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Katastrophenschutz-Studie: In Privathaushalten fehlen Notvorräte

Auf Krisensituationen sind viele Haushalte in Deutschland nicht vorbereitet, warnen Forscher aus Münster. Sie empfehlen Lebensmittelvorräte für zwei Wochen, Campingkocher und Radios mit Batterien. Katastrophenschützer plädieren gar für Notrucksäcke mit luftdicht verpacktem Essen für zwei Tage.

Die Broschüre des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe liest sich so, als müsste man jederzeit mit dem Weltuntergang, zumindest aber einem mittelschweren regionalen Unglück rechnen: Für alle Fälle solle sich jeder Haushalt Lebensmittelvorräte für ein bis zwei Wochen anlegen, heißt es in dem Heftchen "Für den Notfall vorgesorgt". Auch zum Haushalt gehörende Tiere sollten bei der Bevorratung berücksichtigt werden, warnen die Fachleute für kleinere und größere Katastrophen.

Mit Essensvorräten allein ist es jedoch nicht getan: Zum Zubereiten kleinerer Mahlzeiten solle man einen Campingkocher bereithalten. Wichtig sei zudem ein UKW-Radio mit Batterien und sogenanntes Notgepäck - idealerweise ein Rucksack mit Erste-Hilfe-Ausrüstung, wasserdicht verpackter Verpflegung für zwei Tage, Essgeschirr, Besteck und Schlafsack.

Dass sich kaum ein Bundesbürger an derartige Empfehlungen hält, haben nun Wissenschaftler der Fachhochschule Münster festgestellt. Ute Menski und ihre Kollegen befragten rund 600 Haushalte im Münsterland nach ihren Notfallvorräten - und bekamen ernüchternde Antworten. Die meisten Haushalte seien in Krisensituationen nicht ausreichend darauf vorbereitet, einige Tage aus eigener Kraft über die Runden zu kommen.

Dabei müssten es die Münsterländer eigentlich besser wissen, schließlich versank die Region im November 2005 im Schneechaos, manche Orte waren tagelang ohne Strom und von der Umgebung komplett abgeschnitten. Nur die Hälfte der Befragten gab an, sich künftig überhaupt Vorräte für den Fall der Fälle anlegen zu wollen.

Autoradio als Rettung

Katastrophenforscher Joachim Gardemann vermutet hinter diesem erstaunlichen Verhalten eine Art Schutzmechanismus: "Die Menschen wollen sich mit solchen Krisensituationen nicht auseinandersetzen und glauben vielmehr, dass es ein einmaliges Ereignis war."

Die Befragung der Fachhochschule Münster offenbarte auch Informationsdefizite. Das Schneechaos habe die Verwundbarkeit der technisierten Gesellschaft gezeigt. Mangels Strom hätten weder Radio, Telefon, Handy funktioniert. Während des Stromausfalls nutzten nur 18 der antwortenden Familien ein batteriebetriebenes Radio. "Gerade diese Defizite in der Kommunikationstechnik verunsicherten die Bevölkerung in erheblichen Maße", sagte Lina Quartey. Außerdem seien die zum Teil nächtlichen Lautsprecherdurchsagen kaum zu verstehen gewesen.

Einzelne Bewohner der betroffenen Gemeinden hätten sich schließlich in ihr Auto gesetzt, um Nachrichten zu hören, denn dieses verfüge immerhin über eine Batterie. "Dafür, dass Stromausfälle oder andere Krisen durchaus jederzeit vorkommen könnten, gibt es zu wenig Bewusstsein", sagte Gardemann, der Studie betreut hat.

Bei 164 Familien (27,7 Prozent) bewirkte die erlebte Katastrophe eine Veränderung des Vorsorgeverhaltens, so der Forscher. 71 Familien schafften haltbare Lebensmittel an, 32 Familien kauften ein Notstromaggregat, 49 Haushalte einen Campingkocher. Batteriebetriebene Radios wurden nur von Einzelnen gekauft, ebenso Trinkwasser.

Beim Bundesamt für Katastrophenschutz hält man Empfehlungen, die wie aus der längst vergessenen Ära des Kalten Krieges klingen, keineswegs für übertrieben: "Stadtteile beispielsweise in Trier können schon mal drei, vier Tage abgeschnitten sein", sagte Pressesprecherin Ursula Fuchs im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Darauf müsse man vorbereitet sein. Natürlich würden Hilfsorganisationen im Fall der Fälle schnell loslegen, etwa mit Suppenküchen. Aber Allergiker oder Patienten mit Neurodermitis bräuchten häufig spezielle Nahrung, die man besser vorrätig haben sollte.

Die Broschüre "Für den Notfall vorgesorgt" sei "wirklich sehr beliebt", sagte Fuchs. Als der Sturm "Kyrill" Deutschland bedrohte, habe es mehr als 25.000 Abrufe im Internet gegeben. " Der große Blackout in ganz Europa im November hat gezeigt, dass wir immer mit Risiken rechnen müssen."

hda

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