Keine Freude: Nobelpreisträger findet Auszeichnung peinlich

Der französische Chemiker Yves Chauvin soll den Nobelpreis erhalten - und findet die Auszeichnung nicht erfreulich, sondern "peinlich". Der 74-Jährige sagte, er werde nicht zur Verleihungszeremonie kommen und wolle weiterhin zurückgezogen leben.

Nobelpreisträger Chauvin: "Dieser Preis ist mir peinlich"
AFP

Nobelpreisträger Chauvin: "Dieser Preis ist mir peinlich"

Normalerweise reagieren Wissenschaftler mit atemloser Freude auf die Verleihung des Nobelpreises - zumal der Anruf aus Stockholm für die meisten überraschend kommt, da die Namen der Preisträger kaum vorhersehbar sind. Umso erstaunlicher war die Reaktion von Yves Chauvin, der heute von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften als einer der drei diesjährigen Chemie-Nobelpreisträger genannt wurde.

"Mir ist dieser Preis ausgesprochen peinlich", sagte der 74-jährige Ehrendirektor des Institut Français du Pétrole (IFP)in Rueil-Malmaison. "Meine Entdeckungen sind schon 40 Jahre alt, und ich bin ein alter Mann." Gefreut habe er sich keinesfalls. "Stockholm hat mich vor einer Stunde angerufen", sagte Chauvin den Reportern, die seine Wohnung in der westfranzösischen Stadt Tours belagerten. "Man hat mir viel Glück mit der Presse gewünscht. Ich beginne zu erkennen, was damit gemeint war."

"Ich hatte ein ruhiges Leben"

Seine Forschungen, für die er jetzt den Nobelpreis erhalten habe, lägen Jahrzehnte zurück. "Ich hatte genügend Zeit, das zu verdauen", sagte Chauvin, der seine ebenfalls mit dem Nobelpreis ausgezeichneten US-Kollegen Robert Grubbs und Richard Schrock lobte. "Ich wusste, dass meine Erkenntnisse wichtig waren. Ich habe den Weg bereitet, aber es sind meine amerikanischen Kollegen, die ermöglicht haben, dass ich diesen Preis heute bekomme."

Chemiker Schrock: "Mein Puls ist bei 200"
DPA

Chemiker Schrock: "Mein Puls ist bei 200"

Glücklich aber ist der pensionierte Forscher offenbar nicht. "Ich hatte ein ruhiges Leben, und jetzt muss ich sehen, dass das nicht länger der Fall ist." Chauvin kündigte an, nicht zur Preisverleihung am 10. Dezember nach Stockholm zu kommen.

Als die Reporter an Chauvins Mietwohnung klingelten, habe der Chemiker zunächst versucht, sie abzuwimmeln. Nach langen Diskussionen gewährte er ihnen Einlass - allerdings nur für wenige Minuten. "Es brauchte 30 Jahre Laborarbeit, um zu beweisen, dass meine Erkenntnisse interessant sind", sagte Chauvin. "Ich lebe heute allein, und meine ersten Gedanken sind bei meiner Frau, die vor einem Jahr verstorben ist."

Danach wollte er keine weiteren Worte verlieren. "Es ist nicht das Geld, das mir etwas bedeutet. Ich weiß nicht einmal, wie viel ich bekommen werde. Jetzt schließe ich meine Tür und werde versuchen, nicht weiter belästigt zu werden."

Schrock und Grubbs euphorisiert

Schrock und Grubbs reagierten weit enthusiastischer auf den Nobelpreis als Chauvin. "Mein Herzschlag ist bei 200, und ich kann kaum sprechen", sagte Schrock, 60, dem schwedischen Rundfunk. Die Mitteilung erreichte ihn beim Frühstück. "Das ist eines dieser Dinge, die man nie erwartet. Man forscht einfach immer weiter und wartet ab, was passiert."

Sein Kollege Grubbs, 63, hält in dieser Woche Universitätsseminare im neuseeländischen Christchurch. "Ich habe als erstes meine Kinder angerufen. Ist schon cool, so einen Nobelpreis mit den eigenen Kindern zu teilen."

Chemiker Grubbs: "Es ist schon cool"
DPA

Chemiker Grubbs: "Es ist schon cool"

Der Grund der Auszeichnung, die sogenannte Metathese, ist eine der wichtigsten Reaktionen in der organischen Chemie. Organische Substanzen enthalten Kohlenstoff. Die Atome können Ketten und Ringe bilden, sich an andere Elemente wie Wasserstoff und Sauerstoff binden und dabei Doppelbindungen eingehen.

Bei der Metathese wird mit Hilfe von Katalysatoren die Doppelbindung zweier Substanzen gebrochen, und es werden neue Bindungen geschaffen. Die schwedische Akademie verglich den Prozess mit Tänzern, die den Partner tauschen: Zwei Paare von doppelt gebundenen Kohlenstoffatomen binden sich aneinander, bilden für kurze Zeit ein Quadrat und trennen sich wieder. Die Partner sind anschließend vertauscht.

Auf diese Weise bauen die Katalysatoren Kohlenstoffverbindungen etwa aus Erdöl zielgerichtet um, so dass Kunststoffe und Arzneimittel daraus entstehen können - auf umweltschonendere Art als zuvor. "Dies ist ein großer Schritt in Richtung einer 'grünen Chemie'", erklärte das Nobelkomitee. "Die Metathese zeigt beispielhaft, wie wichtige Grundlagenforschung zum Nutzen der Menschheit, der Gesellschaft und der Umwelt angewandt wird."

Die Metathese wurde von Chauvin 1971 erstmals theoretisch detailliert erklärt. Schrock war 1990 der erste, der im Bereich der metallorganischen Chemie einen wirksamen Katalysator für die Praxis entwickelte. Zwei Jahre später verbesserte Grubbs diesen Katalysator so, dass er auch außerhalb des Labors zur Anwendung kommen konnte.

Grubbs forscht heute am California Institute of Technology in Pasadena, Schrock am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Wie auch Chauvin erhalten sie jeweils ein Drittel des Preisgelds von umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Schwedische Kronen).

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