailliert in den Fachblättern "Nature" und "Science".

Die Erkenntnisse der Wissenschaftler um Jeffrey Taubenberger vom Institute of Pathology der US-Armee legen nahe, dass das von ihnen rekonstruierte Virus H1N1 von einem Vogelgrippe-Virus abstammte und die Fähigkeit entwickelte, den Menschen anzufallen. Genau diese Entwicklung befürchten die Experten derzeit in Asien: Der dort grassierende Erreger H5N1 könnte mutieren oder sich mit einem menschlichen Grippevirus vermischen und dann eine weltweite Epidemie auslösen.

Uno befürchtet bis zu 150 Millionen Tote

Erst vergangene Woche hat die Uno vor den schrecklichen Auswirkungen einer solchen Seuche gewarnt, die die Spanische Grippe noch um ein Mehrfaches übertreffen könnte. Bis zu 150 Millionen Tote seien möglich, sagte David Nabarro, der neue Uno-Chefkoordinator im Kampf gegen die Vogelgrippe.

Um das vor acht Jahrzehnten verschwundene Virus der Spanischen Grippe wieder zum Leben zu erwecken, entnahm Taubenbergers Team mehreren Leichen Gewebeproben, unter anderem einer Frau, die 1918 im Dauerfrostboden von Alaska beerdigt worden war. Zusätzlich verwendeten sie in Formalin konserviertes Lungengewebe von anderen Opfern der Spanischen Grippe.

In einem komplizierten Verfahren gelang es den Wissenschaftlern, den genetischen Code des extrem aggressiven H1N1-Virus zu identifizieren und es im Labor zu reproduzieren. Die Mediziner stellten mit dem genetischen Code virusartige Genstränge her, sogenannte Plasmide. Diese wiederum wurden menschlichen Nierenzellen eingepflanzt.

Opfer der Spanischen Grippe von 1918: 20 bis 50 Millionen Tote binnen weniger Monate
AP

Opfer der Spanischen Grippe von 1918: 20 bis 50 Millionen Tote binnen weniger Monate

"Sobald das Plasmid in der Zelle ist, baut sich das Virus von selbst auf", sagt Terrence Tumpey von der US-Behörde Centers for Disease Control. "Es dauert nur wenige Tage." Man habe so die biologischen Eigenheiten des Virus erforscht, die seine extrem tödliche Wirkung ausgelöst haben. Die Forscher testeten den Erreger der Spanischen Grippe auch an Mäusen, Hühner-Embryos und menschlichen Lungenzellen. Die infizierten Mäuse und Embryonen starben binnen weniger Tage.

1918 war H1N1 zunächst in Vögeln aufgetaucht, wie auch jetzt das H5N1-Virus. "Unsere Bemühungen, die Spanische Grippe zu verstehen, haben eine aktuelle Dringlichkeit erhalten", betont Forschungsleiter Taubenberger.

Ein Gen, das die Forscher für die besondere Aggressivität des Virus verantwortlich machen, ist in einem Protein an dessen Oberfläche enthalten: Hämaglutinin, das das Andocken an eine Zelle ermöglicht. Wenn es gelänge, genau diesen Mechanismus zu blockieren, könnte das zur Entwicklung wirksamer Gegenmittel auch gegen H5N1 beitragen, sagte Tumpey.

Kritiker zweifeln an Immunschutz

Die Mediziner stellten außerdem fest, dass moderne Medikamente wirksam gegen den alten Erreger eingesetzt werden könnten. Das Risiko, das von dem wiedererweckten Virus ausgehe, ist den US-Gesundheitsbehörden zufolge minimal. Nach der Epidemie hätten die Menschen weltweit Antikörper entwickelt, die bis heute vorhanden sein sollen.

Genau das bezweifeln Kritiker allerdings. Schon Oktober 2003 hielten Experten die Rekonstruktion des H1N1-Virus durch Taubenberger für gefährlich. Ihr Argument: Von den Zeitgenossen der Spanischen Grippe lebe heute kaum noch jemand. Die Menschheit verfüge deshalb über keinen wirksamen Immunschutz. Ein versehentlicher Ausbruch des Virus könne daher verheerende Folgen haben.

Die Wahrheit dürfte in der Mitte liegen. Das H1N1-Virus sei Bestandteil des Impfstoffs, der jährlich von der Weltgesundheitsorganistation neu entwickelt und auch in Deutschland verabreicht werde, erklärte Georg Pauli vom Berliner Robert-Koch-Institut im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Insofern besteht ein gewisser Schutz gegen den H1N1-Erreger", so der Virologe. "Wie weit dieser Schutz reicht, ist allerdings nicht klar."

H5N1 zirkuliert seit Jahrzehnten in vielen Teilen der Welt. Der heutige Impfstoff basiert auf diesem modernen Virus, das sich aber vom ursprünglichen Erreger von 1918 unterscheiden dürfte. "Das Virus kann nur in einem bestimmten Rahmen mutieren", sagt Pauli. "Aber eine Voraussage über die Wirksamkeit des heutigen Impfstoffes gegen das alte Virus würde ich nicht treffen wollen."

Ängste vor einer versehentlichen Freisetzung von H1N1 sind nicht völlig unbegründet. Erst im April dieses Jahres hat ein US-Labor Proben des H2N2-Virus, das 1957 die Asiatische Grippe mit bis zu vier Millionen Toten auslöste, an über 3700 Labore in aller Welt verschickt. Da der hoch ansteckende Erreger seit Ende der sechziger Jahre nur noch in den Kühlschränken von Labors existierte, ist er heute besonders gefährlich. "Gegen dieses Virus bestünde überhaupt kein ausreichender Immunschutz mehr", sagt Pauli.

Trotz der Bedenken speisten die Forscher um Taubenberger die genetischen Informationen des H1N1-Erregers in die GenBank ein, einer öffentlichen Datenbank der amerikanischen National Institutes of Health. "Wir haben sorgfältig überlegt, ob wir unsere Ergebnisse veröffentlichen sollen", sagt er. "Die Chancen für den Schutz der Öffentlichkeit vor einer Pandemie überwiegen die Risiken, die die Arbeit mit dem Virus mit sich bringt."

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