Karneval Liebe Leserin, lieber Leser,


kennen sie "De Höhner"? Nein? Ich schon, und zwar zur Genüge. Dabei handelt es sich um eine erfolgreiche Kölner Karnevalsband, die ich einmal als junger Journalist zwei Tage lang bei einer Mini-Tournee durch diverse Festsäle begleiten durfte. Als alle 14 Konzerte gespielt waren, hatte ich mit dieser bierähnlichen Plörre namens "Kölsch" abgeschlossen und mir auch noch einen penetranten Ohrwurm namens "Dicke Mädchen" eingefangen, den ich tagelang wie fremdgesteuert summen musste - übrigens ein neurologisches Phänomen, über das es sehr interessante neue Forschung gibt.

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Heft 10/2019
Ein deutsches Desaster

Nach der Reise mit "De Höhner" beschloss ich, mich nie wieder mit Karneval oder Fasching zu beschäftigen. Doch das Leben nimmt eigentümliche Wendungen, und ich heiratete ausgerechnet eine Frau aus einer schwäbischen Fastnachtshochburg. So wurde ich zur Teilnahme an mehreren Straßenumzügen verdonnert - und war irgendwie fasziniert von diesem archaisch anmutenden Treiben. Anders als in Köln geistern in Schwaben in erster Linie Hexen, zottelige Monster und albtraumhafte Maskenträger durch die Straßen. Ein Umstand, der mir mehr entgegenkommt als dieser ganze rheinische Frohsinn mit seiner Bützchenkultur und dem Dauergeschunkel.

Mein Forscherdrang war geweckt, ich wollte genau wissen, welche Ursprünge dieses Treiben hat. Also rief ich Werner Mezger an, Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Universität Freiburg, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit dem Thema beschäftigt und etliche lesenswerte Bücher und Bildbände dazu vorgelegt hat.

DPA

Ich lernte sehr viel bei diesem Gespräch, am interessantesten fand ich aber, dass Karneval und Fastnacht auch aus einer Not geboren wurden. Unsere Ackerbauer-Vorfahren mussten nämlich "nach Wegen suchten, die verderblichen Vorräte vollends aufzubrauchen". Das war notwendig, denn am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit, während derer der Christenmensch aufs Fleisch zu verzichten hat, und zwar nicht nur am Esstisch. So nutzen die Menschen die Gelegenheit, um ein letztes Mal ordentlich Party zu machen, inklusive Verkleiden, Völlerei, Suff und Fummeln. Dieser letzte Exzess vor der Askese wurde sogar von der Kirche gebilligt, "aus psycho-hygienischen Gründen", wie Metzger mir berichtete. Daher auch die Gruselmasken, denn die Kleriker fanden die Sause natürlich teuflisch.

Ich bin über meinen Ausflug in die Brauchtumsforschung zwar nicht zum Karnevalsfan geworden, aber er hat mir geholfen, das Land, in dem wir leben, noch ein bisschen besser zu verstehen. Außerdem bekam ich eine Antwort auf eine andere Frage, die ich mir schon öfter gestellt hatte: Warum kreist das Osterfest ums Ei? Auch das hat mit der Fastenzeit zu tun. Wegen des vorgeschriebenen Verzichts auf tierische Produkte sammelten sich nämlich derart viele Eier an, dass eine intelligente Verwertungsstrategie hermusste: Der Kult war geboren.

Herzlich,

Ihr Guido Kleinhubbert

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Abstract

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Bild der Woche

Das vier Wochen alte Gorillababy wird sich bei seiner Mama vermutlich geborgen fühlen. Doch das Foto, das im Zoo von Saint-Martin-la-Plaine in Frankreich aufgenommen wurde, strahlt eine seltsame Traurigkeit aus, die leider noch immer sehr gut passt zur aktuellen Lage der Menschenaffen. Gorillas zählen trotz aller Anstrengungen von Naturschützern zu den bedrohtesten Tierarten überhaupt. Sie leiden unter der Zerstörung ihrer Lebensräume und werden häufig zum Opfer von Wilderern, die Affenfleisch sehr teuer verkaufen können. Zudem verendeten in den vergangenen Jahren Tausende Gorillas an einer Krankheit, die auch vom Menschen gefürchtet wird: Ebola.

