Kaschmir Camps der Verstörten

Fast 90.000 Menschen starben beim Erdbeben in Kaschmir vor drei Monaten. Doch die Katastrophe hat mehr als Tod und Zerstörung hinterlassen: Tausende Überlebende, die noch immer in Zeltlagern hausen, haben schwere psychische Schäden erlitten und sind ohne Hoffnung auf Hilfe.

Von Joachim Hoelzgen


Für Issa Jan, eine 41 Jahre alte Kaschmirin, hat sich der Lebensraum erbarmungslos zusammengezogen. Sie ist eine Überlebende des Erdbebens in Nordpakistan und kann sich nicht mehr erinnern, woher sie kommt. Sie weiß nur, dass einer ihrer Söhne beim Einsturz des Hauses von Lehmziegeln getroffen wurde, drei Tage im Koma lag und starb.

Vom Rest ihrer Familie ist Issa Jan getrennt worden. Nun lebt sie - wenigstens in Sicherheit - in einem Zeltlager der Hauptstadt Islamabad. Apathisch starrt sie vor sich hin. Sie beteiligt sich auch nicht am Sticken farbiger Ornamente auf die großen Tücher, mit denen sich die Kaschmiris umwickeln. Sie ist auf einen Kerosinkocher fixiert, mit dem sie allein und nicht in der Großküche des Lagers kochen will. Allein Kochen aber ist streng verboten.

"Issa ist seit dem Erdbeben geistig gestört", sagt in dem Camp der Helfer Iram Khan. "Solange sie hier ist, hat sie kein Problem. Was aber später einmal aus ihr wird, weiß niemand."

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Beben-Region: Das schwierige Überleben in Kaschmir

Das gilt nicht nur für die Frau ohne Gedächtnis, die nahe der modernen Hochhäuser Islamabads vollkommen hilflos wirkt. Ein ungewisses Schicksal droht den meisten der 3,5 Millionen Menschen, die das Beben im Oktober obdachlos gemacht hat. Denn viele von ihnen haben nicht nur Angehörige, sondern auch die seelische Balance verloren und leben in einem Tumult schrecklicher Erinnerungen.

Mit dem Erdbeben ist eine apokalyptische Angst über die Menschen hereingebrochen. Das geht aus dem ersten großen Bericht über die Gemütsverfassung Überlebender hervor, den jetzt zwei Psychologinnen verfasst haben - nach behutsamen Gesprächen mit 1075 zum Teil schwer verwirrten Menschen.

Alpträume und Depressionen

Praktisch ohne Ausnahme sind die Befragten schwer traumatisiert, stellen die pakistanischen Autorinnen Syeeda Adeel und Fahira Ashraf fest. Die Betroffenen werden von Alpträumen verfolgt, leiden an Schlaflosigkeit und dann wieder an zwanghaften Schlafanfällen. Und sie werden von Depressionen und Ängsten aller Art bedrückt, Frauen und Kinder mehr als die Männer, konstatieren Adeel und Ashraf.

Für ihre Arbeit mussten die beiden einiges wagen. Sie legten den beschwerlichen Weg in die völlig zerstörte Stadt Balakot und weiter nach Battagram am Karakorum Highway zurück, von dem aus nur Saumpfade in die Vorberge des Nanga-Parbat-Massivs führen. Einfacher hatten sie es in Peschawar, der Hauptstadt der pakistanischen Nordwestprovinz, wo sie im Krankenhaus Opfer des Erdbebens aufsuchten.

Die psychisch schwer angeschlagenen Menschen wiesen durchweg Anzeichen der posttraumatischen Belastungsstörung auf. Angst und Unruhe wechseln sich bei ihnen ab. Manche machen beim Sprechen lange Pausen oder stottern. Apathie und Aggression liegen bei vielen eng zusammen.

