Steinzeit-Ernährung Kannibalismus im Kaloriencheck

In der Steinzeit sollen hier und da Kannibalen am Werk gewesen sein, glauben Archäologen. Doch wie nahrhaft war ein Urmensch überhaupt? Ein Forscher hat nun eine makabere Kalorienrechnung aufgemacht.

imago/ United Archives International

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Selbst vor Kindern machte die Meute nicht halt. Nach allem, was man weiß, wurde bei zwei von ihnen das Fleisch von ihren Knochen geschält. Zudem die längeren Gebeine zerschlagen - wohl damit man an das nahrhafte Mark kam. Auch zwei Jugendliche und zwei Erwachsene ereilte dasselbe Schicksaal. Zugetragen hat sich der Vorfall in der Höhle von Moula-Guercy im heutigen Südwestfrankreich - vor etwa 100.000 bis 120.000 Jahren.

Die zahlreichen Schnittspuren an den gefundenen Knochen sowie der Vergleich mit ähnlich behandelten Tierknochen und etliche weitere Indizien im Umfeld des Fundes ließen Archäologen zu dem Urteil kommen: Hier aß Homo neanderthalensis seinesgleichen - ein Fall von Kannibalismus in der Altsteinzeit.

Und nicht der Einzige.

Denn Fundstellen, an denen Vorfahren des Menschen sich gegenseitig verspeist haben sollen, gibt es einige. Doch unter Archäologen wird schon länger diskutiert, ob diese hominiden Funde wirklich als kannibalistischer Akt interpretierten werden können. Und welche Gründe sie gehabt haben mögen.

Verspeisten Menschen Menschen einfach nur, um satt zu werden? Daran zweifeln Forscher schon länger. Und eine neue Untersuchung des Nährwerts von menschlichen Körpern liefert nun weitere Indizien dafür, dass der sogenannte Ernährungskannibalismus sich kaum gelohnt haben dürfte.

Besiegte Feinde verzehrt

Kannibalismus hat verschiedene Ursachen: Neben dem reinen Überlebenskannibalismus, der in Notsituationen wie einem Flugzeugabsturz auch aus jüngerer Zeit bekannt ist, unterscheiden Forscher etwa den rituellen oder den pathologischen - wie beim Justizfall des "Kannibalen von Rotenburg".

In Papua-Neuguinea pflegte man die Hirne der Verstorbenen bei deren Beerdigung zu verspeisen - als Ausdruck des Respekts und der Trauer. Aus verschiedenen Kulturen ist auch überliefert, dass Teile von besiegten Feinden verzehrt wurden, um sich so ihre Stärke einzuverleiben. Zwar werden viele solche Berichte heute von der Forschung skeptisch beurteilt. Doch ganz ohne Grundlage dürften sie nicht gewesen sein.

Im Paläolithikum habe der Mensch dagegen einfach auf der Speisekarte so mancher Grüppchen der Gattung Homo gestanden, glauben einige Forscher - als ganz normales Nahrungsmittel. Starb ein Mensch, stellte er eben auch eine leicht verfügbare Nahrungsquelle dar.

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Dass es in der Umwelt möglicherweise genügend tierisches Protein gegeben hat, habe nicht interessiert - man habe halt gefuttert, was gerade da war. Diese Theorie wird auch von den Ausgräbern für den Höhlenfund von Moula-Guercy angenommen. Die Menschenknochen wurden zusammen mit denen von Tieren gefunden - beide wiesen ähnliche Spuren auf und wurden ähnlich abgelegt.

7500 Kilokalorien für einen Oberarm

Die Debatte hat nun einen britischen Forscher zu einer Frage geführt, die man mit den heutigen ethischen Maßstäben makaber finden muss: Wie nahrhaft war so ein Urmensch überhaupt?

Dazu hat James Cole von der University of Bristol eine Modellrechnung mit Durchschnittswerten für den modernen Menschen entwickelt. Neben den verfügbaren Daten von sämtlichen Teilen des menschlichen Körpers wurde auch die chemische Zusammensetzung von vier männlichen Individuen mit einbezogen.

Schätzungen über Nährwerte hatte es schon zuvor gegeben. "Doch dabei ist nicht einbezogen worden, dass in einigen Fällen auch Lunge, Leber, Gehirn, Herz, Knochenmark oder Genitalien und Haut verspeist worden sind", schreibt Cole im Fachmagazin "Nature Scientific Reports".

So kommt er insgesamt auf eine Kilokalorienangabe von etwa 126.000 für einen 55 Kilogramm schweren, erwachsenen Mann. Das entspricht dem damaligen Normalgewicht. Der Oberschenkel hätte demnach einen Nährwert von knapp 13.400 Kilokalorien, ein Oberarm bringt es dagegen auf nur 7500. Das Körperfett erreicht den höchsten Wert (etwa 50.000 Kilokalorien), das Herz dagegen nur 650.