AFP

Fußnote

6000 Keime pro Milliliter fanden Forscher der Hochschule Furtwangen durchschnittlich in 54 Weihwasserproben aus Baden-Württemberg. Damit war die Konzentration gut 60-mal höher, als in Trinkwasser erlaubt ist. Entdeckt wurden unter anderem Staphylokokken, die Erkrankungen auslösen können. Weil die Verunreinigung anderswo vermutlich ähnlich massiv ist, mahnte die Erzdiözese Paderborn nun zur Vorsicht beim Umgang mit Weihwasser.


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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
beggagsell 02.03.2019
1.
Fasnet nennt sich das im Süden. Ihre Frau ist gescheitert mit Ihrer Assimilation. Dran bleiben!
Hyacinth 02.03.2019
2. Danke
Ich fand Ihren Beitrag sehr erhellend. Ich kannte bislang nur die Geschichte des Winteraustreibens.
gossenphilosoph 02.03.2019
3. Interessante Fakten
rund um den christliche Prägung unserer Kultur. Da Fr. Karliczek ja erneut die "Scheiterhaufen aufschichtet" und die Wissenschaft unter die Knute der Kirche zwingen will, sollte man wissen was in unserer Kultur noch so alles aus dem Christentum stammt. Nur einen Kritikpunkt habe ich und das betrifft die bittere Brühe die Sie Bier nennen - da trinke ich lieber das bekömmliche Kölsch. Leider wurde der Karneval in Köln den ich in meiner Kindheit sehr genossen habe auf genau die von Ihnen beschriebenen Punkte reduziert. Sie wären besser mit einer kleinen Gemeinschaft auf einen Zug durch die Veedel gegangen und mit Trömmelchen, Schellenkranz von Kneipe zu Kneipe - die fröhlichen Lieder singend mit denen die schon da waren. Das war wirklich schön - nicht dieses aggressive Powersaufen, wo Frauen quasi Freiwild sind. Das es zu erlegen gilt. Nein - seit RTL die unheilige Allianz mit der Prinzengarde geschlossen hat, hat sich der Karneval leider sehr verändert - darum war ja der Hit von Brings -"Supergeile Zeit" (ich hab das mal übersetzt) auch so ein Erfolg. Denn die Touristenmassen die zum "Ballermann im Winter" kommen und neuerdings wütend auf die Bühne stürmen entziehe ich mich und denke gerne, voller Wehmut, an die alte Zeit - die jedoch ist leider vorbei Alaaf
Einhorn 02.03.2019
4.
Na so ganz tief wurde da wohl doch nicht geforscht. Es gibt Überzeugungen die sagen, die Fasnet ist älter als die christiliche Tradition. Ein Indiz dafür sind die sehr unterschiedlichen Kostüme und Bräuche der einzelnen Zünfte - das alles soll die Kirche hervorgebracht haben? Das ist schwer vorstellbar. Ich folge eher der Überzeugung, dass die Kirche sich vieler "heidnischer" - meist keltischer - Traditionen bediente um sich die Akzeptanz zu sichern. Weihnachten liegt nicht zufällg grad neben der Wintersonnwende, Wallfahrtskapellen nicht zufällig auf keltischen Kultstätten - und hätte die Kirche die Fastnacht erfunden, wären die Feiern dann nicht überall am gleichen Tag? Könnte sie - wie in der Schweiz - tatsächlich kantonal geregelt sein?
matthias_lehmann 02.03.2019
5. Feedback und Anregung:
Verstehen einfach nicht versuchen. Mit dem Karneval ist man geboren oder nicht. Manche sins offen genug sich darauf einzulassen. Einfach mal ne Woche aushalten und schweigen nächstes Jahr wäre mein Tipp...
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