Kinder und Erwachsene gleichermaßen traumatisiert

Zum Beispiel bei einer jungen Familie aus Balakot, in der die 25 Jahre alter Mutter Shakeena Azhar nicht über den Tod ihres kleinen Sohns hinwegkommt. Depressionen, Appetitlosigkeit und Schwindelanfälle diagnostizierten die Psychologinnen bei ihr - und Weinkrämpfe kamen noch hinzu. Der Ehemann konnte der Frau, die mit einem Beinbruch im Feldhospital Balakots liegt, nicht helfen. Er sei aufgewühlt und niedergeschlagen; er hat bei dem Beben zwei Brüder und eine Schwester verloren.

Schwere Depressionen haben die Psychologinnen auch bei Kindern beobachtet, wie etwa bei der achtjährigen Salma, deren sonstiges Verhalten normal schien. Sie weinte allerdings auch weniger als andere Kinder. In besserem Zustand waren die Mädchen Kulsoom, 14, und Saira, 11. Doch auch sie litten - wie das Gros der Befragten - an Alpträumen.

Ähnliche Beobachtungen wie die beiden Psychologinnen, die ihre Feldforschung für das amerikanische Hilfswerk Dosti Foundation betrieben, machte die Ärztin Iftikhar Hassan von der Frauen-Universität Fatima Jinnah in Rawalpindi. "Manche der Kinder glauben, sie seien für den Tod ihrer Kameraden verantwortlich. Etliche sind deshalb in Schweigen verfallen", berichtet die Medizinerin. Von den Mädchen im Teenager-Alter wirkten nicht wenige selbstmordgefährdet. "Sie sagen uns, dass es besser wäre zu sterben."

Spielen hilft Kindern über das Schlimmste hinweg

Das Leid und die Sorge um die Zukunft machen aber nicht alle so hoffnungslos. Kinder, die von Syeda Adeel und Tahira Ashraf psychotherapeutisch betreut wurden, erholten sich schnell. "Am liebsten wollten sie wieder zur Schule gehen", heißt es in dem Report.

Das aber ist in den Zeltlagern nicht möglich; die Psychologinnen gaben ihnen dafür Farbstifte und Bücher, mit denen sie sich beschäftigen konnten. Das motivierte die Kinder so sehr, dass sie in den Camps bei Veranstaltungen zum Weltkindertag mitmachten. Psychologen der pakistanischen Armee regen die Kinder zum Spielen an - ein einfaches, aber offenbar geeignetes Mittel, um sie von düsteren Gedanken zu befreien.

Die Psychologinnen Adeel und Ashraf schlagen in ihrem Fazit vor, alle Überlebenden im Erdbebengebiet seelisch zu betreuen - eine Aufgabe, die freilich unmöglich scheint. Denn die Menschen müssen sich wegen des Winters und einer frostklirrenden Kältewelle auf das Weiterleben konzentrieren, und die Uno ist schon froh, mit ihren Vorräten den Wettlauf gegen die Zeit zu gewinnen: Erst Ende Februar setzt in den Tälern des Jhelum-Flusses und des Kishanganga die Schneeschmelze ein, und in den Hochtälern nutzen auch Aluminiumbleche als notdürftiges Dach wenig. Die Gebäude dort sind dermaßen durchnässt, dass sie praktisch unbewohnbar sind.

Dramatische Zustände in Zeltlagern

In den Feldlagern nehmen die Fälle von Bronchitis und Lungenentzündung zu, vor allem bei Kindern. Am dringendsten brauchen ihre Bewohner warme Pullover und trockenes Bettzeug.

In den abgelegenen Seitentälern am Karakorum Highway kommt mittlerweile Unruhe auf. Dort klagen die Dörfler, dass Regierungsbeamte wegen der starken Schneefälle zu Neujahr geflohen sind. Nur noch ärztliche Helfer aus Kuba harren dort aus.

Und ohne seelischen Beistand verheißt die Zukunft für das Millionenheer der Obdachlosen nichts Gutes. Die Psychologinnen Adeel und Ashraf fanden bei ihren Gesprächen heraus, dass viele Menschen Angst davor haben, den Begleiterscheinungen der Not - Drogen, Kriminalität und Prostitution - anheim zu fallen. Andere befürchten, zum Betteln gezwungen zu sein - oder mit Kindern handeln zu müssen.



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