Kenia Forscher entdecken 5000 Jahre alten Monumentalfriedhof

Meterhohe Steinpfeiler, riesige Steinhügel: Auf einem monumentalen Friedhof am Turkana-See wurden einst Hunderte Menschen bestattet. Nun rätseln Forscher: Braucht es einen Herrscher, um so etwas zu bauen?

Fundplatz Lothagam North: Steinerne Plattform (vorn) mit sechs Steinhügeln
Katherine Grillo

Fundplatz Lothagam North: Steinerne Plattform (vorn) mit sechs Steinhügeln


Wer seine Macht demonstrieren will, muss klotzen - auch architektonisch. Lange gingen Forscher deshalb davon aus, dass prähistorische Monumente wie Stonehenge ein Anzeichen für eine hierarchische Gesellschaft sind. Doch nun haben Archäologen einen 5000 Jahre alten riesigen Friedhof in Kenia entdeckt, der Zweifel an dieser Gesellschaftsthese aufkommen lässt.

Der Fundplatz Lothagam North liegt am Turkana-See und gilt als der älteste und größte Monumentalbau Ostafrikas. Die Erbauer legten dort vor etwa 5000 Jahren eine Plattform von etwa 30 Metern Durchmesser an, in die sie nach und nach Hunderte eng beieinander liegende Grabkuhlen meißelten. Mindestens 580 Menschen wurden darin bestattet, versehen mit reichlich Schmuck und anderem Zubehör, wie Ausgrabungen aus den vergangenen Jahren zeigen.

Wer baut so was und warum?

Um die Plattform herum errichteten die Menschen außerdem neun Kreise aus etwa 1,50 Meter hohen Steinpfeilern, die aus bis zu einem Kilometer Entfernung herangeschleppt werden mussten. Hinzu kommen weitere sechs Steinhügel, die zusammen eine Fläche von 700 Quadratmetern bedeckten. Wegen der Größe der Anlage und der zahlreichen steinernen Bauten sprechen Archäologen von einem Monumentalfriedhof.

Klar ist: So ein Bauwerk ist nur mit vielen Menschen zu stemmen. Doch wer gab es in Auftrag? Wer übernahm die Organisation? Wer entschied, wie alles einmal aussehen soll?

Laut gängiger Lehrmeinung ist eine soziale Hierarchie die Voraussetzung für solche Bauten - es braucht also einen Boss. Die Knochenanalysen von dem Fundplatz in Kenia sprechen aber eher dafür, dass die Erbauer des Monumentalfriedhofs in einer egalitären Gesellschaft lebten, berichtet ein internationales Forscherteam unter Beteiligung des Jenaer Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in den "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Wie die Gesellschaft Ostafrikas vor 5000 Jahren aufgebaut war, ist heute nur schwer zu rekonstruieren. Schriftquellen aus dieser Zeit gibt es keine. Deshalb sind es vor allem die Toten, die den Archäologen etwas über die Lebenden verraten. Eine hierarchisch organisierte Gesellschaft könnte sich beispielsweise dadurch zeigen, dass sich die einzelnen Gräber deutlich voneinander unterscheiden.

Auf dem Monumentalfriedhof von Lothagam North liegen jedoch die Knochen von Menschen aller Altersgruppen, von Neugeborenen bis zu Greisen. Nichts deutet auf eine herausgehobene Stellung einzelner Individuen hin, fast alle Gebeine waren versehen mit verschiedenen Arten von Schmuck.

Anhänger vom Fundplatz Lothagam North
Carla Klehm

Anhänger vom Fundplatz Lothagam North

Dazu zählten Schalen von Straußeneiern, Ohrringe oder Steinketten um Hals, Hüfte oder Fußgelenke. Manche hatten Ringe aus Flusspferd-Elfenbein, ein Toter trug eine aus mindestens 113 Rennmaus-Zähnen gefertigte Kopfbedeckung, ein anderer war mit zwölf Flusspferd-Hauern versehen. Zudem fanden die Forscher Hunderte farbige Steine und Mineralien, etwa rosa Analcim oder violetten Fluorit.

Nicht nachweisbar mit Hierarchie verbunden

"Diese Entdeckung stellt frühere Ideen zu Monumentalanlagen infrage", sagt Anthropologin Elizabeth Sawchuk. Die Erbauer der Anlage waren nach Ansicht der Forscher Viehnomaden. "Lothagam North ist ein Beispiel für eine Monumentalanlage, die nicht nachweisbar mit der Entstehung von Hierarchie verbunden ist", sagt Sawchuk.

Doch wenn das riesige Bauprojekt nicht dazu diente, die Herrschaft einer Elite zu stärken, wozu diente es dann?

Fest steht: Als der Monumentalfriedhof angelegt wurde, hatten sich die Lebensbedingungen deutlich verschlechtert. Zu jener Zeit - also vor etwa 5000 Jahren - wurde das über Jahrtausende feuchte Klima in der Region merklich trockener. Der Pegel des Turkana-Sees fiel um 55 Meter, die Wasseroberfläche schrumpfte um die Hälfte. Der Klimawechsel trieb offenbar Hirten, die mit ihrem Vieh im Gebiet der heutigen Sahara lebten, an die Ufer des Turkana-Sees, wo sie den riesigen Friedhof errichteten.

"Die Anlage hat den Menschen vielleicht als Ort gedient, um sich zu versammeln, ihre sozialen Verbindungen zu erneuern und die Identität der Gemeinschaft zu stärken", sagt Anneke Janzen vom Max-Planck-Institut. Aufgegeben wurde der Friedhof erst Jahrhunderte später - just zu jener Zeit, als sich das Klima und der Wasserpegel des Sees stabilisierten.

koe/dpa



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