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Kannibalismus in Amerika: Englische Siedler verspeisten 14-Jährige

AP

Forscher haben in den USA die Überreste eines 14-jährigen Mädchens untersucht. Grausiger Befund: Das Kind wurde von seinen Mitmenschen gegessen. Das Drama vor rund 400 Jahren zeigt, dass die ersten dauerhaften englischen Siedler in Amerika in der Not zu Kannibalen wurden.

New York - Die moderne Besiedlung Nordamerikas dient in den USA meist als Basis glorreicher Geschichten über Pioniere, die unwiderstehlich nach Westen vordrangen und sich dabei weder von Schnee und Eis noch von gewaltigen Gebirgen oder anderen Widrigkeiten stoppen ließen. Entsprechend verstört reagiert die Öffentlichkeit, wenn dunkle Seiten der Eroberung Amerikas ans Licht kommen - etwa die von Kannibalismus in Zeiten von Hungersnöten.

Die berühmteste Geschichte dieser Art ist die der sogenannten Donner Party, einer Gruppe von Siedlern, die Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Weg nach Kalifornien in Not gerieten und ihre Toten aßen, um nicht zu verhungern.

Jetzt haben Forscher nach eigenen Angaben bewiesen, dass schon die ersten dauerhaften englischen Siedler in Amerika zu Kannibalen wurden. Das berichtet das renommierte Smithsonian Institute nach der kriminaltechnischen Untersuchung von Knochen, die in der Nähe einer Siedlung in Virginia gefunden wurden. Demnach wurde dort im Hungerwinter 1609/1610, als 80 Prozent der Kolonisten starben, ein 14 Jahre altes Mädchen gegessen.

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Smithsonian Institute: Kannibalismus in Jamestown
"Mangel an Erfahrung beim Schlachten"

Axt- und Werkzeugspuren an ihrem im vergangenen Jahr gefundenen Schädel und ihrem Schienbein ließen keinen anderen Schluss zu. Vier oberflächliche Einschnitte an der Stirn seien auf einen gescheiterten ersten Versuch zurückzuführen, den Schädel zu öffnen. Anschließend sei der Hinterkopf von mehreren kraftvollen Schlägen eines kleinen Beils oder Hackmessers getroffen worden; der letzte habe den Schädel gespalten. Scharfe Einschnitte seitlich und unterhalb des Unterkiefers deuteten auf Versuche hin, Gewebe von Gesicht und Hals mit einem Messer zu entfernen.

Die genaue Todesursache des Jane genannten Mädchens habe nicht mehr festgestellt werden können, weil nur ein Zehntel der Knochen gefunden wurde. "Die freigelegten Knochen haben ungewöhnliche Spuren von Schnitten und Hieben, die Versuche, Unsicherheit und den völligen Mangel an Erfahrung beim Schlachten zeigen", sagte Anthropologe Douglas Owsley. "Der klare Vorsatz war aber, den Körper zu zerlegen, das Gehirn zu entnehmen und das Fleisch vom Gesicht zu entfernen und zu essen." Die Menschen seien verzweifelt gewesen. "Jedes verfügbare Fleisch wurde gebraucht."

Jamestown war 1607 von 104 englischen Siedlern gegründet worden. Nur 38 von ihnen überlebten die ersten neun Monate in der neuen Welt. Der Winter 1609/1610 raffte noch einmal fast alle übrigen Kolonisten dahin. Dass es auch Kannibalismus gab, wird seit Jahrzehnten unter Wissenschaftlern diskutiert. Nach Ansicht des Smithsonians ist die Frage durch die Untersuchung der Funde nun eindeutig beantwortet.

Möglicherweise gab es sogar schon früher Kannibalismus unter englischen Siedlern in Nordamerika. Ende des 16. Jahrhunderts kamen rund hundert von ihnen auf Roanoke Island vor der Ostküste Nordamerikas an - und verschwanden spurlos. Auch hier lautet eine der Theorien, dass es zu Kannibalismus gekommen sein könnte.

mbe/dpa

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