Studie Kann Biolandbau die Menschheit ernähren?

Ist es möglich, die komplette Landwirtschaft weltweit auf Öko-Anbau umzustellen? Ja, errechnen Forscher - dafür müssten wir allerdings unsere Ernährung umstellen.

Einkaufskorb mit Bio-Lebensmitteln
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Die gesamte Landwirtschaft auf nachhaltige Bioproduktion umzustellen und damit die Weltbevölkerung zu ernähren, ist theoretisch machbar. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher im Fachmagazin "Nature Communications" . Das funktioniert aber nur, wenn Agrarmethoden und Konsumverhalten sich drastisch ändern.

So müssten die Menschen zum Beispiel weniger Fleisch essen und weniger Lebensmittel verschwenden. Ein deutscher Experte hält den von den Forschern vorgeschlagenen Weg zu einer weltweiten Öko-Landwirtschaft deshalb für ein "Wünsch-dir-was-Szenario".

In Deutschland wurde laut Bundeslandwirtschaftsministerium im vergangenen Jahr auf rund 7,5 Prozent der Agrarfläche Biolandbau betrieben. Global gesehen beträgt der Flächenanteil den Studienautoren um Adrian Müller vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau im schweizerischen Frick zufolge rund ein Prozent.

Geringere Erträge beim Biolandbau

Die Wissenschaftler schreiben, dass eine hundertprozentige Umstellung auf biologische Landwirtschaft unter heutigen Bedingungen langfristig nicht möglich ist. Sie gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung bis 2050 stark wachsen wird und die Landwirtschaft dann ungefähr fünfzig Prozent mehr Erträge bringen muss. Deshalb sei anzunehmen, dass schon unter konventionellen Bedingungen Anbauflächen stark ausgeweitet werden müssten.

Unter ökologischen Bedingungen wäre dieser Effekt sogar noch stärker, weil die Erträge beim Biolandbau niedriger sind. Um bis 2050 komplett auf Bio umzustellen, müssten im schlimmsten Szenario - bei großen Ernteeinbußen und ungünstigsten Bedingungen durch den Klimawandel - 81 Prozent mehr Flächen als heute landwirtschaftlich genutzt werden. Unter ökologischer Landwirtschaft verstehen die Forscher um Müller unter anderem einen Verzicht auf Nitratdünger und chemisch-synthetische Pestizide.

Die Konsequenzen eines reinen Biolandbaus könnten aber gemildert werden, indem der Verbrauch von Agrarprodukten eingeschränkt werde, schreiben die Wissenschaftler. Zum einen könne die Lebensmittelverschwendung verringert werden. Aber auch beim Tierfutter gebe es Einsparpotenzial. Denn Menschen und Tiere konkurrieren zum Teil um die gleiche Nahrung. Wenn Tiere nur Gras oder Nebenprodukte der Lebensmittelindustrie als Nahrung bekämen, würde dem Menschen mehr bleiben.

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Ökologische Vorteile

Die Forscher meinen: Bei einer hundertprozentigen Umstellung der Tierfütterung und einer Verringerung der Lebensmittelverschwendung um die Hälfte würden die heutigen Anbauflächen ausreichen, um bis 2050 weltweit komplett auf Bio umzustellen - und trotzdem genug Nahrung für alle zu haben.

Tiere anders füttern und weniger wegschmeißen - das klingt zunächst machbar. Aber: Potenzielle Lebensmittel könne man nur dann komplett aus dem Tierfutter verbannen, wenn gleichzeitig wesentlich weniger Tiere gehalten würden, schreiben die Forscher. Mit anderen Worten: Die Menschen müssten deutlich weniger tierische Produkte essen. Um dennoch die gleiche Menge an Kalorien und Proteinen aufzunehmen, könnten sie zum Beispiel mehr zu Hülsenfrüchten greifen.

Eine weltweite Umstellung auf Bio-Landwirtschaft hätte ökologische Vorteile, schreiben die Wissenschaftler. Die konventionelle Landwirtschaft verwendet beispielsweise Dünger mit Stickstoff. Der gelangt auch in Böden und Gewässer und kann damit Ökosysteme belasten.

