Katastrophenforschung Nur keine Panik

Jahr für Jahr werden in Mekka Hunderte Pilger totgetrampelt, weil es im Gedränge zu Massenpaniken kommt. Deutsche Forscher und Ingenieure haben nun den Saudis geholfen, die Wallfahrt neu zu organisieren. Ist das Ritual jetzt sicher?

Von Max Rauner


Mehr als 1400 Tote im Jahr 1990, 270 Tote 1994, 118 Tote 1998, 251 Tote 2004. Erdrückt, totgetrampelt, erstickt. Anders Johansson kannte Mekka, so wie jeder angehende Panikforscher Mekka kennenlernt: in Opferzahlen.

Am 12. Januar 2006 erlebt Johansson mit, was hinter der Statistik steckt. Auf Einladung des Bauministeriums von Saudi-Arabien ist er nach Mekka gereist. Johansson soll die Pilgerströme erforschen, es ist das Thema seiner Doktorarbeit an der Technischen Universität Dresden. Als die Sonne sich dem Zenit nähert, sieht er auf einem Monitor ein Meer aus hellen Punkten: Pilger in weißen Gewändern, unterwegs zu drei Säulen im Tal von Mina, einige Kilometer außerhalb von Mekka. Die Säulen symbolisieren den Teufel, der nun gesteinigt wird. Hier soll Abraham den Teufel einst mit Steinwürfen in die Flucht geschlagen haben, so steht es im Koran. Heute ist das Areal videoüberwacht.

Um 11.53 Uhr nimmt das Geschubse an einem Zugang zu den Säulen zu, die Menge drängt vorwärts. Um 12.19 Uhr stockt der Fluss, um 12.30 Uhr entsteht plötzlich ein Loch in der Menge. Einige Pilger sind gestürzt, andere stolpern über sie. Anders Johansson ahnt, was in diesem Moment passiert, er muss sich setzen, er weiß: In diesem Gedränge kann auf den Körper der Druck von mehr als einer Tonne wirken. Das Gewicht eines Kleinwagens.

Die Teufelssteinigung von 2006 ging mit 364 Toten in die Statistik ein. Als Anders Johansson wenige Tage später in sein Büro an der TU Dresden zurückkehrt, hat er Videos im Gepäck: Filme von Menschen, die sich dicht gedrängt vorwärts schieben. Nun soll er die Ursache der Katastrophe erforschen. Er hat nicht viel Zeit. Am 28. Dezember 2006 beginnt die nächste Wallfahrt.

Nach der Massenpanik vom 12. Januar hatten die Behörden genug. Sie nahmen sich vor, die schwellenden Pilgerströme wieder in kontrollierbare Bahnen zu lenken, und holten sich Rat bei Dirk Helbing von der TU Dresden. Helbing, ein jugendlicher Zweimetermann, hat die Panikforschung mitbegründet, seine Artikel über Fußgängerströme und Massenpanik in Fußballstadien sind die meistzitierten des Fachs. Er stellte den Saudis ein deutsches Expertenteam zusammen, mit Verkehrsplanern aus Aachen, Logistikern aus Dresden sowie seinem Doktoranden Anders Johansson. Für Helbing ist Mekka "das größte Fußgängerproblem der Welt".

Jeder Muslim soll einmal im Leben nach Mekka pilgern, um seinen Gehorsam vor Gott zu beweisen. Die Wallfahrt, der sogenannte Hadsch (wörtlich übersetzt: "sich auf den Weg machen"), fällt jedes Jahr auf fünf Tage im letzten Monat des islamischen Mondkalenders. Der Prophet Mohammed begründete den Hadsch im siebten Jahrhundert. Erst kamen Hunderte, dann Tausende, bald Zehntausende Muslime. Am 12. Januar 2006 waren es drei Millionen.

Das macht Mekka, den Ort der Erlösung, zu einem Ort des Risikos. Nirgendwo sonst drängen sich so viele Menschen auf so engem Raum. Das Tal von Mina misst etwa drei mal drei Kilometer. Es ist, als würden alle Einwohner Berlins auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld zusammenströmen.

Die Pilger kommen aus mehr als hundert Ländern, die meisten steigen zum ersten Mal in ein Flugzeug, sie landen auf dem Flughafen von Dschidda am Roten Meer, der während der Wallfahrt ein eigenes Terminal eröffnet. Hunderttausende können nicht lesen, sie sprechen in Dutzenden verschiedenen Sprachen durcheinander. In einigen ihrer Herkunftsländer geht man rechts, in anderen links. "Viele unkontrollierbare Variablen", meint Dirk Helbing nüchtern.



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