Kilokalorienangaben von ausgewählten Körperteilen

Körperteil Durchschnittliches Gewicht (in Kg) Nährwert in Kilokalorien (Fett + Proteine)
Rumpf- und Kopfmuskulatur 4,17 5418,67
Oberarme 5,73 7451,16
Unterarme 1,28 1664,48
Schenkel 10,27 13354,88
Waden 3,45 4486,30
Gehirn, Wirbelsäule, Nervenstränge 1,69 2706,00
Lunge 2,06 1596,50
Herz 0,44 650,75
Nieren 0,35 376,00
Leber 1,88 2569,50
Fettgewebe 8,72 49938,50
Haut 4,91 10278,00
Skelett/Knochenmark 10,31 25331,50

Bei Neandertalern könnten diese Werte sogar noch höher gelegen haben, da sie über eine größere Muskelmasse verfügten. Auch die Werte für Frauen und Kinder liegen anders, gibt Cole zu bedenken.

Mensch oder Tier auf dem Speiseplan?

In einem weiteren Schritt verglich er die Kaloriendaten mit acht Fundorten und rechnete sie auf die jeweilige Anzahl der gefundenen und möglicherweise verspeisten Individuen hoch. Diese geschätzte Gesamtkalorienmenge verglich der Archäologe nun wieder mit den Überresten von Tieren, die ebenfalls an den Fundorten entdeckt wurden.

Wären die Kannibalentruppe durch das Fleisch der eigenen Art besser ernährt gewesen als durch die tierischen Proteine, die ja ganz offensichtlich auch zur Verfügung standen?

Eher nicht, schreibt Cole. Dafür sei am Urmensch einfach zu wenig drangewesen. So habe eine 25-köpfige Neandertaler-Gruppe von einem erlegten Mammut etwa 35 Tage leben können - ein einzelner Mensch habe die Gruppe nicht mal einen Tag lang gesättigt. Selbst ein verhältnismäßig einfach zu erlegender Rothirsch (Cervus) habe da länger satt gemacht.

Cole versteht seine Arbeit als zukünftiges Werkzeug für die Beurteilungen von Funden. Sie könnte Archäologen zumindest Indizien an die Hand geben, die bei der Interpretation helfen. Er betont aber zugleich, dass Schnittspuren an Knochen allein kein Beleg für Kannibalismus sind.

"Die Körper sind regelrecht auseinandergebaut worden"

Das sieht der Archäologe Jörg Orschiedt ähnlich. "Dass es reinen Ernährungskannibalismus gegeben hat, sehe ich generell kritisch", sagt der Archäologe, der nicht an der Studie beteiligt war. Er schließt Kannibalismus zwar nicht aus, geht aber eher von einer rituellen Behandlung der Knochen aus. Ob das Fleisch konsumiert worden ist, lässt sich alleine durch archäologische Methodik kaum sagen.

Zudem zeigten Spuren an den Knochen, dass oft weit akribischer vorgegangen wurde als bei der Zerteilung von Tieren. "Die Körper sind zum Teil regelrecht auseinandergebaut worden", sagt er. Auch das deute eher auf rituelle Motive hin.

Dass der Urmensch als Nahrungsmittel eher ungeeignet war, glaubt auch der Archäologe Holger Junker. "Dafür ist die Besiedlungsdichte in der Altsteinzeit viel zu gering gewesen", sagt er. Man hätte tagelang auf die Jagd gehen müssen, ehe man überhaupt menschliche Beute gefunden hätte." Zudem hat menschliche Beute einen entscheiden Nachteil: Sie ist genauso schlau wie der Jäger. Da war es deutlich einfacher, etwa auf Fische oder Hasen zu setzen.

Dass der Verzehr von Menschenfleisch in Vorzeiten dennoch real war, konnten Archäologen zumindest in einem Fall recht deutlich belegen: Bei einer Grabung zur Kultur der Anasazi-Indianer im heutigen US-Bundesstaat Colorado fanden sie Überreste von menschlichen Knochen, die Hunderte Schnittspuren enthielten.

Zudem wurde auch menschlicher Kot gefunden. Es enthielt Myoglobin, ergab eine Analyse, dasselbe Muskelprotein wurde auch in den Scherben eines Kochtopfs gefunden. Der Stoff kommt zwar im menschlichen Skelett- und Herzmuskelgewebe vor, nicht aber im Darm. Deshalb muss die Person, die ihre Notdurft offenbar direkt am Tatort hinterlassen hat, Menschenfleisch gegessen haben. Vermutlich aber eben nicht, um sich mal ordentlich den Bauch vollzuschlagen.



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