"Wünsch-dir-was-Szenario"

Der Agrarwissenschaftler Andreas Bürkert von der Universität Kassel arbeitet speziell zur internationalen Ökologischen Landwirtschaft und Agrarökosystemforschung in den Tropen und Subtropen. Er ist der Meinung, dass die Ideen der Studie schwer umsetzbar sind: "Die Studie zeigt zwar umfassend, was prinzipiell möglich ist, aber eine weltweite Etablierung des fleischarm essenden, vernünftigen Bildungsbürgers ist unrealistisch. Das ist ein Wünsch-dir-was-Szenario, das nur durch große Veränderungen in der Politik und in der Bildung vorangetrieben werden könnte."

Bürkert weist außerdem darauf hin, dass sich in einigen Teilen der Welt der Fleischkonsum derzeit stark ausweite - zum Beispiel in China und Indien. Auch gebe es beispielsweise in Afrika landwirtschaftlich genutzte Flächen, die ohne den Einsatz von Mineraldünger, insbesondere von Phosphat, nicht nachhaltig ackerbaulich nutzbar wären.

Jürgen Heß, der ebenfalls an der Universität Kassel forscht und dort das Fachgebiet Ökologischer Landbau leitet, glaubt, dass die Studienergebnisse tendenziell eine gute Richtung aufzeigen: "Es ist seit Jahren bekannt, dass der Fleischkonsum eingeschränkt werden müsste - schon der Gesundheit zuliebe. Aber das ist ein Prozess, der sich über Jahrzehnte entwickelt, über Generationen."

Landwirte und Verbraucher könnten nicht gezwungen werden, sich umzustellen. In absehbarer Zeit sei deshalb eine komplette Umstellung auf Bio-Landwirtschaft auch in Deutschland nicht abzusehen.


Zusammengefasst: Theoretisch ist es möglich, die gesamte Landwirtschaft auf Bioanbau umzustellen und damit die Weltbevölkerung zu ernähren. Dazu müssten die Menschen ihre Ernährungsgewohnheiten allerdings drastisch umstellen. Sie dürften weniger Fleisch konsumieren und weniger wegwerfen. Daher ist dieses Szenario höchst unwahrscheinlich.

Nadja Wolf, dpa/brt

insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
Jor_El 14.11.2017
1. Wichtig:
Koordinierter Rückgang der Weltbevölkerung-auch in Industrieländern. Ziel maximal 2 Milliarden, ansonsten sind alle Vorschläge zu Naturschutz, Konfliktbewältigung und Welternährung umsonst.
Grün? Besser nicht 14.11.2017
2. Der Artikel ...
...enthält einen klassischen Fehlschluss: Selbstverständlich düngen die Biobauern auch mit Stickstoff, der kommt halt aus den Ausscheidungen der Tiere und wird, wenn zur falschen Zeit ausgebracht genauso ausgewaschen wie konventioneller Stickstoffdünger. Um die erforderlich pflanzliche Biomasse zu erhalten muss also entsprechend viel Stickstoff (neben anderen für die Entwicklung der Pflanzen notwendigen Ionen auf den Acker gebracht werden. Woher soll dieser Stickstoff kommen, wenn es weniger Nutztiere sein sollen? Dann bleibt noch das Problem mit den fehlenden Flächen und Ernteausfällen durch Schaderreger, die im Biolandbau kaum vernünftig bekämpft werden können. SO ist eine Vorsichtsmassnahme gegen Pilzinfektionen im Biolandbau eine geringere Bestandsdichte, um eine bessere Durchlüftung der Felder zu bekommen, was ein Grund für die geringeren Erträge ist. Wie man es dreht und wendet: Der Ausweg ist eine nachhaltige Intensivierung auf Gunstflächen.
joernthein 14.11.2017
3. Umgekehrt sollte die Frage lauten.
Ist die konventionelle Landwirtschaft in der Lage die Menschheit zu ernähren? Eine Landwirtschaft die ihre Grundlagen - ihre Böden verbraucht - kann bald nichts mehr produzieren.
mullah_nd 14.11.2017
4. Die Ernährung umstellen...
und die Supermärkte abschaffen.
karwal 14.11.2017
5. Klassischer Fehlschluss?
Eine Anzahl der Betriebe im Ökolandbau kommt völlig ohne tierische Stickstoffquellen aus. Sie nutzen die Fähigkeit von Leguminosen, den Luftstickstoff als Stickstoffquelle zu nutzen und pflanzenverfügbar zu machen. Eine entsprechende Fruchtfolge bestehend aus einem Kleegrasgemisch mit anschliessendem Getreideanbau kann leicht 200 kg/ha und Jahr Stickstoff bereitstellen...
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