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Kennedy-Mord: Kugelsplitter könnten Mordkomplott gegen JFK beweisen

Neue Nahrung für alte Verschwörungstheorien: Der Mord an US-Präsident Kennedy geht einer aktuellen Studie zufolge vielleicht doch nicht allein auf das Konto von Lee Harvey Oswald. Forscher fordern jetzt eine erneute Untersuchung der am 22. November 1963 abgefeuerten Kugeln.

Washington - Ballistische Untersuchungen unter Rückgriff auf moderne Methoden der Statistik und der chemischen Analyse zeigten, dass Lee Harvey Oswald damals nicht der einzige Schütze gewesen sei, heißt es in der jüngsten Ausgabe des Fachblatts "Annals of Applied Statistics". Die seinerzeit von den Experten angeführten Belege, wonach die Möglichkeit eines zweiten Mörders ausscheide, hielten den Tatsachen nicht stand, schreibt der Ex-FBI-Agent William Tobin, der die Arbeit gemeinsam mit dem Statistik-Professor Cliff Spiegelman und dem Chemiker William James von der Texas A&M University vorgelegt hat.

Die neuerliche Analyse habe ergeben, dass die am Tatort gefundenen Kugelfragmente von mindestens drei unterschiedlichen Kugeln stammen könnten. Wenn dies zutreffe, sei die Möglichkeit eines zweiten Schützen, der Kennedy getroffen haben könne, nicht mehr auszuschließen. Deshalb sei es wissenschaftlich geboten, die fünf Kugelfragmente erneut untersuchen zu lassen.

Zweifel an Oswalds Alleintäterschaft

Die Alleintäterschaft Oswalds wurde schon immer bezweifelt. Lyndon B. Johnson, Kennedys Nachfolger im Amt des US-Präsidenten, hatte im November 1963 einen Ausschuss einberufen, um den Hergang des Attentats aufzuklären. Die sogenannte Warren-Kommission legte zehn Monate später ihren 850-seitigen Bericht vor, in dem es hieß, Oswald sei ein Einzeltäter gewesen. Er hat demnach mit einem Gewehr drei Schüsse abgegeben. Eine Kugel habe verfehlt, eine zweite habe Kennedys Hals durchschlagen und den vor ihm sitzenden texanischen Gouverneur John Conally verwundet, die dritte habe den Präsidenten in den Kopf getroffen.

Diese Version wurde unmittelbar nach der Veröffentlichung stark bezweifelt. Insbesondere der zweite Schuss hätte laut dem Warren-Report insgesamt sieben Verletzungen bei Kennedy und Conally zur Folge gehabt, ohne dass die Kugel stark verformt worden wäre. Das Geschoss wurde deshalb auch als "magische Kugel" verspottet.

Zudem ist in dem berühmten Film des Attentats, den Abraham Zapruder mit einer 8-Millimeter-Kamera gedreht hat, zu sehen, wie Kennedys Kopf nach dem Treffer nach hinten fliegt - obwohl Oswald Kennedy von hinten getroffen haben soll. Ein Teil der hinteren rechten Seite von Kennedys Schädel wurde durch den Treffer abgesprengt, was ebenfalls dafür sprechen könnte, dass die Kugel von vorn kam.

"Fundamentale Fehler" in alten Indizien

Eine der verschiedenen Erklärungen für die Unstimmigkeiten war und ist die Theorie, dass ein zweiter Schütze an dem Anschlag beteiligt war, der Kennedy aus einer anderen Richtung ins Visier genommen hat. Tatsächlich kam 1976 ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des US-Repräsentantenhauses zu dem Ergebnis, dass Oswald zwar Kennedys Mörder, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Einzeltäter war. Ein zweiter Täter habe geschossen, aber verfehlt. Der Ausschuss konnte allerdings keine Aussage darüber treffen, wer außer Oswald in das Attentat verwickelt gewesen sein könnte. Oswald selbst hatte seine Unschuld beteuert und wurde zwei Tage nach dem Anschlag selbst ermordet.

Tobin und Cliffman wollen nun Hinweise dafür gefunden haben, dass die Indizien der Warren-Kommission für Oswalds Alleintäterschaft "mit fundamentalen Fehlern" behaftet sind. Die Forscher haben chemische und forensische Analysen an Gewehrkugeln durchgeführt, die aus derselben Produktion stammen wie die von Oswald benutzten Geschosse. Sie haben Methoden angewandt, die in den sechziger Jahren noch nicht zur Verfügung standen.

Kugeln weniger selten als angenommen

Dabei habe sich herausgestellt, dass die Projektile längst nicht so selten waren wie von der Warren-Kommission angenommen. Der damals eingesetze Sachverständige hatte zu Protokoll gegeben, dass die Reste der beim Kennedy-Attentat verwendeten Kugeln aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung nur aus der von Oswald benutzten Schachtel stammen könnten.

Tobin und seine Kollegen aber glauben, dass die fünf noch vorhandenen Kugelfragmente zu insgesamt drei oder mehr Geschossen passen könnten. Da Oswald aber nur dreimal gefeuert haben soll, würde eine vierte Kugel bedeuten, dass er nicht allein war. Eine der zehn bei den neuen Tests verwendeten Kugeln habe sogar exakt zu den Fragmenten gepasst.

Tobin, ein angesehener Kriminalist und früherer Agent der US-Bundespolizei FBI, leitete mehr als 20 Jahre lang das FBI-Labor zur Analyse von Metallen. Er wurde in die Ermittlungen zur Aufklärung zahlreicher spektakulärer Anschläge eingeschaltet, beispielsweise des Sprengstoffattentats in Oklahoma City 1995 oder der Sprengung einer Boeing der TWA über Long Island, die von New York nach Paris unterwegs war.

Nach seiner Pensionierung hatte Tobin durch zahlreiche Studien nachgewiesen, dass die vom FBI jahrzehntelang praktizierte Beweisfindung durch chemische Analyse von Geschossen eine hohe Fehlerquote aufweisen kann. Dass FBI verzichtete daraufhin nach 2003 auf diese Methode.

jdl/mbe/AFP

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