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Kampfroboterturnier: Wie Bruce Willis auf Raupenketten

Von Jens Kitzler

Ein Roboter, der jedes Hindernis überwindet, Bomben entschärft und im Häuserkampf triumphiert - ohne menschliche Hilfe. So eine autonome Kriegsmaschine will die Regierung von Singapur per Wettbewerb finden. Im Finale steht auch der Blechkämpfer "Telemax" aus Freiburg.

John McLane würde verrückt werden, wenn er sich das anschauen müsste. Wie der metallene Arm ganz, ganz langsam nach oben fährt. Wie die Kamera surrt und der Stahlfinger sich im Zeitlupentempo der Wand nähert. Noch eine Denkpause, eine Korrektur nach links, warten, dann endlich trifft der Finger sein Ziel und die Aufgabe ist erfüllt: Roboter "Telemax" hat in einem Aufzug einen Knopf gedrückt. In derselben Zeit hätte McLane alias Bruce Willis ein Stockwerk komplett von Feinden gesäubert.

Von der Dynamik des Filmhelden aus "Stirb langsam" sind Maschinen noch weit entfernt - doch die Defence Science and Technology Agency (DSTA) in Singapur will über kurz oder lang autonom agierende Roboter für den Häuserkampf entwickeln. Dazu hat die Militärforschungsbehörde im vergangenen Jahr die TechX Challenge ausgelobt. Am Sonntag findet nun das Finale statt. Dabei tritt auch der "Telemax" an, ein Fahrzeug, das Informatiker der Universität Freiburg zusammen mit Kollegen aus Singapur an den Start schicken. Dem Sieger erwartet ein Preisgeld in Höhe von rund einer halben Million Euro.

Die Aufgaben: Im Finale sollen die Roboter selbständig den Weg in ein Gebäude finden, dann einen bestimmten Raum in einer höheren Etage aufsuchen und dort Zielobjekte berühren - darunter eine lebensgroße Puppe in Uniform und die Attrappe eines Maschinengewehrs. Um nach oben zu gelangen, müssen die Geräte nicht nur Treppen überwinden, sondern auch einen Aufzug ins richtige Stockwerk nehmen können. Ist die Mission erfüllt, gilt es, den Weg wieder nach draußen zu finden - alles ohne menschliche Hilfe, auch die Orientierung anhand von GPS-Daten ist verboten.

Was ein Zehnjähriger locker schaffen würde, ist für autonome Roboter eine komplexe Aufgabe. Gefragt ist eine künstliche Intelligenz, die sich im Gebäude orientieren und Alternativrouten an Hindernissen vorbeiplanen kann. Sie muss Aufzüge und Treppen anhand von Fotos finden, die die Teams kurz vor dem Start bekommen, und natürlich auch die Zahl auf dem Liftknopf erkennen. "Definitiv der schwierigste Wettbewerb, bei dem wir je mitgemacht haben", sagt Alexander Kleiner vom Team SP-Freiburg.

Mit der TechX Challenge liefern die Asiaten eine Art Gegenentwurf zu den bekannten militärischen Roboterwettbewerben. Bei der Grand Challenge, dem Fahrzeug-Orientierungslauf der amerikanischen Militärforschungsbehörde Darpa, absolvieren die mobilen Rechner ihre Aufgaben im offenen Gelände. Die Aufklärungs- und Transportaufgaben beim ELROB-Wettbewerb der Bundeswehr unterlagen bisher nicht so striktem Zwang zur Autonomie.

Singapur aber will Roboter erbauen, die eigenständig Aufklärung in kontaminierten Gebäuden leisten können, oder in Häusern, in denen Terroristen Sprengladungen zurückgelassen haben. "Operationen in urbanen Gebieten sind eine große Herausforderung für das Militär", erklärt DSTA-Vorstand Richard Lim im Aufruf zur TechX Challenge. "Militärische Erfahrungen im Irak, dem Mittleren Osten und an anderen Orten haben das deutlich gemacht."

Die KI entscheidet über Sieg und Niederlage

Die sechs Roboter, die die Qualifikation im Mai überstanden haben, ähneln weder Bruce Willis noch sehen sie wie Kampfmaschinen aus: Es sind fahrbare Computereingeweide mit einem Arm auf dem Dach. Die Forscher aus Freiburg schicken mit "Telemax" einen Vierbeiner mit Raupenketten ins Rennen, der bereits Erfahrung im Feld hat. Er holt mit seinem Greifarm Bomben aus Bussen oder kontrolliert verdächtige Pakete auf Bahnsteigen. Dabei wird er normalerweise aus der Entfernung per Funk gelenkt.

Für die TechX Challenge aber hat man "Telemax" kräftig aufgebohrt: An der Front des Fahrzeugs wurde ein rotierender Laserscanner montiert, der ein dreidimensionales Bild der Umwelt erstellt. Und in Form eines aufgeschnallten Laptops kam schließlich das Wichtigste an Bord: die künstliche Intelligenz (KI), deren Qualität wohl über Sieg und Niederlage entscheiden wird.

Außer den Freiburgern treten im Finale ausnahmslos asiatische Teams an, im Wettkampfkalender der Roboter ist die TechX Challenge noch ein Exot - deutsche Experten halten sich mit einer Bewertung des Wettbewerbs derzeit lieber zurück. Am häufigsten verglichen wird die TechX ausgerechnet mit der Robocup Rescue, in dem Maschinen die Rettung von Menschenleben in einsturzgefährdeten Gebäuden trainieren.

Tatsächlich sind sich Kriegs- und Rettungseinsatz in der Aufgabenstellung für Roboter äußerst ähnlich - weshalb die Freiburger Informatiker nicht nur so dastehen wollen, dass sie Singapur bei der Entwicklung von Kriegsgerät helfen: "Hier sucht man vielleicht Roboter, die irgendwann Grenzen des Landes sichern", sagt Alexander Kleiner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber die Problemstellungen sind universell, und die Entscheidung, für was die Technologie eingesetzt wird, liegt letztlich immer bei den Anwendern." Als Sieger wären sie zudem nicht verpflichtet, die Baupläne ihres Roboters bei den Militärs abzuliefern.

Beim Showdown am Sonntag ist Kleiners Team erst einmal zum Zuschauen verdammt. Und auch das nur mit Einschränkungen: "Telemax" wird durch die Tür in das Zielgebäude rollen, danach verlieren seine Erbauer jeglichen Kontakt zu ihrem Schützling. "Keiner weiß dann, was die nächste halbe Stunde drinnen passiert", sagt Alexander Kleiner.

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TechX Challenge: Kampf der Maschinen


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